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Gold war gestern: Die Moskauer Tochter der Deutschen Werkstätten Hellerau statten Oligarchen aus

Gold war gestern: Die Moskauer Tochter der Deutschen Werkstätten Hellerau statten Oligarchen aus

"Also Putin ist es nicht", sagt der amerikanische Tourist zu seiner Begleiterin. Und fügt hinzu: "Aber er sieht ihm ähnlich". Der anvisierte Mann, der mit einem massigen Bodyguard an der Seite und einem edlen Einkaufstütchen in der Hand aus dem GUM auf eine schwarze Limousine zuschlendert, ist klein und hat einen etwas linkischen Gang.

Von heidrun hannusch

Neben dem Wagen, die hinteren Scheiben sehr dunkel getönt, steht ein weiterer Bewacher. Wüsste man nicht, dass diese schon wegen der schusssicheren Karosserie besonders schweren Autos das gar nicht können, meinte man, die Vorderräder  wären etwas vom Boden abgehoben bei dem folgenden rasanten Start.

Die Amerikaner im Café gegenüber des Moskauer Edelkaufhauses rätseln weiter, wer das da eben gewesen sein könnte. Am Nachbartisch fragt sich indes die deutsche Beobachterin der Szene nur eines: Ob der Tütchen-Mann wohl mag, dass es regnet, wenn er schwimmt? Aber der Reihe nach. Was in der Elektrosavodskaja im Osten der Stadt gar nicht so leicht ist. 23, 21, 27 - der Reihe nach ist hier jedenfalls nicht nummeriert, was Zeit kostet bei der Suche. In Nummer 27 - einem großen ehemaligen Fabrikgelände mit schön sanierten alten Backsteinbauten und einigen eleganten neuen Gebäuden - ist der Sitz der Moskauer Tochterfirma der Deutschen Werkstätten Hellerau. Über russische Eigenheiten, die manchmal auch zeitraubend sein können, weiß deren Chef Hans Glöckner einiges. Und über Oligarchen, die neuen Reichen, die Tütchen-Männer, die mit Bodyguard ins GUM gehen und mitunter eigenartige Schwimmvorlieben haben, auch.

Seit 2006 haben die Hellerauer in Moskau eine Dependance. Ursprünglich gegründet worden war sie zunächst aus rein logistischen Gründen. "Es gab einen sehr großen Auftrag, in Moskau eine Villa auszustatten", erzählt Glöckner. "Auch aus steuerrechtlichen Gründen war es wichtig, das von einer in Russland angemeldeten Firma abzuwickeln." Aus dem einen Auftrag wurden schnell mehr. Mittlerweile macht die Firma mit 25 Mitarbeitern jährlich zwischen zwei und acht Millionen Euro Umsatz.

Millionen, die in Villen hinter hohen Mauern verbaut werden, in den Penthäusern der neuen Wolkenkratzer und sehr selten auch in öffentlichen Gebäuden. Die Stanislawski-Straße, gleich neben der Solschenizyn, steht nicht in den Moskau-Reiseführern. Sollte sie aber. Auf der einen Straßenseite einige schön zurück sanierte Katen, die den großen Brand von 1812 überstanden haben. Auf der anderen ein mächtiger, elegant gebogener Backsteinbau, die ehemalige Fabrik von Konstantin Sergejewitsch Stanislawski. Der Mann, der als Regisseur weltberühmt werden sollte, war ebenso Fabrikant - bis er 1917 enteignet wurde. Heute ist es ein Bürogebäude der sehr feinen Art, die auch die Art der Hellerauer ist. Für das Lobby-Café haben sie Tische und Sitzmöbel beigesteuert. Dunkle Tische aus Hirnholz mit mobilem - also beweglichem - Teil für den mobilen Computer. Massige und trotzdem elegante Ledersofas und -sessel, die zum Versinken einladen und danach aussehen, dass sie sich die meisten der Cafébesucher nie leisten könnten.

Stanislawski produzierte hier Goldfäden. Und eine Menge der Kunden, die sich nun der hier ansässigen Firmen bedienen, spinnt auch Gold, auf fast märchenhafte Weise. Zwar nicht aus Stroh, aber aus einem oder zwei anderen Naturstoffen. Mit massivem Gold, gegossen in die Form von Klobecken und Wasserhähnen, haben es die russischen Gas-und Ölmilliardäre aber nicht mehr so wie vielleicht noch vor 20 Jahren.

"Sie haben dazu gelernt bei ihren Reisen an die schönsten Plätze der Welt, in den Fünf-Sterne-Hotels, in denen sie übernachten", sagt Hans Glöckner. Wir sitzen an einem Tisch, der aussieht wie die im Stanislawski-Gebäude, war tatsächlich ein Rest des damaligen Auftrags. Die Tischplatte ist etwa acht Zentimeter dick. "Unsere Auftraggeber mögen es massiv", sagt Glöckner. Massivität ist das neue Gold. In dem Land mit den großen Wäldern und der Unerschöpfbarkeit natürlicher Ressourcen ist für die, die es sich leisten können, Furnier ein Unwort, das ziemlich gleich hinter Armut kommt. Der Firmenchef erzählt von einem Tisch aus massiven Ebenholz, den sie auf Wunsch eines Kunden hergestellt hatten. Die Platte sechs Zentimeter dick, der Preis ein fünfstelliger Eurobetrag. "Wenn ich daran denke, wie selten dieses Holz ist, blutet mir das Herz", sagt der gelernte Tischler. Aber der Kunde ist König. Hier ist er Zar und bekommt, was er möchte. Understatement ist kein russisches Wort und gehört auch nicht zum Wortschatz derer, die neben ihren Moskauer Villen weitere haben in London und New York. Man zeigt, was man hat. Und jeder, der durch die Einlasskontrolle kommt, soll sehen, dass es viel ist.

Standard? Ein Stockwerk über dem, was hier Luxus ist

"3000 Quadratmeter Wohnfläche oder auch mehr sind keine Seltenheit", erzählt Glöckner. Nach fünf Jahren, die der Dresdner mit der ganz besonderen Art aus der Abteilung "Schöner wohnen" zu tun hat, ist vieles für ihn selbstverständlich geworden. Deshalb fällt es ihm gar nicht so leicht, auf die Frage zu antworten: "Was unterscheidet nun die Oligarchenvillen von den Villen deutscher Sparkassenchefs?"

Fangen wir einfach beim Standard an, der hier ein Stockwerk über dem angesetzt wird, was bei Sparkassendirektoren als Luxus gilt. "Also Billardzimmer, Schwimmbad und Bibliothek mit Kamin gibt es überall. Kino sehr oft und Tresorräume." Und jede Menge Kunst - natürlich echt und wahnsinnig wertvoll, meint Glöckner. Auf die Frage nach dem ganz Besonderen muss er ein wenig nachdenken und kommt dann doch drauf. "Die Bronzedecke über dem Pool", fällt ihm ein. Für einen der besonders solventen Kunden hatten die Hellerauer einen Raum mit Innenpool ausgestattet. Seien wir genauer, eine Halle. Und über dem Pool wünschte sich der Auftraggeber eine Bronzedecke, aus der es regnet, wenn er schwimmt.

Naja, wer alles hat, möchte es eben beim Schwimmen von unten und von oben nass haben. Für den gleichen Raum wurden übrigens auch extra dicke Kerzen gegossen für eine Bronzeplatte über dem frei stehenden Kamin. Es sollten Hunderte echte Kerzen sein, die Licht abgeben, aber ohne echt brennenden Docht. Also hat sich das russische Team der Deutschen Werkstätten etwas einfallen lassen, Löcher gebohrt in das Wachs und Halogenlämpchen drinnen integriert. "Sieht wirklich toll aus", sagt er, dem nicht immer gefällt, was der Moskauer Kunde liebt.

Wer der Oben-unten-Wasser-affine Kunde war, natürlich erfahren wir es nicht. Keine Namen, das war klar schon vor dem Treffen in Moskau. Gemeinhin gilt nur das Kapital als scheues Reh, das schnell zu verschrecken sei, hier ganz speziell sind es auch die Kapitalisten, wenn man sie so nennen darf. Der Deal, Auftrag nur bei strengster Diskretion.

Natürlich haben die Hellerauer in Moskau auch andere Kunden, die keine No-names sind, weil sie - gemessen an den anderen - tatsächlich No-names sind. Hans Glöckner zeigt eine Präsentationsmappe mit Fotos bereits realisierter Aufträge. Über einigen Wohnungsfotos steht: Appartement Natalja. "Das ist eine stellvertretende Bankdirektorin", erklärt er, dass sie nicht den ganz großen Wert auf inkognito legt. Bei diesen Kunden heißen die Projekte nach den Vornamen des Auftraggebers. Vorname deshalb, weil man sich in Russland damit anspricht, auch wenn man nur eine Geschäftsbeziehung hat. Die Projekte der anderen Klientel nennen keine Vornamen, die zuzuordnen wären. "Es ist komisch", sagt Glöckner, als falle es ihm gerade erst auf ,"selbst wir in der Firma nennen nie den Namen des Kunden, den wir natürlich kennen, wenn wir über das Projekt sprechen." Und dann wird es bizarr. "Wir sagen ,ER kommt morgen auf die Baustelle' oder ,wir müssen IHN fragen wegen eines Details'."

Als wir uns treffen, kommt Glöckner gerade von einer Baustelle, die einem dieser ERs gehört. Ein Groß- und ein Langauftrag ist das. Über fünf Jahre ließ der Kunde immer wieder um- und anbauen. Wer das nötige Geld hat, kann sich auch einen rasch wechselnden Geschmack leisten. Die Hellerauer machten mit IHM schon mehrere Millionen Euro Umsatz. Und sie machen in der Regel nur die Holzarbeiten, Böden, Schrankeinbauten, Türen und Wandverkleidungen.

Auf Identitätssuche darf ein Versuch erlaubt sein. Erste Frage: "Kannten sie seinen Namen, bevor sie den Auftrag bekamen?" "Ja", sagt Glöckner. Zweite Frage: "Kenne auch ich ihn?" "Vielleicht". Okay, hören wir auf damit. Denn die nächste könnte die Millionen-Frage sein, Millionen-Aufträge, die die Hellerauer nach der Antwort mit Klarnamen verlieren könnten in Moskau. Keine unberechtigte Angst. Glöckner erzählt von einem Subunternehmer aus Westdeutschland, der - stolz wie Bolle, für solch einen Mann arbeiten zu dürfen - gequatscht hatte gegenüber einer winzigen Lokalzeitung. Nicht klein genug, um nicht gefunden zu werden. "Als er das nächste Mal auf die Baustelle kam, wurde er ins Büro gebeten, dort blieb er zwei Stunden. Danach wurde er vom Wachpersonal zum Tor begleitet und kam nie wieder. Sein Auftrag war weg", erzählt Glöckner.

Der einen solchen Fehler nie begehen würde. Warum auch. Wirklich zu beeindrucken scheint ihn der Moskauer Reichtum nicht. "Neid kenne ich überhaupt nicht", sagt der 44-Jährige. Eine Bronzedecke, aus der es regnen soll, wenn ER schwimmt, behandelt er nicht anders als jene Fensterrahmen, die er auf einer seiner ersten Arbeitsstellen nach der Lehre in Dresden herstellte. Für beide gilt, sie müssen anständig gefertigt sein, Handwerkerehre. Und obwohl er nach der Tischlerlehre Holztechnik studierte, scheint er sich noch immer auch als Handwerker zu sehen. Der anfangs seine Zukunft so ganz und gar nicht in Hellerau sah.

Wer Geld hat, kann sich einen wechselnden Geschmack leisten

"Ich bin in einer Plattenbauwohnung mit Hellerau-Anbauwand aufgewachsen", erzählt er. Und fügt hinzu: "Muss ich mehr sagen?" Nein. Jahrzehntelang stand Hellerau eher für Plattenbau-Spießigkeit, für Norm und Durchschnitt, wenn auch gehobenen Durchschnitt, betrachtet man andere DDR-Anbauschränke. Eigentlich kam Glöckner 1988 nur nach Hellerau, weil er eine Firma suchte, die ihn zum Studium delegiert. Nach seinem Abschluss ging er 1995 dahin zurück. Und machte von Anfang an mit, als die Hellerauer die Anbauwand-Phase auf den Müll warfen und da anknüpften, wo sie irgendwann einmal angefangen hatten: beim Luxus. "Ich war dabei, als wir die erste Luxusyacht ausstatteten", erzählt er. Eine Yacht, das sei die Königsklasse im Ausstattungsmetier. Heute ist dies eine sehr wichtige Sparte, in der die Hellerauer unterwegs sind. Übrigens, auch immer mehr dieser Yachtbesitzer sind mittlerweile Russen.

Seit September 2007 leitet Hans Glöckner die Moskauer Tochterfirma, anfangs aus einem winzigen Interimsbüro. "Acht Wochen brauchte es, um einen Telefonanschluss zu bekommen", erzählt er, der sich erst an den eher langen Gang der Dinge in Russland gewöhnen musste. "Man muss hier lernen, viel weiter vorauszuschauen, als es in Deutschland notwendig ist. Denn es ist normal, dass Materiallieferungen vier bis sechs Wochen dauern - in Deutschland im Vergleich zwei Tage!". Aber das ist keine Klage. Man müsse sich eben darauf einstellen, meint er, sonst drehe man durch. Und manchmal sei er auch nah am Durchdrehen, kommt dann noch im Nachsatz.

50 Kilometer außerhalb von Moskau hat die Hellerau-Tochter eine eigene Fertigungsstätte mit 15 Tischlern, wo kleinere Aufträge bis zu einer Auftragsgröße von etwa einer halben Million Euro bearbeitet werden oder auch vor Ort notwendig gewordene Änderungen an großen Projekten vorgenommen werden. Das meiste wird in Hellerau gefertigt und dann nach Moskau transportiert. "Unseren Kunden ist deutsche Wertarbeit wichtig, also auch, dass in Deutschland produziert wird", erzählt Glöckner. Die Moskauer Mitarbeiter erledigen, was nur vor Ort gehe: Bereitstellung der Infrastruktur, Einfuhr mit Verzollung, Projektleitung und Support, Kundenkontakt, Materialbestellung und natürlich Akquirierung von Kunden. "Nein, auf der Millionärsmesse sind wir nicht", sagt Glöckner, bevor auch nur die Frage danach kommt. Das passe einfach nicht zu ihnen. Noch nicht einmal Anzeigen schalten sie. Denn es funktioniert auch so, wie es meistens am besten funktioniert: ein Freund sagt einem Freund sagt einem Freund...

Kunden beginnen zunehmend zu feilschen

Obgleich es auch schwerer geworden ist auf dem Moskauer Markt. "Bis zur Finanzkrise 2008 sagten wir einen Preis und haben ihn bekommen. Seither haben auch unsere Kunden begonnen zu feilschen", berichtet er. Trotzdem scheint es noch ganz gut zu laufen. Die russische Hellerau-Tochter plant weiter zu expandieren.

Neben dem Tisch, an dem wir sit- zen, steht eine Musterplatte, Bodenmarmor mit goldfarbigem Ornament. Gegenüber irritiert die Besucherin noch ein Muster, eine Holzsäule, bekrönt von einem Kapitell. Ein bisschen zu ungewohnt für das Hellerau, das sie zu kennen geglaubt hatte. "Natürlich passen wir uns dem Kundengeschmack an", sagt Glöckner. Als er dann Fotos zeigt von ausgewählten Projekten, die sie in Moskau ausgestattet haben, ist zu sehen, anpassen, ja, sich aufgeben, nein. Hellerau bleibt auch in den Moskauer Oligarchenvillen Hellerau. Ein bisschen massiver vielleicht, etwas verspielter, eine Spur protziger - aber immer in höchster Qualität.

Das, was gemeinhin belästert wird als "Moskauer Barock" findet sich in diesen Immobilien nicht. Die verschärfte Variante der russischen Einrichtungsverirrung sehen wir trotzdem. Hans Glöckner zeigt Fotos seiner Wohnung in einem Moskauer Plattenbau. "Wohnungen werden hier in der Regel möbliert vermietet", erklärt er vorab. Und erzählt, dass ein Schrank, den sie vorgefunden hatten, so scheußlich sei, dass sie ihn mit dem Gesicht zur Wand stellten. Sollte man mit allem tun, denkt sich die Betrachterin, aber dazu ist die Wohnung dann doch zu klein. Die Mieten sind teuer in Moskau und die meisten wohnen nach wie vor im Plattenbau.

Er ärgert sich, wenn über Russland nur mit Negativ-Schlagworten berichtet wird: Verbrechen, Korruption, Gewalt. "Hier gibt es nicht mehr Kriminalität wie in anderen westlichen Großstädten auch", sagt er. Und er bewundert, wie die Russen - und zwar alle Schichten - das Leben feiern. "Die denken nicht immer an morgen und übermorgen wie die Deutschen, sie leben jetzt ", meint er.

Und trotzdem hat ihn der Blick aus der Ferne doch auch viel über die eigene Heimat gelehrt. Er meint: "Deutschland ist ein wunderbares Land und wir, die Deutschen, sollten jeden Tag dankbar sein, dass uns die Möglichkeit gegeben wurde, unsere Heimat so zu entwickeln - viele Russen würden sofort tauschen."

Auf manche Moskauer Besonderheit der Darwinschen Der-Stärkere-gewinnt-Art könnte auch die Kurzzeit-Besucherin gern verzichten. Als sie auf dem Flughafen ihr Gepäck auf das Band gelegt hat, sieht sie aus dem Augenwinkel, wie rechts etwas an ihr vorbei fliegt. Ihr russischer Hintermann hat seinen Koffer über ihren hinweg geworfen, um vor ihr dran zu sein. Aber zumindest weiß sie, ein "Tütchen-Mann" war es nicht. Die fliegen nicht von Scheremetjewo.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.10.2012

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