Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
Genervte Eltern am Streiktelefon - Mitarbeiter der Stadt managen Anfragen zur Kita-Öffnung

Genervte Eltern am Streiktelefon - Mitarbeiter der Stadt managen Anfragen zur Kita-Öffnung

"Zu ihrer Kita kann ich leider nichts sagen, da haben wir noch keine Angaben." Karin Schmidt vom Eigenbetrieb Kindertagesstätten muss bei der Anfrage eines Vater zwar zunächst passen, aber sie kann eine Alternative anbieten.

Voriger Artikel
Sparkasse Dresden: "Eine Woba würden wir, wenn's passt, in der Finanzierung gern begleiten"
Nächster Artikel
Keine höheren Elternanteile in Dresdner Kitas

Der Warnstreik legte gestern den Betrieb in viele städtischen Kitas lahm.

Quelle: Anja Schneider

"In der Augsburger Straße ist teilweise geöffnet." Der Mann bedankt sich und legt auf.

Seit 6 Uhr geht das so am gestrigen zweiten Streiktag für die städtischen Kindereinrichtungen in Dresden. Der Eigenbetrieb, die Verwaltung für die 168 kommunalen Kitas, hat eine Internetseite und drei Sondertelefone eingerichtet. Hier können sich die Eltern ganz kurzfristig am Morgen über die Situation in ihrer Kita informieren.

An einem Telefon sitzt Frau Schmidt, Abteilungsleiterin Personal und Grundsatzangelegenheiten beim Eigenbetrieb. 31 Anrufe hat sie in der ersten Stunde entgegengenommen, ihre Nummer steht bei den Veröffentlichungen immer an erster Stelle. Nur einmal hatte sie kein passendes Ersatzangebot. An den anderen beiden Telefonnummern sind es jeweils 14 Anrufer bis dahin. "Die Eltern gehen meist ruhig mit der Situation um", bilanziert die Abteilungsleiterin zu diesem Zeitpunkt. Viele hätten sich Alternativen gesucht. Bei manchen geht das aber nicht.

"Bin ich bei ihnen richtig wegen einer Streik-Auskunft", fragt eine Frau. Ihre Kita in Strehlen ist zu. "Ich brauche unbedingt eine Betreuung, ich habe 12 Stunden Arbeit hinter mir, mein Mann geht gleich zur Arbeit." Beim letzten Mal habe sie das privat gelöst. Eine Alternative bietet sich mit der Kita auf der Vetschauer Straße. Dort sind einige Kollegen zur Arbeit erschienen, die Einrichtung hat teilweise geöffnet. "Kann ich da einfach hingehen, muss ich Essengeld mitnehmen?" fragt die Frau nach.

Zweimal Ja von Frau Schmidt. Die Mitarbeiter wissen, dass Gastkinder kommen können. Am Montag hatten sich die Gewerkschaften GEW und Verdi für einen Aufruf zum ganztätigen Warnstreik für den 16. April entschieden. Sie wollen per Tarifvertrag eine Aufwertung der Sozialberufe erreichen. In den letzten Jahren seien die Anforderungen erheblich angestiegen, die Gehälter nicht.

Alle Kitas sind am Dienstag von der Stadt über den Streik informiert worden, auch an die Eltern ging ein Brief. Für eine Öffnung müssen mindestens drei oder mehr pädagogische Fachkräfte anwesend sein. Sie können nur so viele Kinder aufnehmen, dass der Personalschlüssel eingehalten wird. Bei einer Kinderkrippe sind das derzeit sechs Kinder pro Erzieherin. Sind auch Horts geschlossen, dürfen die Grundschullehrer die Kinder nicht am Nachmittag betreuen, weil sie sonst Streikbrecher wären. Bei Lehrerstreiks gilt das auch umgekehrt.

Die Stadt konnte keine definitiven Ausweich-Kitas nennen, weil eine Notdienstvereinbarung mit den Gewerkschaften nicht zustandegekommen war. Nur mit einer solchen Vereinbarung können für die benannten Kitas Mitarbeiter zum Dienst verpflichtet werden. Das wollten die Gewerkschaften nicht. So zeigt sich erst am Morgen, ob Kitas öffnen oder nicht.

Das bekommt ein Vater zu spüren, der vor einer Kita in Pieschen steht. Auf der Internetseite der Stadt ist sie als teilweise geöffnet ausgewiesen. Sie ist aber zu, wie der Mann selbst in Augenschein nehmen konnte. Der Alternativvorschlag kommt nicht in Frage. Also ruft Karin Schmidt in der Kita an und löst das Rätsel auf. Die Leiterin öffnet gerade, nachdem eine dritte Kollegin eingetroffen ist. "Dann gehen wir nochmal hin", sagt der Vater. Es klingt erleichtert.

Das lässt sich von einer anderen Mutter nicht behaupten. Sie hatte die gleiche Kita im Visier, bekam am Telefon die Auskunft, dass geöffnet ist, zog los und stand vor verschlossener Tür. Bei ihrem zweiten Anruf bei Frau Schmidt ist sie entsprechend aufgebracht. Dass die Kita nun doch geöffnet hat, besänftigt die Mutter nicht unbedingt. "Die kotzen mich langsam an, ich habe gerade eine neue Arbeit. Die sollen mal im Handel arbeiten gehen, da wissen sie, was sie verdienen." Der dritte Anruf zu der gleichen Kita verläuft wieder glimpflicher. Die Mutter freut sich, dass geöffnet ist. "Schönen Tag noch!"

Die Anforderungen an die Kita-Erzieherinnen seien hoch, meint Abteilungsleiterin Schmidt. Wer nach Berufsausbildung und Fachschule beim Eigenbetrieb anfängt, erhält 2366 Euro im ersten Jahr. Das gilt für eine 40-Stunden-Woche, viele Erzieherinnen arbeiten Teilzeit. Die Durchschnittsarbeitszeit liegt bei 36 Stunden. Nach 17 Jahren Dienstzeit kommt eine Vollzeit-Erzieherin so auf 3289 Euro. Die Aufwertungskampagne der Gewerkschaften würde die Spanne auf rund 2600 bis etwa 3950 Euro anheben.

Gegen 8 Uhr ebben die Anrufe ab. Reichlich 70 sind zusammengekommen, am Ende des Tages werden es 91 gewesen sein. 4700 Zugriffe hat es auf die Online-Infos gegeben. Beim ersten Streik am 2. April klingelte es 120-Mal. Unter dem Strich sind gestern 55 der 168 städtischen Kitas komplett geschlossen geblieben.

An normalen Tagen werden rund 24 000 Kinder in städtischen Kitas betreut. Angesichts dieser Zahlen haben die Vorbereitungen und Informationsangebote von Gewerkschaften und Stadt wohl größeren Ärger vermieden. Für die Mitarbeiter um Frau Schmidt ist der Streiktag damit noch lange nicht bewältigt. Innerhalb einer Woche melden die Kitas, wer wirklich wie lange gearbeitet hat. Wer streikt, bekommt kein Geld von der Stadt. Die Abrechnung für den 2. April läuft auch noch.

Bevor Karin Schmidt zum Tagesgeschäft übergeht, landet noch eine Mutter bei ihr. Sie kommt gerade aus einem Auslandssemester, ihr Kind sollte zum ersten Mal wieder in die Kita, die ist aber zu. Eine fremde Kita will sie ihm nicht zumuten und hofft auf den heutigen Freitag. "Da ist alles wieder normal, ja?" Davon geht der Eigenbetrieb der Stadt aus.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.04.2015

Ingolf Pleil

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
22.09.2017 - 08:23 Uhr

Regionalliga: Neugersdorfer spielen bei Lok Leipzig

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.