Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Google+
Hausbesuch in Dresdner Kita: Wie der Betreuungsschlüssel Sorgen bereitet

Hausbesuch in Dresdner Kita: Wie der Betreuungsschlüssel Sorgen bereitet

Der Tag beginnt um 9 Uhr mit dem Morgenkreis. Alle Kinder der Pusteblumengruppe und ihre zwei Erzieher finden sich in der gemütlichen Zimmerecke mit vielen Kissen ein.

Voriger Artikel
Dresden: Der Kampf gegen das Bienensterben
Nächster Artikel
Dresden erhält ein Nationales Centrum für Tumorerkrankungen

Besuch in einer Dresdner Kita.

Quelle: Julia Vollmer

Erzieher Markus liest eine Geschichte vor. Die Geschichte vom Apfelbaum, der viele kleine und große Tiere beherbergt. 10 Kinder sitzen im Kreis. Magdalena spielt mit ihrer Haarspange, Luis kann sich nicht recht konzentrieren, blickt im Raum umher. Hier eine sanfte Ermahnung sitzen zu bleiben, dort ein aufmunternder Blick.

Die beiden Erzieher der Krippen-Gruppe sind hochkonzentriert bei der Arbeit. Kein Kind wird aus den Augen gelassen. Blickt man sich im Raum um, fällt die sorgfältige Ordnung auf. Jedes Spielzeug, jedes Buch hat seinen Platz. Jedes Kind hat sein eigenes Fach für die Wechselsachen, jedes Kind seine Matratze für den Mittagsschlaf. „Ohne Regeln und genaue Abläufe geht in einer Kita gar nichts“, weiß Kita-Leiterin Janett Schmeling. Schon gar nicht in einer großen Einrichtung mit über 300 Kindern wie im „Haus der kleinen Entdecker“ auf der Marienallee. Träger der Einrichtung ist das Deutsche Rote Kreuz.

Nach dem Morgenkreis heißt es: Ab ins Bad, alle Mann noch einmal auf Toilette. Selbstständigkeit ist hier gefragt, ohne die geht es in den Gruppen mit 12 bis 14 Kindern in der Krippe und 13 bis 16 Kindern im Kindergarten nicht. Und die Förderung der Selbstständigkeit ist eines der wichtigsten Ziele im Bildungsplan. Der Vormittag gehört im „Haus der kleinen Entdecker“ den Angeboten und dem Spielen im Garten. Die Kleinen malen, tanzen und matschen werden. Im eigens dafür auslegten Matschraum stehe ich dann mit 12 Kindern in einer Reihe an den Waschbecken auf Kinderhöhe und die Kinderaugen strahlen. Was passiert, wenn rotes und blaues Wasser ineinander laufen? Genau – es wird lila. Auch hier herrscht bei den beiden Erziehern volle Konzentration.

dpaa7a67370921401712222.jpg

(Symbolbild)

Quelle: dpa

12 Kinder in einem gefliesten Raum, hier muss bei allem Spaß auch auf die Sicherheit geachtet werden. „Uns ist es sehr wichtig, den Kindern diese Aktivitäten zu ermöglichen. Doch ein oder zwei Erzieher mehr zum Aufpassen wären natürlich toll“, erklärt Schmeling. Wer den ganzen Vormittag getobt, gespielt und gematscht hat, hat dann natürlich einen riesen Hunger. Zwischen 11 und 11.30 Uhr ist Mittagszeit im Entdeckerhaus. 12 bzw. 16 Teller wollen von den Erziehern gefüllt werden und ebenso viele Becher mit Tee. Dort kippelt Mila mit dem Stuhl, an der anderen Ecke matscht Tino mit den Händen im Essen. Langweilig wird den Erziehern nie, das steht fest. Die Augen und Ohren überall, schaffen es die Fachkräfte mit geübten Handgriffen, dass nach fünf Minuten alle Kinder konzentriert ihr Mittagessen auf den Löffel schaufeln.

 Pünktlich um 12 Uhr sind dann alle kleinen Entdecker umgezogen, gewickelt und liegen friedlich in ihren Betten und auf den Schlafmatten. Als Außenstehender kann man nur staunen, wie ruhig es in einem Schlafraum mit mehr als einem Kind sein kann. Nach dem Mittagsschlaf gibt es Vesper, danach wartet der große Garten auf die Kinder. Während die Kinder spielen, beobachten die Erzieher, wie sich die Kinder bewegen. Gibt es motorische oder soziale Auffälligkeiten? Sind die Kinder zeitgerecht entwickelt? Das Beobachten und Auswerten sind wichtige Aufgaben der Erzieher. Doch wenn eine Erzieherin 16 Kinder betreuen muss, bleibt dafür manchmal zu wenig Zeit.

Zu wenig Erzieher, zu viele Kinder. Der hohe Betreuungsschlüssel in Sachsen ist auch eines der Hauptprobleme mit denen alle Kitas zu kämpfen haben. Der Gesetzgeber schreibt für eine neunstündige Betreuungszeit den Schlüssel von 1:6 in der Krippe und 1:13 im Kindergarten vor. Doch genau hier fängt das Problem schon an, sagt Janett Schmeling. Geht man von einem normalen Acht-Stunden-Tag aus, muss die Kitaleitung jeden Tag eine Stunde Differenz von Vornherein ausgleichen. Nicht mit im Betreuungsschlüssel eingerechnet sind Vor- und Nachbereitungszeiten für die Erzieher, Gespräche mit den Eltern und Zeit für einen Austausch der Kollegen untereinander zu Fachthemen. „Es ist für uns Kitas quasi unmöglich, den Schlüssel im Kindergarten von 1:13 zu halten. Wie in jedem Betrieb haben auch meine Angestellten Urlaub oder sind mal krank“, so Janett Schmeling.

Der Betreuungsschlüssel in der Realität

In der Realität sei also ein Schlüssel von 1:16 an der Tagesordnung. Besonders in den Übergangssituationen wie der Gang zum Mittag oder das Umziehen zum Schlafen, falle der hohe Betreuungsschlüssel auf. Die Kinder in der Kita Zähne putzen zu lassen, lehnt die Leiterin der „Kleinen Entdecker“ aufgrund des hohen Betreuungsschlüssels ab. „Wir können nicht alle Kinder während des Zähneputzens permanent im Auge behalten. Weil die Kinder eben auch mal auf die Idee kommen, die Bürsten zu tauschen, können wir das aus hygienischen Gründen nicht verantworten“, berichtet die Leiterin. Ein weiteres Knackpunkt sind die Eingewöhnungen neuer Kinder in der Kita. Stößt ein neues Mitglied zu einer Kitagruppe, braucht es eine große Portion Aufmerksamkeit der Erzieherin, um sich von den Eltern stundenweise lösen zu können.

„Je nach Charakter des Kindes dauert eine Eingewöhnung zwischen wenigen Tagen bis hin zu sechs Wochen. In dieser Zeit kümmert sich eine Erzieherin vermehrt um den Neuzugang“, berichtet Janett Schmeling. Doch auch während einer Eingewöhnung muss sich die Erzieherin um die anderen Kinder kümmern und wieder geht der Betreuungsschlüssel nicht auf. Schmeling setzt sich, auch im Namen des Kita-Trägers DRK, für eine deutliche Verbesserung des Personalschlüssels ein. Für Kinder unter drei Jahren, also im Krippenbereich, sei ein Schlüssel von 1:3 wünschenswert.

Im Kindergartenbereich für Kinder zwischen drei und sechs Jahren empfiehlt DRK-Vizepräsidentin Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg, dass sich eine Fachkraft um maximal acht Kinder kümmert. „In der Berechnung des Schlüssels müssen dringend Urlaube, Fortbildungen und Vor- und Nachbereitung berücksichtigt werden“, so das DRK.

Parteien sehen Handlungsbedarf

Inzwischen haben auch alle Parteien in Sachsen den Handlungsbedarf beim Thema Betreuungsschlüssel erkannt. „Wir haben in unserem Regierungsprogramm festgeschrieben, das in der Krippe eine Erzieherin oder ein Erzieher für vier Kinder da sein soll. In Kindergärten soll das Verhältnis 1:10 betragen, in Horten 1:16.“, so Sachsens SPD-Chef Martin Dulig. Nach Berechnungen der SPD würde die Veränderung der Betreuungsrelation in einem ersten Schritt für Krippe und Kita rund 85 Millionen Euro im Jahr kosten, so der Vorsitzende weiter.

Patrick Schreiber, jugendpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion weist auf die Kosten hin. "Wir dürfen aber eines nicht aus dem Blick verlieren: Sachsen hat bundesweit mit die höchste Betreuungsquote im Krippen- und Kindergartenbereich. Somit müssen wir auch, anders als bspw. in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Hessen, mehr Geld für diesen Bereich aufbringen, was wir mit über 450 Millionen Euro jährlich auch tun“, so Schreiber. Der CDU-Politiker beruft sich auf die bereits getätigten Schritte. In den letzten beiden Jahren habe man insgesamt 10 Millionen Euro zusätzlich für Personal in den Kitas im Landeshaushalt bereitgestellt. Kürzlich haben Finanzministerium und Kommunen eine Anhebung der Kitapauschale von derzeit 1.875 Euro auf 2.060 Euro pro betreutem Kind pro Jahr beschlossen. „Wichtig ist es, dass den Erziehern entsprechend finanzierte Vor- und Nachbereitungszeiten zugestanden werden und außerdem Krankheit oder Weiterbildungsmaßnahmen der Fachkräfte aus dem Schlüssel herausgerechnet werden", so Schreiber.

Auch die Linke sieht einen ersten Ansatz in der Berücksichtigung der Vor- und Nachbereitungszeit. „In einem ersten Schritt wollen wir die zwei Stunden Vor- und Nachbereitungszeit sowie fünf Fortbildungstage pro Jahr und Fachkraft im Betreuungsschlüssel berücksichtigen und ihn in der Kita auf 1:12 senken“, so Annekatrin Klepsch. Man wolle im Haushalt 2015/16 die nötigen Gelder von 113 Mio. Euro bereitstellen, so die jugendpolitische Sprecherin der Linken weiter. Die jetzt angekündigte Erhöhung der Kita-Landespauschale von 1.875 Euro auf 2.060 Euro werde an der Betreuungssituation nichts ändern, sondern diene allein dazu, die CDU-Landräte ruhig zu stellen und die stetig steigenden Betriebskosten aufzufangen, empört sich Klepsch.

Julia Vollmer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
Anzeige
  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.