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"Ich fühle mich wohl - in Deutschland" - DNN-Leserbeirates Frank Wycisk

"Ich fühle mich wohl - in Deutschland" - DNN-Leserbeirates Frank Wycisk

Denke ich an Deutschland? Eigentlich nicht. Oder nicht oft. Zumindest nicht in Deutschland. Welcher Deutsche denkt in Deutschland an Deutschland? Die Bundesminister vielleicht.

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Frank Wycisk Mitglied im DNN-Leserbeirat

Nein, nicht mal die. Die leisten einen Amtseid darauf, ihre Kraft, also auch ihre Denkkraft, dem Wohle des deutschen Volkes zu widmen - nicht dem Wohle Deutschlands. Also denken sie an das deutsche Volk. Was ich richtig finde. Denn wenn es dem deutschen Volk wohl zumute ist, sollte eigentlich auch in Deutschland alles gut und in Ordnung sein. Da fällt mir der gutmütige, bei einem Feierabendbier mit seinem Nachbarn zusammen sitzende Arbeiter ein, der behauptet "Geht es meinem Chef gut, geht es auch mir gut". Dabei nicht an Deutschland, sondern an die kleine Firma denkend, bei der er tagtäglich seine Brötchen verdient. Täte er es aber, an Deutschland denken, würde er wahrscheinlich zu seinem Nachbarn sagen "Geht es Deutschland gut, geht es auch dem Volk gut. Also uns. Denn wir sind das Volk." Und würde sich an 1989 erinnern, als alle Deutschen an Deutschland gedacht haben. Vielleicht sogar nachts.

Dem deutschen Volk ist Fußball wichtiger als der Wald

Ein Problem für die denkenden Bundesminister ist vielleicht, dass Deutschland nicht nur aus seinem Volk besteht. Es gibt auch noch, unter sehr vielem anderen, den deutschen Wald. Auf dessen Wohl die Bundesminister keinen Eid leisten. Also deshalb vielleicht auch gar nicht an ihn denken: Sie vertrauen möglicherweise darauf, dass das Wohl des deutschen Volkes irgendwann einmal darunter leiden wird, dass es dem Wald schlecht geht und sie erst dann an ihn denken müssen - des Volkes, nicht des Waldes wegen. Und dann widmen sie einen Teil ihrer Kraft dem Wald.

Dann gibt es, dem Gedankengang Wald - Waldlauf - Sport folgend, den deutschen Sport. Ganz oben im Sportinteresse steht dabei der Fußball. Ginge es dem Fußball schlecht, bräuchte nicht erst der DFB Alarm schlagen. Das deutsche Volk, fußball-sensibilisiert bis in die Haarspitzen, würde es viel eher spüren. Viel eher, als dass es den kranken Wald spürt. Sofort würden alle vorhandenen Deutschlandfähnchen von ihren Besitzern an deren Autos befestigt, ergänzt um einen Trauerflor. Die Bundesminister aller Fachgebiete - fußballuninteressierte Minister scheint es kaum mehr zu geben, bei fast jedem wichtigen Spiel lässt sich einer von ihnen auf der Zuschauertribüne fotografieren - würden sich vermutlich sofort und in Windeseile um das schwindende Wohl des deutschen Volkes kümmern. Der von ihnen geleistete Eid wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf schwebend! Und damit würden sie auch wieder an Deutschland denken.

So wie ich jetzt daran denken soll.

Ich denke daran, dass Deutschland zwei Meere hat und stelle mir die sehr schönen Ostseestrände und die schönen Nordseestrände vor. Und denke daran, dass die Nordsee vor 23 Jahren für mich etwas war, wo ich bestenfalls nach meinem 65. Geburtstag hingekommen wäre. Mir kommen die schönsten Gedanken zum Thema bayerische Alpen oder Elbsandsteingebirge. Wobei das eine Gebirge groß und sehr bekannt, das andere dagegen ein Kleinod ist, aber zunehmend bekannter wird - ob ihm das gut tut, bleibt abzuwarten. Mir fällt ein, dass angeblich langweilige Autobahn- oder Überland-Fahrten sehr an Wert gewinnen, wenn die durchfahrenen, wechselnden Landschaften bewusst wahrgenommen werden als ungemein abwechslungsreicher, fruchtbarer und gehegter Naturraum.

Es wird mir warm ums Herz, wenn ich an die - so sehr unterschiedlich sie auch sein mag - Musik denke, mit der mich ein, in Deutschland geborener, Georg Friedrich Händel oder ein, die deutsche Sprache in der Rockmusik verankert habender, Udo Lindenberg beschenkt haben. Mit welch Freude lasse ich vor meinem inneren Auge Bilder von Max Slevogt oder Max Uhlig erscheinen, der eine wie der andere ein interessanter Maler auch von, nicht nur deutschen, Landschaften. Ich kann nicht an deutsche Literatur denken ohne die Namen Gotthold Ephraim Lessing oder Erwin Strittmatter. An beider Gräber habe ich nachdenklich gestanden, einmal in Niedersachsen, einmal in Brandenburg. Und ich kann nicht genug amüsiert sein über den deutschen Humor à la Victor von Bülow oder Helge Schneider, beide hinter- und abgründig, polarisierend sicher nur einer von beiden.

Kann ich von Kultur in Deutschland in Richtung Fasching in Deutschland denken? Ich, der ich letztmalig in meiner Kinderzeit ein Faschingskostüm angezogen habe. Der sich kopfschüttelnd an das Bild in dieser Zeitung erinnert, auf dem krampfhaft närrische Dresdener einem unserer Bürgermeister, der noch krampfhafter in die Kamera lächelt, einen Schlüssel für das Rathaus abnehmen. Offenbar ist Deutschland doch noch geteilt. In den Teil, in welchem Bürger wohnen, die an Weiberfastnacht, Faschingsdienstag und Rosenmontag aus Überschwang fast kollabieren. Und in den Teil, in dem an diesen Tagen die Leute stupid ihrer Arbeit nachgehen und bei denen sich beim zufälligen Zuschauen von direkt im Deutschen Fernsehen übertragenen Faschingsveranstaltungen die Mundwinkel bestenfalls in der Waagerechten halten. Bedauernswert diejenigen, die an diesen Tagen in dem Teil Deutschlands sind, in den sie faschingsmäßig nicht gehören.

Was mich jedes Mal aufs Neue erstaunt und erfreut, ist die schier unüberschaubare Vielfalt an Zeitungen und Zeitschriften, die es in Deutschland gibt. Beim Eintreten in einen Zeitungskiosk stellt sich mir oft die Frage "Wer soll das nur alles lesen?" Es kann doch gar nicht so viele Segler, Philosophen, Anarchisten, Baurechtler, Sudetendeutsche, katholische Geistliche, Imker und andere spezifisch Interessierte geben, die alle eine Fachzeitschrift brauchen ... . Allein 20 000 Zeitschriften gibt es in Deutschland!

An die Selbstverständlichkeit ist noch zu denken, mit der junge Menschen in Deutschland weitgehend kostenfrei ausgebildet werden. Dass vom Lehrplan bis zu den Schulbüchern jedes Bundesland, ja jede Schule dabei ihr eigenes Süppchen kochen kann, ist allerdings für mich ein sehr großer Wermutstropfen. Die dadurch entstehenden Ausbildungsunterschiede sind nicht gut. Lebten ich und meine Familie nicht in Dresden, in Sachsen, sondern in Stuttgart, in Baden-Württemberg, wäre mein Sohn vielleicht noch besser ausgebildet worden. Oder schlechter. Man weiß es nicht. Hochdeutsch zu sprechen allerdings hätten sie ihm sicher auch dort nur schlecht beibringen können.

Aber vielleicht orientieren sich unsere Bildungsexperten an vergangene Zeiten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatten Schulen eine jeweils eigene "Hausorthografie". Bis dann ab 1871 mit der Gründung des deutschen Reiches einhergehend eine allgemeingültige Orthografie deutschlandweit gültig wurde. Wenn sich vor 140 Jahren die deutschen Schulmeister hinsichtlich Sprachregeln einigen konnten, können unsere Verantwortlichen dies vielleicht auch jetzt bezüglich Lehrplänen und -mitteln tun.

Im Notfall ist ein Rettungsarzt binnen zehn Minuten bei mir

Da jeder von Krankheiten verschont bleiben möchte, denkt kaum jemand freiwillig daran. Ich werde dies auch nicht tun. Trotzdem ist es ein sehr gutes Gefühl, zu wissen, dass im Notfall ein Rettungsarzt innerhalb von garantierten 10 Minuten bei mir sein muss. Aber soweit soll es nicht kommen, ich fühle mich nämlich zurzeit einigermaßen wohl. In Deutschland.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.10.2012

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