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Hebammen kämpfen auch in Dresden ums Überleben

Hebammen kämpfen auch in Dresden ums Überleben

Corinna Plagemann will Schluss machen. Nach langem Rechnen hat sie sich durchgerungen. Es gibt einfach keinen Weg, sie kann es drehen und wenden wie sie möchte.

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Schluss mit der Geburtshilfe: Weil die Aufwendungen zu hoch sind, kann die Hebamme Corinna Plagemann keine Hausgeburten und Geburten in Praxen mehr betreuen. Bislang versorgte sie Frauen in der ganzen Dresdner Region.

Quelle: Dietrich Flechtner

Von Katrin Tominski

Die Haftpflichtversicherung kostet sie im neuen Jahr 4242 Euro. Wieder 242 Euro mehr als noch 2011. Seit drei Jahren ist die Versicherung um insgesamt 79 Prozent gestiegen. Jetzt gibt es keinen Ausweg mehr.

"Die hohen Kosten zwingen mich, meine Selbstständigkeit aufzugeben", sagt die freiberufliche Hebamme Plagemann. Sie arbeitet nun als Angestellte im Diakonissenkrankenhaus, schiebt feste Dienste und kümmert sich um viele Mütter gleichzeitig. Sie ist eine, die den Absprung vor der Verschuldung rechtzeitig geschafft hat. "Viele Kollegen brauchen ihre Ersparnisse auf, weil sie die Mütter bis zum Schluss betreuen wollen", sagt Grit Kretschmar-Zimmer, Vorsitzende des Sächsischen Hebammenverbands. Dieses Phänomen kennt auch Plagemann. Eigentlich wollte sie bereits im vergangenen Jahr aussteigen. Doch die eindringlichen Bitten zweier Müttern zur Geburt des dritten Kindes konnte sie nicht abschlagen. Jetzt ist sie fest entschlossen, sich nicht mehr überreden zu lassen. Sonst wird ihre Geburtshilfe ein Zuschussgeschäft. Das kann sie sich nicht leisten.

Für jede Hausgeburt erhält die Hebamme von den Kassen 600 Euro. Werden die Kinder in einer Hebammenpraxis zur Welt gebracht, bekommt Corinna Plagemann 400 Euro, für eine Geburt im Krankenhaus sogar nur 225 Euro. Allein die Versicherung beträgt pro Quartal jedoch mehr als 1000 Euro. Dazu kommen Sprit- und Verwaltungskosten, medizinische Ausstattung und die Steuern. Nach Angaben des deutschen Hebammenverbandes verdienen Hebammen nur etwa 7,50 pro Arbeitsstunde. Weil die Vor- und die Nachsorge sehr intensiv ist, können freiberufliche Hebammen nicht unbeschränkt viele Kinder zur Welt bringen. Drei Wochen vor und zwei Wochen nach dem Geburtstermin sind sie in ständiger Bereitschaft. Bereit für die Wehen, für die Fragen und die Sorgen. Besonders beim ersten Kind herrscht bei vielen Müttern große Unsicherheit. Manchmal kommen Probleme mit dem Partner dazu. "Viele Frauen sind froh, wenn sie sich einmal aussprechen können", erklärt Plagemann, mit deren Hilfe bislang etwa 320 Kinder das Licht der Welt erblickten.

Sie ist nicht nur Geburtshelferin und Pflegerin, sondern auch die starke Schulter, die in schwachen Momenten so wichtig ist. Viele der Mütter sind ihre Bekannte, manche richtige Freunde geworden. "Überall wurde mir Kaffee oder Tee angeboten", blickt Plagemann zurück. Sie hat es immer genossen, wenn ihr Menschen vertraut haben und sie helfen konnte. Das hat ihr das Gefühl gegeben, etwas Nützliches zu tun.

Seit 1994 betreute die Hebamme Hausgeburten. Damals kam sie selbst schwanger aus Stuttgart in den Osten nach Dresden. "In der DDR waren Hausgeburten wenig populär. Unser Angebot wurde sehr gut angenommen", erzählt Plagemann und räumt mit einem Klischee auf. "Nein, es sind nicht nur esoterische, im Kreis tanzende Mütter, die ihre Kinder in Geburtshäusern oder zu Hause bekommen wollen." Sie habe viele Anwältinnen, Ärztinnen, Architektinnen, Musikerinnen und Künstlerinnen betreut. Sie alle haben sich dafür entschieden, weil sie eine persönliche Atmosphäre dem Krankenhaus-Ambiente vorzogen. "Risikofaktoren werden im Vorfeld der Geburt genau beurteilt", erklärt Plagemann. Zwar hätte sie Mütter manchmal zur medizinischen Versorgung doch kurzfristig in das Krankenhaus bringen müssen. Zuernsthaften Problemen sei es jedoch nie gekommen.

Allerdings könne es jetzt zu ernsten Problemen kommen. "Gibt es keine Hebammen für Hausgeburten mehr, besteht die Gefahr, dass Frauen ihre Kinder ohne Hebammen gebären", warnt Plagemann. Das sei hochriskant. Vor allem bei Müttern mit seelischen Problemen, Angst vor Krankenhäusern oder andern Phobien sieht sie diese Gefahr. Verbessert würde die Situation der Hebammen bereits durch eine monatliche Zahlungsweise an die Versicherungen. Bislang dürfen die Beträge nur quartalsweise gezahlt werden. Corinna Plagemann hat die Hoffnung jedoch aufgegeben. "Es ist traurig aufzuhören und schwer loszulassen", sagte Plagemann, während sie in ihrer Tasche die kleine Baby-Wiege sucht. Die will sie jetzt erst einmal in den Schrank legen.

In Dresden werden immer mehr Kinder geboren. Das freut Vertreter der Landeshauptstadt so sehr, dass der erste Bürgermeister Dirk Hilbert (CDU) zum DNN-Neujahrsempfang mit einem Augenzwinkern zum "Mitmachen" aufrief. Für die Geburt der 7322 Babys, die in Dresden im vergangenen Jahr das Licht der Welt erblickten, sind Hebammen jedoch unersetzlich. Sie umsorgen die Mütter, nicht nur während der Geburt, sondern auch vor und viele Wochen nach der Entbindung. Seit Jahren kämpfen die Dresdner Geburtshelferinnen jedoch immer wieder um das wirtschaftliche Überleben. Zu knapp sind die Leistungen der Kassen, zu hoch ist der Aufwand pro Geburt. Jetzt hat sich die Situation erneut zugespitzt. Weil die Haftpflichtversicherung zum 1. Dezember um 15 Prozent erhöht wurde, reichen die Einnahmen nicht mehr aus. Hebamme Corinna Plagemann kann deswegen keine Geburtshilfe mehr leisten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.01.2012

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