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Fast obdachlos geworden, weil er arbeiten wollte - Dresdner durchlebte Odyssee

Fast obdachlos geworden, weil er arbeiten wollte - Dresdner durchlebte Odyssee

Holger Görs versteht die Welt nicht mehr. "Ihre Leistungen wurden vorläufig eingestellt, weil sie eine Erwerbstätigkeit aufgenommen haben", lautet die Nachricht des Dresdner Jobcenters.

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Holger Görs, Hartz IV-Empfänger, engagierte sich ehrenamtlich. Doch die Aufwandsentschädigung wurde ihm zum Verhängnis.

Quelle: Carola Fritzsche

Für Görs sind diese wenigen Worte fatal, weil er in Wirklichkeit gar keine Arbeit hat, mit der er seinen Lebensunterhalt bestreiten könnte. Der Brief bedeutete für ihn deshalb die sichere Obdachlosigkeit. Nach beinahe zehn Jahren als Hartz-IV-Empfänger ist er auf die monatlichen Zahlungen der Miete und des Regelsatzes so nötig angewiesen wie ein Verdurstender auf ein Glas Wasser. Doch wie konnte es so weit kommen?

Angefangen hatte alles Ende des vergangenen Jahres, als der 54-Jährige versuchte, nicht nur vom Staat zu leben, sondern mit seiner Zeit etwas Sinnvolles anzufangen. "Ich bin seit Dezember ehrenamtlicher Helfer bei der Verkehrswacht und geleite jeden Morgen Schulkinder an der Ecke Schweizer Straße/Bernhardstraße über die Fahrbahn. Außerdem arbeite ich seit Februar zweimal pro Woche in einem Labor der TU Dresden am Fetscherplatz. Dort bin ich mit der Zucht und Haltung von Axolotls betraut", sagt Görs. Allerdings verdiene er mit beiden Tätigkeiten nicht viel Geld und könne auf keinen Fall davon leben.

"Eigeninitiative wird bestraft"

"Für die Arbeit als Schulhelfer bekomme ich monatlich 90 Euro Aufwandsentschädigung von der Stadt und für meine Labortätigkeit 130 Euro." Da für ehrenamtliche Arbeit ein Freibetrag von 200 Euro und für alle sonstigen Arbeitsverhältnisse von 100 Euro gelte, dachte der 54-Jährige nicht, dass er Probleme bekommen würde. Doch er wurde eines Besseren belehrt. Am 5. Februar erreichte ihn das schicksalhafte Schreiben des Jobcenters. "Anscheinend haben die Bearbeiter bei dem Honorarvertrag nur die Summe von 1500 Euro gelesen und deshalb meinen Regelsatz und die Miete gestrichen. Allerdings handelt es sich dabei um den Betrag für das gesamte Jahr", so Görs. Resigniert zieht er ein ernüchterndes Fazit: "Es lohnt sich einfach nicht zu arbeiten. Eigeninitiative wird bestraft."

Obwohl er nicht aufgeben wollte und große Angst davor hatte, auf der Straße zu landen, war der Kampf gegen die Mühlen der Verwaltung nicht so leicht. "Die Mitarbeiter des Jobcenters sind so schwer beschäftigt, dass sie für jeden Menschen nur 15 Minuten im Monat Zeit haben." Er habe seine Unterlagen daher nur an der Rezeption abgeben können, sagt der 54-Jährige. Auf eine Reaktion wartete er vergebens.

In seiner Not wandte er sich schließlich an seinen Bruder, der in Stralsund bei der Arbeitsagentur arbeitet. "Ich wollte mein Problem eigentlich selbst lösen, aber ich wurde einfach nicht gehört." Dann ging alles ganz schnell. "Wenige Tage später bekam ich die Nachricht, dass ich wieder 367 Euro Regelsatz und 303 Euro für Unterkunft und Heizung erhalte", sagt Görs. Ende gut, alles gut, könnte man denken. Weit gefehlt. Nachdem er sich gerade von dem Schock erholt hatte, wurde Holger Görs erneut ein Brief des Jobcenters zugestellt. "Diesmal haben sie mir zwar nicht alles gekürzt, aber immerhin 100 Euro vom Regelsatz. Es ist zum Verrücktwerden. So viel Ärger, nur weil man arbeiten will." Doch wie können überhaupt solche Missverständnisse entstehen? Es könne aufgrund fehlender oder missverständlicher Angaben auch zu Fehlinter- pretationen "der voraussichtlichen Höhe des zu erzielenden Einkommens kommen", teilte das Dresdner Jobcenter auf DNN-Anfrage mit.

Zweifelhafte Anrechnungspraxis

Anders als beim ersten Bescheid hat das Jobcenter bei der neuerlichen Streichung von Holger Görs Bezügen aber keine Fehler gemacht. Der Geschäftsführer des Jobcenters, Jan Pratzka, erklärt: "Ein Freibetrag für Einkommen, welches aus einer ehrenamtlichen Tätigkeit erzielt wird, kommt nur dann zum Tragen, wenn das aus der ehrenamtlichen Tätig- keit erzielte Einkommen höher als der reguläre Freibetrag von 100 Euro ist, und dann auch nur in der Höhe, in welcher das ehrenamtliche Ein-kommen tatsächlich erzielt wird." Das bedeutet im Klartext, dass Hol- ger Görs für seinen täglich 7.30 Uhr beginnenden Einsatz für die Sicher-heit von Dresdens Schulkindern kei-nen Freibetrag angerechnet be-kommt.

Vielmehr werden beide Einkommen, die insgesamt 220 Euro ergeben, zusammengerechnet und es wird nur einmal ein Freibetrag von 100 Euro, wie er für jede Tätigkeit außerhalb des Ehrenamts gilt, zugrunde gelegt. "Mit einem weiteren Freibetrag in Höhe von 24 Euro auf den die 100 Euro übersteigenden Betrag (20 Prozent von 120 Euro = 24 Euro) ergibt sich ein abzusetzender Betrag von 124 Euro und somit ein korrekt anzurechnendes Einkommen aus beiden Tätigkeiten von 96 Euro", sagt Jan Pratzka.

Schlechte Aussichten also für Menschen wie Holger Görs. "Am besten ist es, man kassiert nur das Geld vom Amt und macht ansonsten gar nichts. Dann gibt es auch keine Probleme", sagt der 54-Jährige.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.03.2014

Stephan Hönigschmid

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