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Gemeindedolmetscher in Dresden immer öfter gefragt

Gemeindedolmetscher in Dresden immer öfter gefragt

Die Hilfe der 45 Gemeindedolmetscher ist in Dresden immer häufiger gefragt. 970 Mal wurden die ehrenamtlichen Übersetzer im vergangenen Jahr bei Verständigungsproblemen in Krankenhäusern, Kindergärten, Behörden und anderen Einrichtungen hinzugezogen - anderthalbmal so oft wie im Vorjahr. Dabei wäre dieser Service, der oft genug schon Fehldiagnosen und schwere kulturelle Missverständnisse verhindert hat, beinahe über den Jordan gegangen: Der Gemeindedolmetscherdienst gehört zu jenen Projekten, die schon auf der Streichliste standen, aber durch den Haushalts-Kompromiss vor einem Monat in letzter Minute doch noch Geld bekamen.

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Gemeindedolmetscher Lutfi Muallah (l.) aus dem Irak übersetzt bei einem Gespräch mit Sozialberaterin Nguyen Thi Bach Sa (r.) für die Familie von Fawaz Omar aus Syrien. Wichtig sind muttersprachliche ebenso wie kulturelle Kenntnisse über das Herkunftsland wichtig.

Quelle: Dietrich Flechtner

Von Heiko Weckbrodt

Hausmeister Schmid* kocht: Diese drei Halbstarken aus Tunesien und Marokko haben schon wieder die Küche unter Wasser gesetzt, ärgert er sich innerlich. Und dieser Raschid* steht jetzt auch noch mit dem Eimer in der Hand vor ihm und schaut ihn an, als ob er ihm einen großen Gefallen getan habe. Mit denen zu reden, ist vollkommen sinnlos, denkt sich Schmid. Die verstehen eh kein Wort...

Solche Sprachlosigkeit kann in einer Gemeinschaftsunterkunft schnell zum Dauerzwist, zu Wut und Eskalation führen. In diesem Fall aber schaltete sich ein arabischer Muttersprachler als Vermittler ein: Dem Hausmeister erklärte der Gemeindedolmetscher, dass hinter dem Wasserbad keine Randale steckte, sondern die drei jungen Männer aus Nordafrika stinksauer waren, weil Putzen bei ihnen daheim Frauensache ist - und sie den Auftrag, die Gemeinschaftsküche zu wischen, als Affront sahen. Auch ist es in ihren Herkunftsländern üblich, Böden mit einem Wasserschwall zu säubern, da viele Räume einen Abfluss in der Mitte haben, die heiße Sonne Nordafrikas erledigt den Rest. Den junger Arabern wiederum machte der Mittler klar, dass es so nicht geht, dass hier keine Putzen die Arbeit für sie erledigen. Und dass die Küche, in der sie tagtäglich speisen, bald schimmelt und verkeimt, wenn sie so weitermachen. Seitdem kümmert sich das Trio - wenn auch ohne Begeisterung - um die Hausordnung.

Nicht alle könnenProfi-Übersetzer bezahlen

"Viele Verständigungsprobleme zwischen Deutschen und Migranten sind nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell bedingt", betont Hans-Joachim Wolf, der Leiter des Dresdner Gemeindedolmetscherdienstes. Doch vielen Hinzugezogenen fehlt das Geld, Profi-Dolmetscher zu engagieren. Für solche sozialen Fälle sind die Gemeindedolmetscher da, die sich selbst als Ehrenamtler und Muttersprachler definieren, die nicht nur übersetzen, sondern auch kulturelle Missverständnisse aufklären können.

Entstanden ist dieser Dresdner Service, den Stadt und Land pro Jahr mit rund 66.000 Euro mitfinanzieren, vor sechs Jahren aus einem ABM-Projekt. Wolf hatte damals eine Umfrage unter 200 Ausländern und Ärzten gemacht und zum Beispiel festgestellt, dass bis zu zwei Drittel aller fehlerhaften Erstdiagnosen bei Besuchen von Zuwanderern in Praxen durch Verständigungsprobleme entstehen.

"Denken Sie nur an die Vietnamesen, die schon seit DDR-Zeiten hier leben", erläutert Wolf. "Im Alltag können sie sich meist verständlich machen. Aber wenn es um ganz private, familiäre oder gesundheitliche Probleme geht, dann kann man die Feinheiten nur in der Muttersprache richtig erklären." Bis heute sind unter den Gemeindedolmetscher viele Arbeitslose - aber eben auch Berufstätige, teils Dozenten und Profi-Übersetzer, die sich gegen eine Aufwandsentschädigung ehrenamtlich engagieren. Gefordert wird von ihnen allen ständige Weiterbildung, zudem haben sich die meisten auf bestimmte Fachdisziplinen spezialisiert.

Feinheiten oft nur in derMuttersprache erklärbar

In einem Fall etwa kam eine Libyerin zu einem Facharzt für Innere Medizin. Eine Begleiterin übersetzte die Darmprobleme der jungen Mutter als Harnwegbeschwerden. Der Doktor verordnete der noch stillenden Frau zunächst Antibiotika - bis ihm immer mehr Widersprüche auffielen und er auf der Hilfe eines medizinisch vorgebildeten Gemeindedolmetschers bestand, der den Arzt dann auch auf die richtige Fährte brachte.

In einem anderen Fall konnten eine Kindergärtnerin und eine vietnamesische Mutter einfach nicht miteinander klären, warum ein Kind so wild und verhaltensauffällig in der Kita war. Die Erzieherin mutmaßte Vernachlässigung und Liebesentzug durch die Mutter - bis eine Gemeindedolmetscherin dazu stieß und einige Dinge gerade rückte.

"Sie erklärte der Kindergärtnerin zum Beispiel, dass es in Asien als völlig unpassend gilt, öffentlich Gefühle zu zeigen", erinnert sich Wolf. "Es hatte also nichts mit Gefühlskälte zu tun, dass die vietnamesische Mutter ihr Kind beim täglichen Abholen nicht so herzte und abküsste, wie das viele deutsche Mütter tun."

Vertrauen bei Familiengesprächenist besonders wichtig

Überhaupt wissen gerade Kitas die Gemeindedolmetscher sehr zu schätzen. Der Löbtauer Kindergarten "Zu den Glücksraben" zum Beispiel zieht regelmäßig die Ehrenamtler zu Rate, wenn er ausländische Kinder - diese machen hier etwa ein Fünftel der Mädchen und Jungen aus - neu aufnimmt oder die jährlichen Entwicklungsgespräche mit deren Eltern führt. "Diese Unterstützung ist für uns sehr, sehr gut", unterstreicht Kita-Leiterin Weise-Gröger, die ihren Vornamen nicht nennen will.

"Dadurch können wir über Sprachbarrieren hinweg Fragen der Eltern beantworten, mit ihnen über die Entwicklung ihrer Kinder sprechen, interkulturelle Feste vorbereiten und vieles mehr." Wichtig sei vor allem das Vertrauen, dass sich die Gemeindedolmetscher von allen Seiten erworben haben: "Es ist ja für keinen einfach, über familiäre Dinge zu sprechen, wenn Dritte dabei sind", weiß Weise-Gröger. "Mit den Gemeindedolmetschern funktioniert das."

* Namen verändert

iWer Interesse hat, bei den Gemeindedolmetschern mitzumachen, kann sich an die Geschäftsstelle des "Vereins für soziale Integration von Ausländern und Aussiedlern", Lingnerallee 3, Telefon 484 38 03, Internetadresse www.convectus.de, wenden. Gesucht werden momentan zum Beispiel Muttersprachler für Persisch, Indisch und Russisch.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.03.2013

Heiko Weckbrodt

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