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"Für mich gehört die gute Show zum Konzert": Blind Passenger Nik Page im Ballroom in Dresden

"Für mich gehört die gute Show zum Konzert": Blind Passenger Nik Page im Ballroom in Dresden

Eine halbe Stunde vor seinem Auftritt beim Ballroom Passions Festival läuft Nik Page noch durchs Publikum in der Reithalle, schüttelt die eine oder andere Hand, plaudert mit Fans, mit Bekannten und wirkt tiefenentspannt.

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Wie ein Visionär tummelt sich auch Nik Page heute als Blind Passenger auf der Bühne.

Quelle: Stephan Wiegand

"Ich mach das ja jetzt schon nen paar Jahre", sagt er mit einem Lächeln im Gesicht auf die Frage, ob er nicht mal langsam hinter die Bühne will. Zielstrebig arbeitet er sich durch die Menschen im Saal und verschwindet hinter der Absperrung. Im Backstagebereich leitet er einige Minuten später die Metamorphose ein, zieht sich einen schwarzen Overall an, schnallt um den Brustkorb einen Panzer und wird zu einer Fantasiegestalt, die allenfalls noch die Ideen des menschlichen Körpers in sich trägt.

Seit 25 Jahren ist Nik Page auf den Bühnen anzutreffen. Er probierte vieles aus, vielleicht sogar etwas zu viel, aber jeder Baustein hatte seine besondere Bedeutung. Manchmal hat er einen Rückwärtsgang eingelegt und sogar das eigene musikalische Ende eingeläutet. Doch er lebt in der Sience-Fiction, in seinem Kosmos und in dem, was er den Menschen präsentiert. Grenzen kann es mit dem Weltverständnis kaum geben, und "das ist das Schöne an dieser Form von Ausdruck". 2010 hat er sich gesagt: "zurück zu den Wurzeln", zu dem, womit er knapp 20 Jahre zuvor durch die Charts gereicht wurde und er sich wohl am besten verwirklicht sah.

Das Grundgerüst befand sich am Anfang des Electropop der 80er, dem Streben nach Idolen wie Depeche Mode, und genau das steht jetzt in seinem Fokus, etwas verspielter, bisweilen mit einem Augenzwinkern, aber immer aufmerksam und bei der Sache. Heute ist in seiner Musik kaum noch etwas von den Ausflügen mit den Skeptikern zu finden, keine Töne mehr, die brachial einer Gitarre entspringen, heute hat alles eine synthetische Anmutung.

"Ich liebe die Sience-Fiction. Orwell oder Huxley sind mehr als Autoren für gute Unterhaltung, sie sind auch ein kleiner Appell an die Menschen aufzupassen, sich nicht in die Irre führen zu lassen. Denn die angekündigten Szenarien kommen auf uns zu, sehr schnell, nicht, wie man damals angenommen hatte, ohne Vorwarnung". Wie ein Visionär tummelt sich auch Nik Page heute als Blind Passenger auf der Bühne. Sein alter Weggefährte Rayner Schirner ist seit dem Neustart nicht mehr mit auf Tour, deshalb gibt es auch nicht mehr den Plural, aus den Passengers wurde der Passenger. Seine neuen Bandmitglieder Jamie Stewart und Oliver Christen können den leer gewordenen Platz nicht ganz füllen, jedenfalls nicht mit dem, was die Passengers einst initiiert haben, aber das, was Nik Page heute seinen Fans noch zu sagen hat, unterstützen sie nach Leibeskräften. Ihre Botschaft ist mehr als Hintergrundmusik, mehr als Randbegrünung. Es ist "the last call for planet earth", der letzte Aufruf, die Gedanken zu strukturieren und sich zu sammeln, denn "auch, wenn wir es nicht merken im Auge des Sturmes, unsere Welt explodiert, sie dreht sich rasend schnell, die Entwicklungsstufen, für die einst 500 Jahre erforderlich waren, die nehmen wir heute im Schweinsgalopp", und dabei bleibt zwangsläufig etwas auf der Strecke - der Blick zurück, der Sinn für Gedankenspiele.

Frappierend ist bei der Neuordnung der Musik, wie harmonisch Altes und Neues miteinander harmonieren. Neben Songs wie "Absurdistan" oder "Born to die" steht "Electrocop" ganz gleichberechtigt. Ein guter Beweis dafür, dass Nik Page in der Vergangenheit angekommen ist und heute als Urgestein eine Facette der Schwarzen Musik am Leben hält.

Genau dieses breite Spektrum, das beim Ballroom Passions Festival abgesteckt wurde, das macht solche Veranstaltungen so interessant. Da ordnet sich Nik Page ein zwischen den Österreichern Nachtmahr, die provokant den "Mädchen in Uniform" huldigten oder sich zu einer Industrial "Kriegserklärung" hinreißen ließen, und den Headlinern des Abends Fields of the Nephilim. Staubig und völlig ihrer Gothic-Metal Geschichte verpflichtet, bedienen die Engländer schon seit vielen Jahren ihre Fangemeinde mit einem beeindruckenden Endzeitszenario. Und auch mit Blick auf die Band hinter dem Sänger Carl McCoy schließt sich der Kreis der unsteten Biografien - auch ihr musikalisches Schaffen wurde mehrfach unterbrochen.

Was in jedem Fall bleibt, ist eine herzliche Musik ohne künstliche Distanz und das Streben nach einer guten Show. Auch wenn sich die Stilistiken unterscheiden, die Menschen hinter der Staffage ticken ähnlich.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.10.2012

Stephan Wiegand

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