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Größter DDR-Kunstraub jährt sich

Sophienschatz Größter DDR-Kunstraub jährt sich

Demnächst jährt sich der spektakulärste und dreisteste Kunstraub der DDR-Geschichte zum 39. Mal: Am 20. September 1977 stahlen Kriminelle den Sophienschatz aus dem Stadtmuseum Dresden.

Am 20. September 1977 stahlen Kriminelle den Sophienschatz aus dem Stadtmuseum Dresden – am helllichten Tag, während des regulären Besucherbetriebes.
 

Quelle: Heiko Weckbrodt

Dresden.  Demnächst jährt sich der spektakulärste und dreisteste Kunstraub der DDR-Geschichte zum 39. Mal: Am 20. September 1977 stahlen Kriminelle den Sophienschatz aus dem Stadtmuseum Dresden – am helllichten Tag, während des regulären Besucherbetriebes. Ein Großteil des Schatzes tauchte Jahrzehnte später in Oslo auf. Doch 17 Schmuckstücke sind immer noch verschollen. Der Coup ist bis heute nicht aufgeklärt.

„Ein Museumsmitarbeiter führte gerade eine Reisegruppe aus der Sowjetunion durch das Museum“, erinnert sich der pensionierte Kriminalpolizist Karl-Heinz Sobierajski an die damaligen Ermittlungen. „Dann wollte er den Besuchern stolz den Sophienschatz im Treppenhaus in der vierten Etage zeigen und entdeckte eine fast völlig leergeräumte Vitrine.“

Bald stand fest: Unbekannte hatten fast den gesamten Sophienschatz gestohlen und waren mit 57 Schmuckstücken verschwunden. Diese auch „Ratsschatz“ genannte Sammlung historisch wertvoller goldener und verzierter Ketten, Ringe und anderer Preziosen hatte die Stadt ab 1910 angelegt. Die Kleinodien stammten größtenteils aus den Grabkammern der Sophienkirche am Postplatz und waren bis zu jenem verhängnisvollen 20. September 1977 im Treppenhaus des Stadtmuseums ausgestellt.

Bis heute ist nicht mit letzter Sicherheit geklärt, was genau an jenem Dienstag irgendwann zwischen 10 Uhr und 14.30 Uhr im Stadtmuseum geschehen ist. „Es müssen damals mindestens zwei Leute, wahrscheinlich eher drei beteiligt gewesen sein“, sagt der heute 78-jährige Sobierajski „Die Bande hat wahrscheinlich erst den vierten Stock abgesucht. Außerdem haben sie die Überwachungskamera, die auf den Schatz gerichtet war, weggedreht. Einer hat dann auf der Treppe nach unten Schmiere gestanden, einer die Vitrine ausgeräumt.“

Womöglich ein dritter Bandit behielt die Landhausstraße von einem Gaubenfenster aus im Auge. Der wurde zufällig von einem Polizisten im Volkspolizei-Kreisamt – der heutigen Polizeidirektion – auf der anderen Straßenseite beobachtet. Durch die Beschreibung dieses Kollegen konnte Sobierajski später eine Phantomzeichnung des Verdächtigen anfertigen – damals wurde diese Zeichentehnik allerdings „Subjektives Porträt“ genannt.

Dass die Bande so leichtes Spiel hatte, lag auch daran, dass der Sophienschatz völlig unzureichend geschützt war. „Zu DDR-Zeiten fehlte uns die heutige Sicherheitstechnik“, schätzt Sobierajski ein. „Wir haben es hinterher mal ausprobiert: Das Schloss an der Vitrine konnte man mit einem Taschenmesser oder einer Büroklammer aufbekommen.“ Danach stopften die Briganten den Schatz wahrscheinlich in ihre Jacken- und Manteltaschen und spazierten seelenruhig mit den anderen Besuchern durch den Haupteingang aus dem Museum, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

Die Polizei verhörte in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten Hunderte Zeugen, führte Tausende Vernehmungen. Museums-Mitarbeiter beschrieben dem damaligen Kriminaltechniker und Phantomzeichner Sobierajski sowie dem Grafiker Martin Hänsch aus der Erinnerung all jene geklauten Schatzstücke, von denen keine oder nur unscharfe Fotos existierten. Aus diesen und weiteren Unterlagen fertigten die beiden einen Katalog an, der die gesamte Beute zeigte und beschrieb. Diese Dokumentation reichte die ostdeutsche Polizei sogar im Westen aus. Auch damals eher ungewöhnlich: Die Staatsanwaltschaft bat die Bevölkerung via DDR-Fernsehen um Zeugenhinweise.

Doch der Schatz blieb verschollen. Nach einem Jahr schien sich eine Spur aufzutun, als Sobierajski in einer Zeitung einen besonderen Artikel entdeckte. Ein Gerichtsreporter berichtete über den Prozess gegen eine bewaffnete Diebesbande, die Meißner Porzellan aus dem Spreewaldmuseum Lübbenau gestohlen hatte. Zum Verhängnis geriet der Gang ein Depot mit Diebesgut, Pistolen und Funkgeräten, das sie im Graupaer Forst angelegt hatte. Ein Waldarbeiter entdeckte das Lager zufällig, informierte die Polizei. Die legte sich auf die Lauer und konnte schließlich zwei Westberliner Brüder und einen Österreicher schnappen. Und eben dieser Österreicher sah dem Mann auf dem Phantombild, das Sobierajski vom mutmaßlichen „Schmieresteher“ gezeichnet hatte, täuschend ähnlich.

Für einen Zusammenhang zwischen den Raubzügen in Dresden und im Spreewald sprach auch, dass die Museumsknacker von der anderen Seite der Mauer gekommen waren. Innerhalb der DDR wäre der prominente Sophienschatz ja unverkäuflich gewesen. Doch letztlich bekamen die Dresdner Polizisten von ihren Berliner Kollegen den Bescheid, die sogenannte Hildebrandt-Bande habe nichts mit dem Sophienschatz zu tun.

 Erst nach der Wende zeichnete sich ein Durchbruch ab: Ein Münzhändler versuchte 1999, insgesamt 38 Teile des Sophienschatzes in Oslo zu versteigern. Dank des zu DDR-Zeiten verteilten Kataloges erkannte ein Kunsthändler die Stücke als gestohlen und alarmierte die Polizei. Die Norweger beschlagnahmten die Stücke. Um die Rückgabe abzukürzen, zahlte das Stadtmuseum den Münzhändler – der die Stücke wohl gutgläubig erworben hatte – aus und bekam so einen Großteil des Sophienschatzes wieder zurück. „Die Polizei konnte die Spur leider nicht bis zur Bande zurückverfolgen“, erzählt Sobierajski. „Die eigentlichen Drahtzieher hat die Polizei bis heute nicht finden können. Aber eines kann man sagen: Die Bande hat ihren Coup damals ordentlich vorbereitet..

Wer mehr über dieses bis heute rätselhafte Verbrechen erfahren will, sollte am Donnerstagabend das Stadtmuseum Dresden, Landhausstraße, besuchen: Ab 19 Uhr berichtet der frühere Direktor Dr. Werner Barlmeyer im Museums-Café über „Die Rückkehr des Sophienschatzes: Vom größten Kunstraub in der DDR bis zur glücklichen Wiederkehr nach Dresden“. Präsentiert wird dort auch eine MDR-Doku zum Thema aus dem Jahr 2013.

Von Heiko Weckbrodt

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