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Im Porträt: Karlheinz Graf ist in Dresden geboren und "ein ausgesprochen glücklicher Mensch"

Im Porträt: Karlheinz Graf ist in Dresden geboren und "ein ausgesprochen glücklicher Mensch"

Ohne Wasser und Boote wäre Karlheinz Grafs Leben nur ein halbes Leben. Schwärmt er von den Stunden auf Schiffen, Jollen, Kielbooten oder Yachten, sind die Schmerzen in der Hüfte fast vergessen.

Der Hitlerjugend entrinnen durchs Segeln? Sofort! Im Herbst 1945 durch den Trondheim-Fjord segeln und von den Inseln Hinterlassenschaften der Wehrmacht einsammeln? Der damals 21-jährige deutsche Offizier ist begeistert.

Mooooment. Herbst 1945, verlorener Krieg, Begeisterung - wie geht das zusammen? Hier muss jetzt mal die Sache mit dem Glück eingestreut werden. "Ich habe ein ausgesprochen glückliches Leben gehabt", sagt nämlich Karlheinz Graf, der im Dezember 1924 im Dresdner Stadtteil Striesen zur Welt kam. Und tatsächlich. All die Jahre hindurch hat es sich ihm quasi in den Weg geworfen, das Glück. Beim Segeln, im Krieg, beim Studium, in der Liebe, im Beruf - fast immer musste er nur zugreifen. Bis auf wenige Ausnahmen hat er das getan.

Zum Beispiel an jenem Tag, als er 1939 gemeinsam mit seiner Mutter das Grab des Vaters in Tolkewitz besuchte. Das Schicksal schien allergrößtes Interesse daran gehabt zu haben, beide just in dem Moment wieder auf die Straße treten zu lassen, als schräg-rüber jemand sein Fahrrad aufs Gelände des Dresdner Segelclubs (DSC) schob. "Meine Mutter hat den angesprochen und er hat uns prompt mit reingenommen", erinnert sich Karlheinz Graf an jenen Augenblick, der sein Leben fest mit dem Wasser verbinden sollte. Denn von da gab es sie, die Leidenschaft fürs Segeln. Die Mutter kaufte ihm ein Faltboot, nähte die Segel dazu. "Jeden Donnerstag und jedes Wochenende war ich im Segelclub", erzählt er.

Doch jedes Wochenende traf sich auch die Hitlerjugend zum Marschieren am Schillerplatz. Musste er da nicht mit hin? "Das hat mir nicht gefallen", antwortet Karlheinz Graf und deutet an, dass Segeln bei den völkischen Jungertüchtigern als akzeptabler Grund fürs Fernbleiben durchging.

Angst vor Restriktionen hatte er nicht. Bekam er auch zu Hause nicht eingepflanzt. "Meine Mutter war völlig unpolitisch", sagt er, als wäre dies das Mittel, das einen unbeschadet durch jede Zeit trägt. Martha Graf jedenfalls tat in diesem Sinne ihr Bestes. "Sie war die Tochter des Dresdner Tapezierobermeisters Wolf, eine herrliche Dynastie", dröhnt es aus Karlheinz Graf mit der ganzen Inbrunst eines Mannes, der sich nach dem Krieg im Osten so gut es eben ging mit der volkseigenen Wirtschaft arrangierte, aber nach der Wende die bundesdeutschen Segnungen von Herzen genoss. Mutter Martha war Hausfrau, behütete ihr einziges Kind und stärkte ihrem Gatten den Rücken. Karl Moritz Graf hatte noch mit dem damaligen Dresdner Stadtbaumeister Hans Erlwein (1872 bis 1914) gearbeitet. Doch wie dieser starb auch er früh. Ab Oktober 1931 mussten Mutter und Sohn alleine klarkommen.

"Meine Mutter hat mir einen unverwüstlichen Optimismus vorgelebt, der hat mich das ganze Leben lang getragen", erklärt der Sohn heute wie aus der Pistole geschossen, warum ihm nie ernsthaft Schlimmes zugestoßen ist. Mit 17, kurz nach dem Notabitur am König-Georg-Gymnasium in Dresden, wurde er eingezogen. Natürlich zur Marine. "Den Abschied am Bahnhof werde ich nie vergessen", erzählt er. Alle Mütter hätten ihre Sprösslinge zum Zug gebracht, sie weinten und barmten. Nicht so Mutter Graf: "Lass sie ruhig jammern", habe sie zu ihm gesagt, "ich weiß, ich seh Dich wieder, entweder als Matrose oder als Offizier. Du brauchst Dir keine Gedanken zu machen." Karlheinz machte sich keine Gedanken. Das Glück lugte um die Ecke. Und er kam wieder. Als Kadett und später als Fähnrich.

"Ich war kein Militär. Und ich bin froh, dass ich in diesem Krieg keinen habe totschießen müssen." Karlheinz Graf lehnt sich mühsam in seinem Sessel nach vorn, nimmt einen Schluck Kaffee, sammelt sich. "Als Abiturient war ich quasi eingerastet für die Offizierslaufbahn". Anfangs kam er in einem Begleitboot für große Schiffe in Cuxhaven zum Einsatz. Das Schicksal fühlte sich wohl herausgefordert, denn es fuhr eine "Spritfire" auf. Der britische Jagdflieger traf das Boot, ein Splitter verletzte Karlheinz am Bein. Doch damals wie heute pflegt der glückliche Mann einen besonderen Umgang mit Krankheiten: "Die kommen, lassen mich kurz zusammenklappen, und dann stehe ich wieder".

Auf diese mystische Weise behütet, überlebte er den deutschen Vernichtungs-Feldzug, der ihn über Holland und Dänemark zu "Routinefahrten" nach Norwegen führte. Das Kriegsende 1945 sah ihn als Oberfähnrich in Trondheim. Jener Sommer findet hier Erwähnung, weil mitten in der Niederlage wieder einmal das Glück seine Nase rausstreckte. Denn als es darum ging, wer von den "in Reservation" befindlichen Deutschen segeln könne, meldete sich der Dresdner. Wochenlang durfte er durch den Trondheim-Fjord segeln, um deutsche Soldaten und deutsche Waffen von den Inseln zu räumen. "Ein toller Sommer!"

Das Angebot, in Norwegen Schiffbau zu studieren, schlug er jedoch aus. Er wollte seine Mutter wiedersehen, von der er wusste, dass sie die Bombardierung Dresdens überlebt hatte. Diesmal ließ er das Glück liegen.

Mag sein, dass es darum ein wenig eingeschnappt war. Denn rückblickend sagt der 90-Jährige: "Hätte ich das gemacht, wäre ich schneller zu Hause gewesen". Im Herbst 1945 nämlich ging es für ihn und seine Crew zum Arbeitseinsatz nach Frankreich. Doch er landete im Kriegsgefangenenlager, wo der Hungertod Alltag war. Der großgewachsene Mann wog bald nur noch 43 Kilogramm. Allerdings zwinkerte ihm das Schicksal kurz vorm Ende der Lagerhaft doch noch zu. In Mulsanne gab es eine Lagerakademie, in der die Insassen einander etwas beibrachten. "Ich belegte zwei Trimester Architektur", schildert Karlheinz Graf, wie seine Zukunft Gestalt anzunehmen begann.

Frühling 1947. Dresden hatte ihn wieder. Was für ein Glück, die Mutter in die Arme zu schließen! Was für ein Schock, die kaputte Stadt zu sehen. Das Haus in Striesen, in dem er aufgewachsen war, gab es nicht mehr. "Ehe wir in die Anton-Graff-Straße umzogen, wohnten wir unterhalb des Fernsehturms, elend weit weg vom Zentrum", nörgelt Karlheinz Graf. Doch es gab Wichtigeres. Der Rückkehrer war 22 Jahre alt, ohne Ausbildung, aber mit einem festen Ziel. Er wollte Architektur studieren. Durfte aber nicht, weil die TH Dresden keine ehemaligen Wehrmachts-Offiziere aufnahm. "Also lernte ich Maurer." Nach den Lagerkursen in Mulsanne war die Gesellenprüfung ein Klacks, nur sechs Monate später hatte der Umschüler sie in der Tasche, bewarb sich an der Ingenieurschule Dresden und stieg gleich ins zweite Semester ein. 1951 war er Ingenieur. Und verliebt bis über beide Ohren in Erika, eine gleichaltrige Kommilitonin. Beide stiegen ein beim Entwurfsbüro für Industriebau Dresden I, heirateten im Oktober 1953.

"Das war ein ganz großer Glücksumstand, dass ich die Erika gefunden habe", berichtet Karlheinz gerührt, wie ihm das Schicksal mal wieder auf die Sprünge geholfen hatte. Und weil das keine halben Sachen macht, schob es den jungen Eheleuten auch noch eine gemeinsame Wohnung zu. Alles übrigens ohne das damals so hilfreiche rote Parteibuch. Einen Ausflug in die LDPD hatte der Mittzwanziger damals rasch beendet - "die laberten bloß rum". Nach zwei Jahren Mitgliedschaft trat er 1950 aus und zeitlebens nie wieder in eine Partei ein.

Als er sich vier Jahre später erneut an der Uni Dresden um ein Architekturstudium bewarb, haben sie ihn dort "mit geschmatzten Händen" genommen, erzählt Karlheinz Graf genüsslich lächelnd, während der rechte Arm mit dem ausgestreckten Zeigefinger Löcher in die Luft sticht. "Ich war der schnellste Architekturstudent, den die je hatten." Schon im November 1960 hielt er sein Diplom in den Händen. Nebenbei hat er noch einen Abschluss als Ingenieur-Pädagoge gemacht und - nun, das wohl er nicht nebenbei - seine Familie vergrößert. Ekkehard kam 1957 zur Welt, Sabine 1959. Sie folgten den Eltern ins Baufach: Der Sohn baut inzwischen an der Küste Häuser, die Tochter ist in Leipzig Tiefbauingenieurin.

Und das Segeln? "Gleich nach meiner Rückkehr aus Frankreich stand ich beim Segelclub auf der Matte!" Karlheinz Graf wird kaum fertig mit all den Einzelheiten, die sein Leben neben Beruf und Familie ausfüllten. Er machte alle fehlenden Scheine, war drei Jahre lang Clubchef, leitete bis 1956 den Bezirksfachausschuss Segeln, legte die Prüfung für ein Sportseeschifferzeugnis ab, wurde dann selber Segel-Prüfer, gewann einige Bezirksmeisterschaften. Er baute sich viele seiner Boote selber - "da habe ich viel Geld investiert" - und war mit seiner Frau, später auch mit den Kindern so oft es ging, auf dem Wasser. Das Glück folgte ihm zuverlässig. "Zum Schluss konnten wir in einem eleganten 20er-Jollenkreuzer mit den Kindern bis an die Müritz reisen. Wir hatten wenig Geld, waren aber sparsam, gesund und glücklich." Der 90-Jährige kommt ins Schwärmen.

Und zurück zum Beruf. Über eine Dozentur an der Ingenieurschule in Glauchau ging es 1966 an die Ingenieurschule Cottbus, wo er Baukonstruktion lehrte, 1970 promovierte und 1979 zum Professor berufen wurde. Und wo er - als wollte ihm das Schicksal ein Denkmal aufdrängeln - das dortige Bildungszentrum konzipierte. Auf 100 Seiten entwarf er eine städtebauliche Lösung, die sieben Bildungseinrichtungen bündeln sollte. Obwohl der Ort heute anders heißt, ist das Areal als Bildungszentrum noch immer ein fester Begriff in der Stadt. "Das war wohl meine größte berufliche Leistung", sagt der Architekt zurückblickend.

Und ist flugs wieder beim Segeln. Am nahegelegenen Knappensee nämlich hat er über 40 Jahre zum harten Segler-Kern gehört, seine Freizeit ganz dem Sport und dem Verein gewidmet. Und war - wie alle - unendlich traurig, als der Tagebausee 2014 zur Sanierung für vier Jahre trockengelegt wurde.

Mit der Wende beendete Karlheinz Graf bald seine Hochschulkarriere. Er zog mit Erika an die Küste: "Sie war ja eher die Seeseglerin". Weil nach 1989 Baugutachter hoch im Kurs standen, stiegen sie in das lukrative Geschäft ein. Das Geld stimmte, sie reisten um die Welt, fuhren ein großes Auto. Das Glück schimmerte durch alle Ritzen. "Ich war ein rundum zufriedener Mann". Doch bald konnte Erika aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr segeln. Sie wollte noch mal umziehen. Dresden sollte es sein, die Stadt, in der alles begonnen hatte. Die Grafs enterten ein Appartement am Hubertusplatz, betreutes Wohnen, groß, schön gelegen - die neuen Abenteuer konnten kommen. Doch diesmal war das Glück nicht bei der Sache. Denn 14 Tage später starb Erika, ließ Karlheinz zurück, allein und untröstlich. Mehr als 50 Jahre hatte er sie immer an seiner Seite gewusst. Sie fehlte an allen Ecken und Enden.

Doch der alte Mann mit der Brille, der da so zerbrechlich, aber auch würdevoll in seinem Sessel sitzt und erzählt, lässt sich von der Rührung nicht forttragen. Schildert, wie er sich mit einem verwitweten Nachbarn angefreundet hat, alte Kontakte wieder aufnahm, Dresden neu entdeckte. Als ein gesundheitliches Problem auftaucht, ist die Tochter alarmiert. Er folgt ihr gern nach Nordsachsen. Dort bewohnt Sabine mit ihrer Familie ein Haus am Rand von Paschwitz, einem nach Doberschütz eingemeindeten Flecken zwischen Eilenburg und Torgau. Ein paar Häuser, ein paar Straßen, eine kleine graue Kirche. Schiffbares Wasser? Fehlanzeige. Dafür Felder bis zum Horizont.

Doch Karlheinz Graf findet etwas zum Loben: "Hier ist es herrlich ruhig", sagt er, genau das, was er in seinem Alter nötig habe. Die gemütliche kleine Wohnung mit den vielen maritimen Bezügen und die Familie im Haus - das sind nach 90 Jahren prallem Leben sicher gute Argumente für eine späte ruhige Zeit auf dem Land... Doch so einfach gibt sich das Schicksal nicht geschlagen. "Vielleicht", sagt der alte Professor und zieht entschlossen einen dicken Stapel Blätter zu sich heran, dicht beschrieben mit dem, was sein Leben an Anekdoten und Erinnerungen hergibt, "vielleicht gebe ich noch ein Buch raus. Kennen Sie nicht einen Verleger?"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.03.2015

Stock Barbara

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