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Heilsarmee stößt an ihre Grenzen

Heilsarmee stößt an ihre Grenzen

Bei anderen nehmen sich große Zahlen in Jahresbilanzen gut aus. Seine betrachtet Gert Scharf mit gemischten Gefühlen. Der 55-Jährige gebürtige Kölner, Brille, grauer Vollbart, weißes Hemd mit dunkelblauen Schulterstücken, leitet die Heilsarmee in Dresden.

Etwa 11 000 Mal Frühstück und 12 000 Mittagessen hat das Personal in der Küche des Hauses Nummer 89 an der Reicker Straße 2012 zubereitet und für einen symbolischen Euro ausgegeben. Wesentlich mehr als 2011, die Zahl der Frühstücke hat sich nahezu verdoppelt. Rund 9400 Menschen haben von den ehrenamtlichen Helfern in der Kleiderkammer Sachen, Bettwäsche oder Handtücher bekommen.

Jede Person, die hinter diesen Zahlen anonym bleibt, befindet sich in einer Notlage. Wer sich in der Anlaufstelle dieser evangelischen Freikirche versorgen muss, kommt anders nicht über die Runden. "Insgesamt haben wir etwa 20 Prozent mehr an Leuten in unserem Tagestreff gehabt - unabhängig von der Jahreszeit", konstatiert Scharf. Doch bei mehr als 50 Mittagessen auf einmal erweist sich der Herd als zu klein. "Wir sind an unsere Grenzen gekommen. Mit dieser Küche schaffen wir das auf Dauer nicht mehr." Deshalb soll die Küche in diesem Jahr erweitert werden, durch einen Anbau auf der Hofseite. Mehr Platz bekäme dann auch die Kleiderkammer. Die übergeordnete Deutschland-Leitung der Heilsarmee muss so etwas genehmigen. Die Gespräche laufen.

Nicht nur mehr Bedürftige kommen, auch andere. Menschen, denen Lothar Walter, der seit zehn Jahren als Sozialarbeiter dabei ist, früher hier nur sehr selten begegnete: jungen Müttern mit Kind zum Beispiel. "Bislang haben bei uns meist alleinstehende Männer gegessen. Höchstens drei, vier Frauen, meist Seniorinnen." Deshalb denken die Mitarbeiter der Heilsarmee darüber nach, sich künftig noch ausgiebiger um Kinder und Familien zu kümmern. Den Anfang damit haben sie vor einigen Jahren mit "Babysong" gemacht. Zweimal die Woche je eine Vormittagsstunde für Mütter mit Kindern bis zu drei Jahre. Mal seien es drei, mal acht die kommen, sagt Scharf.

Über die Gründe für den Zuwachs können die beiden nur spekulieren. Fest steht zumindest, dass es mehr Bewohner hier und im angrenzenden Prohlis gibt, die weniger Geld in der Tasche haben. "Vielleicht hat sich auch herumgesprochen, dass wir hier einen anderen Umgang mit den Betroffenen pflegen", meint Lothar Walter. "Wir nehmen sie als Menschen, nicht als Fälle." Mittlerweile kenne hier fast jeder jeden. "Man kann 10 Uhr zum Frühstück kommen und trifft immer jemanden." Vielen gehe es auch um die Gemeinschaft, die sie hier finden.

Seit Jahren hat das rote Auto der Heilsarmee, ein umgebauter Marktverkaufswagen, jeden Sonnabendmittag am Alaunplatz gestanden. Lothar Walter und seine Helfer geben dort an 30 bis 40 Obdachlose warme Suppe und Kaffee aus. Seit November 2012 tun sie das zwei Mal in der Woche. "Die Neustadt ist ein Brennpunkt, was Obdachlose angeht", sagt Scharf. Die etwa 270 Plätze in Übergangswohnheimen, welche die Stadt für Obdachlose anbiete, reichen nach Scharfs Ansicht nicht. "Wir brauchten mindestens doppelt so viele." Deshalb rechnet er damit, dass die Situation noch brisanter wird. "Wir können nur noch Feuer löschen."

Dabei verstehen sich die Mitarbeiter und Helfer der Heilsarmee nicht nur als Sozialarbeiter. Dies gehört zu ihren Besonderheiten. So beginnt die Essenausgabe am Alaunplatz mit einer fünfminütigen Kurzandacht. Ganz im Sinne des Heilsarmee-Gründers, des Methodisten-Pfarrers William Booth, der denen das Evangelium predigen wollte, denen es am dreckigsten ging. "Vielleicht können wir in einigen wenigstens ein bisschen Hoffnung wecken", sagt Walter.

Sollte das Thermometer unter zehn Grad minus sinken, wollen sich die Mitarbeiter nachts wieder auf Kältestreife begeben. Erst bei solch niedrigen Temperaturen werde es gefährlich. "Ist es wärmer, brauchen die abgehärteten Obdachlosen unsere Hilfe nicht und möchten nicht gestört werden." Während der Wochen mit klirrender Kälte im Januar und Februar hätten sie 18 Obdachlosen mit heißen Getränken, Suppe, auch einem zweiten oder dritten Schlafsack helfen können. Drei von ihnen konnten sie in eines der Obdachlosen-Nachtcafés von evangelischen und katholischen Kirchgemeinden und Heilsarmee bringen.

Gert Scharfs Frau Rosi, 51, stammt aus München und ist Krankenpflegerin. Sie hat es geschafft, dass bei dem einen oder anderen Obdachlosen die offenen Beine heilten. Sie leiten die Dresdner Heilsarmee gemeinsam. Außer ihnen gibt es nur noch zwei Festangestellte. Die anderen, 25 insgesamt, arbeiten ehrenamtlich. "Wenn wir unser Angebot erweitern, brauchen wir noch mehr Helfer", sagt Gert Scharf. "Christ muss man dazu nicht sein. Aber einverstanden mit unserer christlichen Motivation." Tomas Gärtner

Adresse: Reicker Str. 89, 01237 Dresden, Telefon 0351/3179246, Internet: www.heilsarmee.de/dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.01.2013

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