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"Gerichtsmediziner sind keine Pathologen" - Lesung in Dresden räumt mit einigen Vorurteilen auf

"Gerichtsmediziner sind keine Pathologen" - Lesung in Dresden räumt mit einigen Vorurteilen auf

Zwei Männer und eine Agentenanwärterin vom FBI machen sich daran, eine Frauenleiche zu obduzieren - und schmieren sich vorher eine Minze-Paste unter die Nase. Die Szene aus dem Film "Das Schweigen der Lämmer" mit Jodie Forster und Anthony Hopkins in den Hauptrollen ist berühmt.

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Und wurde von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos bei ihrer Lesung im Theater Wechselbad kurz eingespielt - um mit dem Mythos mit der Minze aufzuräumen.

Ein Gerichtsmediziner braucht nämlich bei der Arbeit seinen Geruchssinn, stellte Michael Tsokos klar, der selbst ein solcher ist. Vor allem aber fungiert er als Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charité in Berlin, wo Fitzek beim ersten und bisher einzigen Besuch Tsokos' an dessen Arbeitsstelle schon mal zwölf Leichen sehen "durfte". "Das ist halt Berlin", erklärte Tsokos trocken. Das meiste, was Fitzek sah, hat er verdrängt, aber der Geruch, der machte "einen nachhaltigen Eindruck".

Ein anderer Fehler des Thrillers "Das Schweigen der Lämmer": Jodie Forster alias FBI-Agentenanwärterin Clarice Starling erfährt bei einem Anruf, der kannibalistisch veranlagte Serienmörder Hannibal Lecter habe seinen Zellennachbarn Miggs dazu gebracht, seine Zunge zu verschlucken. Anatomisch geht das gar nicht, meint Tsokos, der "Das Schweigen der Lämmer" trotzdem "klasse" findet, und zwar Buch wie Film.

Er sitze nämlich beileibe nicht griesgrämig da und lauere auf Fehler in TV-Krimis und Kino-Thrillern, beteuerte der Gerichtsmediziner, der als Berater auch das abklopft, was Jan Josef Liefers in seiner Rolle als Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne im Münsteraner Tatort von sich gibt. In frühen Folgen, zwei Szenen wurden eingespielt, spricht Prahl von der Pathologie, wird Boerne als Pathologe bezeichnet. Aber "Gerichtsmediziner sind keine Pathologen", stellte Tsokos klar. Und räumte auch mit dem Vorurteil auf, Menschen müssten in die Gerichtsmedizin kommen, um Angehörige oder Bekannte zu identifizieren. Müssen sie nicht, der Anblick als Leiche soll nicht das letzte Bild sein, das Menschen von einem Angehörigen oder Freund im Kopf haben. Es gibt dank der modernen Wissenschaft genug Möglichkeiten, die Identität eines Toten zweifelsfrei festzustellen.

Dass dies mitunter allerdings ausgesprochen schwierig sein kann, das muss auch Dr. Hanfeld erfahren, Gerichtsmediziner in einer fiktiven Sondereinheit des BKA und als solcher Hauptfigur des neuen Romans "Abgeschnitten" des Thriller-Autors Sebastian Fitzek. Auf Hanfelds Tisch landet, so das Ausgangsszenario, die Leiche einer monströs zugerichteten Frau.

Unter- und Oberkiefer herausgerissen, beide Hände abgeschnitten. Das soll an dieser Stelle genügen an Details. Zum Buch noch: Der Täter wusste, was er tat. Schnell wird auch klar: Er ist psychopathischer Serienmörder, der Hanfelds Tochter entführt hat und in Leichen, die nicht zu knapp auftauchen in dem Thriller, Hinweise auf deren Verbleib platziert.

Ich räume ein, das war die ungewöhnlichste Lesung, auf der ich - so weit ich mich erinnern kann - je gewesen bin. An sich war es mehr eine Multimedia-Show, mit reißerisch angelegten Teasern, wie sie in Film und Fernsehen mittlerweile häufig sind. Sogar (immerhin verfremdete) Fotos von Mordopfern werden gezeigt. Tsokos und Fitzek, die sich in einer Sendung von "Fröhlich lesen" das erste Mal begegneten und seit einiger Zeit befreundet sind, frotzeln sich in Boerne/Thiel-Manier hier und da, wirken als Team in punkto Lesung allerdings noch nicht ganz eingespielt. Andererseits hat die fehlende Routine irgendwie auch etwas Einnehmendes.

Sowohl die vorgelesenen Passagen als auch die Fotos, die einen Arbeitsauftrag Tsokos' in Kasachstan dokumentierten, waren nichts für schwache Nerven. Dort sollte der Gerichtsmediziner klären, ob es sich bei zwei Leichen, die man in Fässern in gelöschtem Kalk fand, um zwei seit drei Jahren vermisste Banker landete, deren Vermögen - welch Zufall - beim Schwiegersohn des Präsidenten gelandet war. Tsokos konnte die Identität der Mordopfer klären. Der Mörder ist unbekannt, allerdings pflegt er an seinen Opfern, die beiden Banker waren beileibe nicht die einzigen, seine Visitenkarte zu hinterlassen. Er schneidet ihnen zum Schluss die Haare. Auch dieser Fall beweise, sagt Fitzek, dass es beleibe nicht übertrieben sei, was er in seinen Büchern schreibe, sondern dass so manche Szene 1:1 an der Wirklichkeit orientiert sei. "Ich schreibe nicht um des Schockierens willen. Was mein nächstes Buch angeht, da weiß ich noch nicht mal, ob es überhaupt eine Leiche gibt."

Michael Fitzek: Abgeschnitten, Droemer Verlag, 400 Seiten, 19,99 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.10.2012

Christian Ruf

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