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Grab von 225 Zwangsarbeiterkindern soll in Dresden ein würdiges Antlitz erhalten

Grab von 225 Zwangsarbeiterkindern soll in Dresden ein würdiges Antlitz erhalten

Ein schmaler Grünstreifen, Besucher laden hier Abfälle ab oder gehen achtlos vorbei. Welch Zeugnis menschlicher Tragödie sich unter der unscheinbaren Fläche an der Südmauer des St.

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Über 90 Meter erstreckt sich das Sammelgrab der 225 Zwangsarbeiterkinder entlang der Friedhofsmauer. Statt Blumen und Namenstafeln verunziert ein Müllabladeplatz die Stelle.

Quelle: Jane Jannke

Pauli Friedhofs verbirgt, wussten lange Zeit nur wenige. 225 Kleinstkinder, so hat Sozialpädagogin Annika Dube-Wnek herausgefunden, wurden hier einst verscharrt, Kinder polnischer und sowjetischer Zwangsarbeiterinnen, die zwischen 1943 und 1945 in und um Dresden in Betrieben oder auf privaten Höfen schufteten. Auf einer Länge von 90 Metern säumen ihre Gräber den Wegesrand, Gräber, die namenlos geblieben sind. Einzig ein schmuckloser Gedenkstein erinnert seit 1950 an ihr Schicksal - mehr waren der Besatzungsmacht die Kinder sogenannter "Kollaborateure" nicht wert.

Viel zu grob für solch kleine Wesen, finden Annika Dube-Wnek und der Verein Jugend Arbeit Bildung e.V. Seit einem Jahr versuchen sie, das Los der Kinder in das Bewusstsein der Dresdner zu rücken. Das Sammelgrab soll ein würdiges Antlitz erhalten. Im vergangenen Herbst beantragte der Verein Fördermittel über das Lokale Handlungsprogramm für Demokratie und Toleranz (LHP) bei der Stadt. "Wir haben auch zwei Schulen angesprochen", berichtet Vereinsgeschäftsführerin Dr. Solveig Buder. Kunstschüler der Waldorfschule entwarfen daraufhin Modelle für eine mögliche Gestaltung. Ab-strakt geformte Stelen, die an Pappsärge erinnern, in denen die Kinder einst begraben wurden - so sieht es einer der Entwürfe vor, der derzeit als Favorit gehandelt wird. Kompliziert gestaltet sich allerdings die Frage des Materials, denn hier macht die Friedhofsleitung klare Vorgaben: Holz und Stein sind erlaubt. Doch Holz verwittere zu schnell, und Stein sei zu teuer, so die Bedenken. "Eigentlich schwebte uns Glas als Material vor, genauso leicht und zerbrechlich, wie es diese Kinder waren. Doch das müssen wir wohl leider abhaken", bedauert Buder.

Weit wichtiger als bloße Gestaltungsfragen sei allerdings die Verankerung einer neuen, von den Bürgern getragenen Erinnerungskultur. Nazizeit und Dresden - das sei eben nicht nur der 13. Februar. "Wir wollen die Bürger für diese Kinderschicksale sensibilisieren und vor allem junge Leute animieren, sich mit dem Thema Trauer, aber auch den geschichtlichen Ereignissen zu befassen." Es wäre wünschenswert, so Buder, wenn sich noch mehr Schulen oder Bürger an der Gestaltungsplanung beteiligten, aber auch Spenden seien gefragt: "Leider hat uns die Stadt statt der erhofften 20 000 nur 5000 Euro Fördermittel gewährt. Einen Entwurf realisieren können wir damit nicht." Die Stadt verweist auf die Vielzahl an Förderanträgen, die längst den Budget-Rahmen sprengten. Die meisten Friedhofsbesucher wüssten von der Existenz des Grabes nichts, sagt Dube-Wnek. Auch sie selbst erfuhr von den Ausmaßen der Stätte und deren Zustand erst durch einen Friedhofsmitarbeiter. Seit 2009 erforscht sie das Schicksal der Kinder und hat dazu ihre Bachelorarbeit geschrieben. Im Stadtarchiv hat sie die Sterbebücher durchforstet - eine Dokumentation des Grauens.

"Ausländerkinder-Pflegestätte Kiesgrube" - schon der Name macht betroffen. Er klingt nach Kälte und Schmutz, statt nach Geborgenheit und Zuwendung. Zunächst als Zwischenlager für Juden genutzt, bringen nach deren Deportation an der Radeburger Straße Zwangsarbeiterinnen unter desolaten Bedingungen ihre Kinder zur Welt. "Die Mütter durften sie anfangs noch wenige Wochen stillen, dann mussten sie wieder zur Arbeit", so Annika Dube-Wnek. Die als rassisch minderwertig geltenden Babys blieben sich selbst überlassen und starben meist an Krankheiten und Unterernährung. Von den rund 500 Kindern, die auf dem Heller zwischen Mai 1943 und Februar 1945 zur Welt kamen, starb fast die Hälfte noch im Lager. Was mit dem Rest geschah, ist kaum bekannt. Kinder, die den rassischen Vorgaben der Nazis entsprachen, wurden zum Teil in deutschen Familien untergebracht. Mancher weiß bis heute nichts von seiner wahren Identität.

Das könnte auch der Grund dafür sein, dass der rührigen Initiative neben viel Unterstützung auch so manch raues Lüftchen entgegen bläst. Ginge es nach Annika Dube-Wnek und Solveig Buder, würden alle 225 an der Friedhofsmauer beerdigten Kinder mit vollem Namen und Lebensdaten genannt. "Hier haben wir die einmalige Situation, dass alle Opfer namentlich bekannt sind. Leider gibt es da einigen Widerstand aus der Verwaltung wegen des Datenschutzes", so die Sozialpädagogin. Generell steht man dem Projekt bei der Stadt aber nach eigener Aussage sehr aufgeschlossen gegenüber. Beim Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft und dem Amt für Kultur und Denkmalschutz bemühe man sich mit weiteren Partnern seit Langem um eine würdige Neugestaltung des Kindergrabes. Allerdings müssten hier verständlicherweise auch finanzielle Aspekte berücksichtigt werden. Eine finanzielle Unterstützung bei der Realisierung der Neugestaltung sei derzeit jedoch noch nicht beschlossen.

Jannke, Jane

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