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Im Rollstuhl durch Dresden - Wie ich einen Tag lang meine Beine gegen vier Räder tauschte

Im Rollstuhl durch Dresden - Wie ich einen Tag lang meine Beine gegen vier Räder tauschte

„Wir sind alle eigentlich nur temporär nicht behindert.“ Am Anfang unseres Lebens als Baby und am Ende als alter Mensch brauchen wir Hilfe und Unterstützung – manche brauchen diese Hilfe eben ihr ganzes Leben lang.

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Im Rollstuhl durch Dresden

Quelle: Dominik Brüggemann

Auf diesen Satz von Raúl Krauthausen stoße ich bei meiner Recherche zum Leben mit Behinderung. Die Aussage gibt mir zu denken. Einen halben Tag lang habe ich deshalb Kati Stephan, die Vorsitzende vom Verband der Körperbehinderten der Stadt Dresden, begleitet. Wir sind zusammen im Rollstuhl durch unsere Stadt gefahren.

Treffpunkt ist am Albertplatz in der Neustadt. Ich sehe Kati Stephan schon von weitem. Schick sieht sie aus, im sommerlichen Outfit mit weißem Hut. Mit ihrem Elektrorollstuhl kommt sie auf mich zugefahren, an ihrer Seite ihr persönlicher Assistent Stefan Wicklein. Die 37-Jährige lebt seit ihrer Geburt mit einer spinalen Muskelathrophie. Darunter versteht man den Schwund der Skelettmuskulatur bzw. die Verkleinerung des Muskelquerschnitts.

Nach der Begrüßung nehme ich in „meinem“ Rollstuhl Platz. Plötzlich sehe ich die Welt nur noch aus halber Höhe. Etwas ungewohnt ist es, die Verantwortung für die eigene Fortbewegung an einen anderen Menschen abzugeben – Kati Stephans Assistent schiebt mich die meiste Zeit während unserer Tour durch Dresden. Ich balanciere meine Handtasche auf meinem Schoß und los geht es. Vom Albertplatz aus bewegen wir uns in Richtung Hauptstraße. Schon an der ersten Kreuzung zucke ich kurz zusammen weil ich nicht anhalten kann, wann ich es möchte, sondern mich voll auf Stefan verlassen muss. Das ungewohnte Gefühl weicht aber schnell dem Vertrauen in seine geübten Hände. Kati Stephan vertraut ihrem Assistenten, einem von insgesamt fünf, schon seit 2009. Befreundet sind sie viel länger, haben sogar schon zusammen gewohnt. Nun teilt sich Stefan die Assistentenstelle mit den anderen, arbeitet an rund zehn Tagen im Monat für die Dresdnerin, die ohne ihn nicht einmal ein Glas Wasser trinken oder die Brille wechseln könnte.

Kati Stephan lebte in ihrem Erwachsenenleben lange im Heim, doch sie sehnte sich mehr und mehr nach Selbstständigkeit. 2006 wagte sie den Auszug aus dem Heim in eine eigene Wohnung mit Pflegedienst. „Das hat leider überhaupt nicht funktioniert. Ich fühlte mich sehr eingeschränkt. Die Pfleger wollten mich beispielsweise immer schon um 20 Uhr bettfertig machen, von einem selbstbestimmten Leben keine Spur.“ Seit 2006 wohnt sie nun in ihrer eigenen Wohnung in der Neustadt, unterstützt von ihren Assistenten, die sich je nach Dienstplan abwechseln. Eine behindertengerechte Wohnung in Dresden zu finden, sei sehr schwer. Zu teuer, zu schlecht ausgestattet – die Suche nach den eigenen vier Wänden kann für Menschen mit Handicap zur Nervenprobe werden. „Es gibt in Dresden tatsächlich behinderte Menschen, die ihre Wohnung ohne fremde Hilfe nicht verlassen können, das darf nicht sein“, ärgert sich Kati Stephan.

Auf der Hauptstraße angekommen stellen wir fest: Kopfsteinpflaster ist der Feind aller Rollstuhl- und Rollatorenfahrer. Als Stefan mich loslässt und ich mit meinen Armen den Rolli selbst anschieben soll, komme ich nicht weit. Ich bleibe mit den Rädern im Pflaster stecken, es geht keinen Millimeter vor, keinen zurück. „Auf das Problem mit dem Kopfsteinpflaster weisen wir schon seit Jahren bei der Stadtverwaltung hin, für Menschen die keinen Elektrorollstuhl fahren, sind manche Strecken fast nicht passierbar“, sagt Kati Stephan.

Nachdem Stefan mich befreit hat, wagen wir uns an das nächste Abenteuer im Rollstuhl: wir wollen Geld am Bankautomaten abheben. Angekommen vor der Bank weiß ich nicht recht, ob ich weinen oder lachen soll ob der Absurdität des Anblicks, der sich mir bietet. Die Klingel für Rollstuhlfahrer ist so weit oben angebracht, dass ich sie selbst mit ausgestrecktem Arm nicht erreichen kann. Der Briefkasten für die Überweisung hängt auf gleicher Höhe.

Im Innenraum der Filiale vor dem Geldautomaten angekommen, das gleiche Bild: so sehr ich meine Arme auch aus dem Rollstuhl nach oben strecke, ich kann weder meine Geheimzahl eingeben noch den Betrag auswählen, den ich abheben möchte. „Ich ärgere mich so oft über diese kleinen alltäglichen Hindernisse. Toll wären Bankomaten, die man in der Höhe verstellen kann“, meint Kati Stephan. Sie flüstert ihrem Assistenten noch schnell die Geheimzahl ins Ohr, dann surrt der Automat. „Gott sei Dank sind meine Assistenten sehr vergesslich“, schmunzelt die Dresdnerin. Für Überweisungen nutzt sie aber dann doch das Online-Banking. Die Vorsitzende des Verbandes der Körperbehinderten muss aufs Geld achten. Nur rund 700 Euro Grundsicherung abzüglich Miete bleiben ihr im Monat. Ihre persönlichen Assistenten kosten zwischen 8000 und 10 000 Euro im Monat, was zum größten Teil durch das Sozialamt finanziert wird. Doch die persönliche Unabhängigkeit ist das Geld wert. „Ich möchte essen, duschen und spazieren gehen, wann ich das möchte und nicht, wenn es der Pflegedienst vorgibt“, betont die 37-Jährige.

Nach dem Geldholen beschließen wir, in die Stadt zum Einkaufen zu fahren. Von Frau zu Frau stellen wir unsere gemeinsame Vorliebe für Ohrringe fest. Unser Fotograf verdreht lächelnd die Augen – diese Mädchengespräche. Am Palaisplatz wollen wir in die Straßenbahn einsteigen. Als die Bahn anrollt, brauche ich Hilfe beim Hineinfahren über die Türschwelle, Kati Stephan schafft es allein. „Dresdens Haltestellen sind sehr unterschiedlich ausgebaut, bei vielen komme ich ohne Hilfe in die Straßenbahn, manchmal brauche ich Hilfe vom Assistenten“, erzählt die Neustädterin.

Angekommen im Klamottengeschäft bewundere ich die neuesten Trends aus einer für mich ungewohnten Perspektive. Als mir ein Teil am Kleiderständer gefällt, gelingt es mir nicht, es herunterzuangeln. Auch die Gänge zwischen den Regalen sind eng. Ein Problem seien auch die öffentlichen Toiletten in der Stadt, sagt Kati Stephan. Viele sind zu klein, nicht richtig ausgestattet. „Ohne Liege sind sie für mich nicht nutzbar.“ Am Ende unseres gemeinsamen Tages zeigt Kati Stephan mir noch die Räume des Verbandes der Körperbehinderten an der Strehlener Straße 24. Hier gibt es eine große, mit Liege zum umziehen ausgestattete Toilette.

Seit 2009 setzt sie sich an der Spitze des Verbandes für die Interessen und Bedürfnisse von Menschen mit einem körperlichen Handicap ein. Rund 200 Mitglieder hat der Verein. In den Räumen werden Beratungsgespräche, Kennenlernnachmittage, Stammtische und kreative Unternehmungen angeboten. Nach dem Rundgang verabschieden wir uns voneinander. Ich stehe nach Stunden des Sitzens wieder aus dem Rollstuhl auf, etwas wackelig auf den Beinen laufe ich los. Ein spannender Tag liegt hinter mir – in Zukunft werde ich in Dresden wohl auch immer ein bisschen auf die Pflastersteine und Bordsteinkanten schauen.

Julia Vollmer

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