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Gut gehütete Vermächtnisse - Zwei Prozent aller Bestände im Dresdner Endarchiv sind Nachlässe

Gut gehütete Vermächtnisse - Zwei Prozent aller Bestände im Dresdner Endarchiv sind Nachlässe

Abgestrahlter Sandstein, Glasfassaden - man sieht dem schicken, modern restaurierten Altbau des Dresdner Stadtarchives in der Elisabeth-Boer-Straße 1 sein altersgebeugtes Innenleben nicht wirklich an.

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Die Wege ins Archiv sind so vielfältig wie das Leben: Mitarbeiterin Annemarie Niering sichtet den Nachlass von Hans-Hendrik Wehding. Der Komponist hinterließ 88 Meter Archivmaterial. Es ist der größte Einzelposten im Stadtarchiv.

Quelle: Dietrich Flechtner

Von Jane Jannke

Hinter Sicherheitstüren und Schließanlagen kommt man ihm schrittweise auf die Spur, denn in den gut gesicherten Archivräumen lagern Relikte aus längst vergangener Zeit: Urkunden, Ab- und Niederschriften, Bildmaterial, Dokumente, Tonaufnahmen - manche jahrhundertealt, andere haben noch kaum Staub angesetzt, so jung sind sie noch. Doch wie kommen sie hierher? Die Wege ins Archiv sind so verschieden wie das Leben. Der Nachlass ist lediglich eine, wenn auch nicht unbedeutende und vor allem sehr persönliche Variante.

Wer sein Vermächtnis der Stadt hinterlässt, fühlte sich zu Lebzeiten meist zu Größerem berufen, entsprechend gefragt ist der Nachlass oft bei den Archivaren. "Archive bemühen sich immer um Nachlässe", weiß Thomas Kübler, Leiter des Dresdner Stadtarchivs, "weil sie einfach eine unheimlich gute zeithistorische Komplementärquelle darstellen."

In Küblers heiligen Hallen machen die durch Übereignung erworbenen Dokumente rund zwei Prozent des zwölf Kilometer umfassenden Endarchiv-Bestandes aus. Das klingt zunächst nicht viel, ist es aber durchaus, wie der Archivleiter verrät: "Wir haben hier momentan 77 Nachlässe von Personen der Dresdner Zeitgeschichte, darunter die des Dresdner Schriftstellers Theodor Körner (1791-1813) und des Komponisten Hans-Hendrik Wehding (1915-1975)." Insgesamt bilden die wertvollen Hinterlassenschaften stattliche 220 Meter Aktenbestand.

Über sie - wie auch über die restlichen Archivbestände - wacht seit 1989 Katrin Tauscher, die Leiterin der archivischen Sammlung. Nachlässe seien deshalb etwas ganz Besonderes, sagt sie, weil sie oft sogar intimste Einblicke in Leben und Wirken von Menschen gäben. Oft verbargen sich hinter einer Kiste mit alten Briefen unglaubliche, teils erschütternde Geschichten. "Für diesen Beruf muss man geschaffen sein, man muss gut zuhören können", so Tauscher, die selbst losfährt, um gemeldete Nachlassfunde auf ihre "Archivtauglichkeit" hin zu prüfen. "Nicht alles kann ins Archiv, da würden wir schon aus allen Nähten platzen."

Der Nachlass der betreffenden Person - und das könne vom Minister bis zum Bauarbeiter jeder sein, wie sie betont - müsse von Relevanz für die Dresdner Stadtgeschichte und somit auch für die Forschung sein. "Privatpersonen haben oft keine Vorstellung vom tatsächlichen Wert eines Fundes", erzählt die Archivarin.

Generell sei es richtig, dass die Leute beim Archiv anriefen, wenn sie sich unsicher sind, statt die Sachen einfach wegzuwerfen. "Das geschieht heute leider immer häufiger, weil das Verständnis der Menschen, Dinge aufzubewahren, in dieser schnelllebigen Zeit immer mehr auf dem Rückzug ist." Aufregen könnte sich die sonst so besonnen wirkende Archivarin hingegen über jenen Schlag Leute, die das Archiv als eine Art "günstige Gelegenheit" missbrauchten. "Die bieten dann erst an, damit einer kommt und sich die Sachen anschaut, ziehen dann aber zurück. Im Grunde wollen sie bloß kostenlos schätzen lassen - das ist aber nicht die Aufgabe des Archivs", berichtet Tauscher.

Grundsätzlich müssten die Archive heute viel mehr selbst die Initiative ergreifen als früher, um Nachlässe zu requirieren. "Das funktioniert unter anderem durch Vorabvereinbarungen mit den Betreffenden bereits zu Lebzeiten", so Tauscher. "In diesem Fall gehen wir gezielt auf die Leute zu." Zu früheren Zeiten sei es insbesondere im Bildungsbürgertum üblich gewesen, über einen Großteil seines Lebens hinweg einen übersichtlichen, umfangreichen Nachlass zu erarbeiten. Heute hingegen seien geordnete und vollständige Nachlässe die absolute Seltenheit. "Oft finden wir zwar alte, aber stark beschädigte Dokumente vor, die fast ebenso häufig nicht mehr zu retten sind." Restaurationen seien teuer und lohnten nur in besonderen Einzelfällen.

Eine der wenigen positiven Ausnahmen ist der Nachlass des Dresdner Komponisten und Dirigenten Hans-Hendrik Wehding. "Der Wehding-Nachlass ist der größte Einzelposten seiner Art bei uns und umfasst 88 Meter Archivmaterial", so Katrin Tauscher. Wehdings Witwe übergab ihn im Jahr 2000 dem Stadtarchiv - 25 Jahre nach dem Tod des Musikers. In dem Nachlass finden sich unzählige Briefe, Kompositionen und Fotos, zahlreiche Orwo-Tonaufnahmen bilden das musische Schaffen ab.

"Oft finden sich in solch umfangreichen Nachlässen viele Querverweise zu anderen bekannten Persönlichkeiten, über deren Bezug zu unserer Stadt man dann etwas erfahren kann." Kommt dann noch Bruder Zufall hinzu, schlössen sich unter Umständen ganze Lebenskreise. So vermachte unabhängig vom Wehding-Nachlass einige Zeit später dessen Kopistin, also seine Notenschreiberin, ihren Nachlass dem Stadtarchiv. In diesen Unterlagen finden sich wiederum zahlreiche Verweise auf den Komponisten - ein Traum für eine Vollblutarchivarin wie Katrin Tauscher.

Vor der Zukunft hat sie keine Angst. "Irgendwann bietet man uns sicher kaum noch handschriftliches Material an und drückt uns stattdessen CDs und Ausdrucke in die Hand. Aber so ist eben der Lauf der Zeit. Das gehört dazu."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.05.2012

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