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Geschlagen, verbrüht, vergewaltigt - Zwei Frauen brechen ihr Schweigen über die Quälereien im Lehrlingswohnheim Berbisdorf

Geschlagen, verbrüht, vergewaltigt - Zwei Frauen brechen ihr Schweigen über die Quälereien im Lehrlingswohnheim Berbisdorf

Einer muss jetzt den Milchtank schrubben. Diesmal ist Bärbel dran. Die 15-Jährige klettert in den Behälter. Plötzlich schiebt sich ein Schlauch durch die Luke und kochend heißes Wasser prasselt herab.

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Als 15-Jährige erlebte Bärbel N. in dem Berbisdorfer Schloss die Hölle auf Erden.

Quelle: Madeleine Arndt

Die Kühe sind versorgt. Von Madeleine Arndt

Das Mädchen schreit, sieht panisch auf die Lache, die sich immer weiter ausbreitet. Nach endlosen Minuten wird das Wasser abgedreht.

"Ich hatte nur ein paar leichte Verbrennungen", erinnert sich Bärbel N. später. Aber die Angst zu sterben, schlägt eine große Wunde in ihre Seele. Mit 14 Jahren kam die Dresdnerin 1977 nach Berbisdorf, um eine Lehre als Melkerin zu machen. Nach einem halben Jahr begannen die Misshandlungen: sexuelle Nötigung, Tritte in den Bauch, zwei gebrochene Rippen und tausend kleine Gemeinheiten. Die Täter waren kaum älter als sie - eine Gruppe von Jungen und Mädchen aus dem zweiten und dritten Lehrjahr, die mit ihr im Lehrlingswohnheim im alten Berbisdorfer Schloss wohnten. "Wir waren Frischfleisch und mussten erst mal erzogen werden", sagt Bärbel N. mit bitterer Miene. Sie ist sich sicher, dass sie nicht das einzige Opfer dieser sadistischen Quälereien war. Doch aus Angst hätten wohl viele geschwiegen.

"Auf unseren Füßen wurden Zigaretten ausgedrückt", erinnert sich Gaby A. (Name geändert), die zur gleichen Zeit in Berbisdorf lernte. Ja, auch den Milchtank habe sie kennenlernen müssen. Aber das Schlimmste waren die Vergewaltigungen: "Sie haben mir einen Sack über das Gesicht gezogen, mich mit Kälberstricken ans Bett gebunden und vier Jungen sind nacheinander über mich drübergestiegen." Ein anderes Mal habe man sie bis zur Bewusstlosigkeit mit dem Kopf auf die Fliesen geknallt. Die damals 15-Jährige konnte sich nicht gegen ihre Peiniger wehren. Als sie in ihrer Not zum Gericht ging, wurde sie ausgelacht. Danach versuchte sich Gaby A. zu erhängen.

Körperverletzung, Vergewaltigung, Bedrohung - auch unter Gleichaltrigen - sind Straftaten, die eigentlich sofort zur Anzeige gebracht werden müssten. "Wir waren zu jung, um uns zu wehren und es war für uns eine peinliche Angelegenheit", erklärt die 48-Jährige, warum sie sich schließlich in ihr Schicksal fügte. Heute gelten die Geschehnisse in Berbisdorf juristisch als verjährt, denn sie liegen mehr als 30 Jahre zurück. "Da kann man niemanden mehr ans Hemd", sagt Charlotte Ranft, Leiterin der Opferhilfe "Weißer Ring". "Aber das entlastet die Täter nicht von ihrer Schuld", betont sie. Im Fall der Übergriffe in Berbisdorf bleibe den Frauen nur noch die persönliche Verarbeitung des Erlebten, möglichst in Begleitung eines Therapeuten.

Gewaltexzesse sind kein typisches Phänomen von DDR-Internaten, sondern sie kommen immer wieder vor. In Cliquen kann sich eine grausame Dynamik entwickeln. Der schwedische Psychologe Dan Olweus hat unter anderem Mechanismen beschrieben, die aus einer Clique einen gewissenlosen Mob machen können: Wird Gewalt durch ein Vorbild positiv erlebt, können bei den anderen Hemmungen und Verantwortungsgefühl nachlassen - das Opfer wird nach und nach entmenschlicht.

Franz Eder von der "Opferhilfe Sachsen" kennt solche Fälle. Sie ziehen sich durch alle Schichten, treten aber auch verstärkt in Förderschulen und Behinderteneinrichungen auf, konstatiert er. Jugendliche täten sich sehr schwer, um Hilfe zu suchen, obwohl die Beratung anonym erfolgen kann und keine Entscheidungen forciert werden. Unter insgesamt 1148 Ratsuchenden gab es nur 72 Jugendliche (im Alter zwischen elf und zwanzig Jahren), die 2010 eine der acht Beratungsstellen der Opferhilfe aufsuchten. Kommen sie, dann meist in Begleitung eines Sozialarbeiters oder Vertrauenslehrers. Leider könnten Lehrer wegen ihrer vielen Aufgaben von außen meist gar nicht erkennen, ob ein Schüler gequält wird, so Eder. Der Sozialpädagoge geht deshalb von einer hohen Dunkelziffer aus.

Die Misshandlungen, die ihnen vor 30 Jahren in Berbisdorf zugefügt wurden, haben die Frauen nicht verdrängen können. Beide sind traumatisiert, nervlich zerrüttet, erwerbsunfähig. Während Gaby A. versucht, das Erlebte in einem Buch zu verarbeiten, ist Bärbel N. jetzt auf der Suche. Sie will ihre Peiniger zur Rede stellen, nach dem Warum fragen. Dass sie damit die Grundfesten "heiler Welten" ins Wanken bringen könnte, nimmt sie in Kauf. "Die haben uns doch auch kaputt gemacht." Nach jahrelangen Therapien ist die Dresdnerin überzeugt, dass sie nur auf dem Weg der Konfrontation mit ihrer Vergangenheit abschließen und Frieden finden kann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.10.2011

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