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Im Arztkittel: Unterwegs zwischen Ultraschalluntersuchung, Kaffeeküche und Krankenhausgang

Im Arztkittel: Unterwegs zwischen Ultraschalluntersuchung, Kaffeeküche und Krankenhausgang

Der Tag beginnt für Sabine Hartmann sehr früh. Um 7 Uhr tritt die Oberärztin ihren Dienst auf der Gynäkologischen Station im Diakonissenkrankenhaus an.

Zu früh für mich. Wir Journalisten sind in Sachen morgendlicher Arbeitsbeginn sehr verwöhnt - vor 9.30 Uhr sind wir selten irgendwo anzutreffen. Dennoch parke ich an diesem Montagmorgen pünktlich um 9 Uhr mein Fahrrad vor dem Krankenhaus in der Dresdner Holzhofgasse.

Im Sprechzimmer der Gynäkologie treffe ich Sabine Hartmann, typischer weißer Kittel, die langen dunklen Haare hochgesteckt und ein Ur-Berliner-Dialekt. Die Oberärztin ist mir sofort sympathisch. Als sie mir die Hand mit einem "Jetzt gehen wir erstmal Kaffee trinken" entgegen streckt, ist das Eis gebrochen. Der Weg zum Pausenraum der Station führt über einige Treppen. Dort gruppieren sich Ärzte und Schwestern um einen großen Tisch. Auf dem stehen Brötchen und Marmelade. "Regelmäßige Pausen sind wichtig für das eigene Wohlbefinden und für den Zusammenhalt", erklärt Sabine Hartmann.

Beim Kaffee erzählt sie mir, wie sie ans Diako gekommen ist. Seit 2003 arbeitet sie in dem Dresdner Krankenhaus, nach dem Physikum wechselte sie an die TU. "Ich wusste eigentlich schon immer, dass ich Ärztin werden und mich dem Thema Frauenheilkunde widmen möchte", blickt sie zurück. Spannend sei ihr Beruf und vielfältig. Einen Bürojob mit immer dem gleichen Ablauf kann sie sich nicht vorstellen. Ihr Tagesgeschäft sind alle Bereiche der Gynäkologie, die nichts direkt mit einer Schwangerschaft zu tun haben. Frauen mit Beschwerden im Unterleib kommen zu ihr ebenso wie Krebspatientinnen. Babys hilft sie hauptsächlich während ihrer Bereitschaftsdienste in der Nacht oder am Wochenende auf die Welt. Bereitschaftsdienste gehören zum Leben im Krankenhaus wie der Schreibblock zum Journalismus. Man gewöhnt sich an sie, sagt die 47-Jährige. Zwölf Ärzte teilen sich die Dienste in der Gynäkologie auf, fast alle arbeiten in Teilzeit - meist der Familie wegen. Sabine Hartmann arbeitet in Vollzeit, ihre drei Kinder sind mit 21 und 19 Jahren (Zwillinge) längst erwachsen. "Bei uns arbeiten - wie für die Frauenheilkunde üblich - fast nur Frauen, wir brauchen für die Mitarbeiter eine gute Balance aus Beruf und Familie", berichtet sie und beißt noch mal in ihr Brötchen, bevor die Sprechstunde weitergeht.

Wir laufen wieder ins Erdgeschoss Richtung Sprechzimmer, vorbei an den Wartenden auf dem Gang der Notaufnahme. Jeden Montagmorgen können sich die Frauen, die von ihrem Frauenarzt überwiesen wurden oder eine Zweitmeinung einholen wollen, anmelden. Akute Fälle melden sich rund um die Uhr im Krankenhaus. Einer der jüngeren Kollegen hat immer von 13 bis 8 Uhr am nächsten Morgen Bereitschaftsdienst. Für einen Kaiserschnitt beispielsweise brauchen die diensthabenden Kollegen immer einen zweiten Operateur. Hat Sabine Hartmann also Rufbereitschaftsdienst, dann klingelt in so einem Fall ihr Telefon.

"Mein Handy habe ich an diesen Tagen, von denen es etwa fünf bis acht im Monat gibt, immer bei mir. Innerhalb von 15 Minuten muss ich von meinem Zuhause in der Klinik sein - so lauten die Vorschriften", erklärt die Oberärztin. Ein gemütliches Essen im Restaurant während der Bereitschaftsdienste, das habe sie inzwischen aufgeben, so die Dresdnerin.

Mit wehendem Arztkittel öffnet Sabine Hartmann die Tür zum Sprechzimmer, Schwester Birgit Fehrmann wartet schon auf uns. Sie reicht der Oberärztin die Patientenakten. Im hellen, freundlichen Behandlungszimmer stehen frische Blumen auf dem Tisch. Ich nehme auf einem Stuhl neben der Ärztin Platz und wir warten auf "unsere" erste Patientin. Es klopft, die Tür öffnet sich und eine ältere Dame um die 80 Jahre steht im Raum. Sie ist mindestens genauso aufgeregt wie ich - zur Untersuchung im Krankenhaus ist man schließlich nicht jeden Tag. Sie klagt über Schmerzen im Bauch, ihre Gynäkologin schickte sie zu Sabine Hartmann, um eine zweite Meinung einzuholen. Ebenso sachlich wie einfühlsam stellt die Oberärztin die üblichen Routinefragen: Haben Sie schon einmal ein Kind geboren? Wurden sie am Bauch operiert? Wann war Ihre letzte Periode? Die alte Dame muss bei manchen Fragen ein wenig länger rechnen, Ärztin und Patientin lachen sich an. "Dann schreiben wir vor vielen Jahren, wenn sie sich nicht ganz sicher sind", schmunzelt Sabine Hartmann. Nach der ausführlichen Befragung untersucht die Oberärztin die Patientin eingehend. Noch zwei weitere Patientinnen stehen heute auf der Liste für die Sprechstunde, wir nehmen uns für jede die Zeit, die sie brauchen. Frauenheilkunde ist ein sensibler Bereich, nicht jeder Arzt ist dafür geschaffen. Fragen zum unerfüllten Kinderwunsch oder Sexualität gehören dazu - Fingerspitzengefühl ist gefragt. Die Uhr im Sprechzimmer zeigt jetzt 12 Uhr - Zeit für die zweite Etappe des Tages. Montags ist ambulanter OP-Tag für Sabine Hartmann. Ihre Spezialgebiete sind ambulante und minimal-invasive Eingriffe, oft können die Frauen nach den kleinen Operationen noch am gleichen Tag wieder nach Hause. Wir laufen über den Hof des Krankenhauses zum Ambulanten Operationszentrum. "Ich wirke sehr gerne in unserem Zentrum, wir sind ein kleines, eingespieltes Team, das zusammen sehr gut und routiniert arbeitet. Jeder kennt die Arbeitsweise des anderen ganz genau".

Bevor wir unserer gemeinsamen Kaffeeleidenschaft noch einmal frönen, heißt es Umziehen. Nur die Unterwäsche und die Socken darf ich anlassen. Statt Jeans und Strickjacke trage ich nun Krankenhaus-Uniform: Grüne Hose und grünes Oberteil und ebenfalls grüne OP-Schuhe. Eitel darf man als Ärztin oder Krankenschwester nicht sein, denke ich. Der Clou folgt aber noch: die OP-Haube, die die Patienten vor meinen langen Haaren schützen soll. Mit leicht zittrigen Knien folge ich Sabine Hartmann in den Operationssaal. Die Schwestern wischen den Boden, legen das OP-Besteck bereit und besprechen letzte Details.

Die erste Patientin hat einen Polypen in der Gebärmutter, der entfernt werden muss. Während wir warten, bis die Vollnarkose wirkt, erklärt mir die Ärztin die vielen Bildschirme um uns herum. Auf einem Display direkt vor ihr kann Sabine Hartmann die Kamerabilder verfolgen, die sie im Inneren der Gebärmutter aufnimmt. Fasziniert starre ich auf den Bildschirm. Während des Eingriffes fließt erwartungsgemäß auch Blut, nicht viel, aber es reicht aus, um mir ein komisches Gefühl in der Magengegend zu bescheren. Mir fällt wieder ein, warum ich mich damals für ein Germanistik- und gegen das Medizinstudium entschieden habe.

Präzise und routiniert arbeitet die Ärztin mit der Unterstützung einer Assistenzärztin ihr OP-Programm ab. Jeder Handgriff sitzt - innerhalb von zehn Minuten ist alles vorbei. Zwischen den einzelnen Eingriffen begrüßt Doktor Hartmann jede Patientin persönlich und erkundigt sich nach dem Wohlbefinden. Ihr liegen die Menschen am Herzen, das spürt man. Unterdessen reinigen und desinfizieren die Schwestern den OP-Saal und legen frisches Besteck bereit. Auch ein Wechsel einer Spirale steht an diesem Tag noch auf dem Programm. Einfühlsam bespricht die Oberärztin mit der Patientin den Eingriff.

Geschafft! Unser OP-Programm liegt hinter uns. Sabine Hartmann erzählt noch genauso sprudelnd wie am Morgen von ihrem Beruf. Die Anstrengung nach einem langen Tag ist ihr nicht anzumerken. Ich dagegen bin geschafft nach diesen interessanten Stunden voller neuer Eindrücke, schlüpfe müde in meine Jeans und radele gen Heimat.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.07.2015

Julia Vollmer

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