Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Falsche Räuber, echte Ganoven: Carl Millöckers "Gasparone" feiert Premiere an der Staatsoperette Dresden

Falsche Räuber, echte Ganoven: Carl Millöckers "Gasparone" feiert Premiere an der Staatsoperette Dresden

Tolles Timing! Mittags geht die Meldung um die Welt, Italiens Politplayboy Berlusconi sei zu vier Jahren Haft verurteilt, krumme Geschäfte, Schmiergeld, Korruption und Bunga Bunga.

Voriger Artikel
Sächsische Staatskapelle Dresden hat Musikliebhaber in Japan begeistert und fliegt weiter nach China
Nächster Artikel
"Für mich gehört die gute Show zum Konzert": Blind Passenger Nik Page im Ballroom in Dresden

Elmar Andree als Provinzpolitiker Nasoni.

Quelle: Kai-Uwe Schulte-Bunert

Am Abend geht der Vorhang auf zur Operettenpremiere in Dresden. Gespielt wird eine Räuberpistole. Vom Zwischenvorhang grüßt Zorro, jener charmante Haudegen im Dreigroschenformat. In Matthias Oldags gefeierter Inszenierung der Operette "Gasparone" von Carl Millöcker ist das der Conte Erminio Saluzzo, getarnt als Räuber.

Ein Herzensdieb, nicht immer ganz legal bei der Wahl seiner Mittel, ausgenommen der Trick mit den dunkelroten Rosen und letztlich, nach heutiger Sicht, ein V-Mann, schwarzer Typ mit weißer Weste. Wenn es sein muss, bricht Christian Grygas in der Rolle dieses Supermannes nicht nur Gesetze, sondern auch ein ins Boudoir einer verwitweten Gräfin (Jana Büchner), bricht ihr das Herz und knackt den Safe. Das, so erfahren wir am Ende, ist ein wahrer Rettungsakt. Sonst wären die Millionen nämlich dem von Elmar Andree gespielten korrupten Provinzpolitiker Nasoni zugeflossen, um dessen öffentliche Kassen zu sanieren, die er freizügig privat genutzt hat.

Zwecks öffentlicher und privater Sanierung soll sein Söhnchen Sindulfo die millionenschwere Witwe heiraten, nur ist dieser Luftikus immer gerade nicht da, wo er sein sollte, nicht mal zum amtlichen Verlobungstermin. Den liebenswerten Flattergeist gibt Jannik Harneit, sei es in Partylaune oder kräftig derangiert als Opfer einer nicht ganz ernst gemeinten Entführung. Und da haben natürlich die Schmuggler ihre Hände im Spiel, Herbert G. Adami als Chef Massaccio und sein Neffe Benozzo, Andreas Sauerzapf, im Operettenprivatleben Gastwirt, verheiratet mit der temperamentvollen Tarantellameisterin Sora, Jeannette Oswald.

Dazu kommen zwei Typen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Inka Lange platzt als mannstolle, gewichtige Gouvernante der Gräfin aus allen Adern und hat nicht nur bei ihrer hinreißend präsentierten Klage darüber, dass es keine Männer mehr gäbe, die Sympathien auf ihrer Seite. Als präzise angelegte Figur fungiert Florian Maser als Amtsdiener Luigi und spielt sich dabei in die Nähe des Schreibers Licht aus Kleists "Der zerbrochne Krug", schlank, alert und nicht ungefährlich, am Ende vielleicht allen überlegen.

Barbara Blaschkes Ausstattung entführt uns augenzwinkernd in den Operettensüden. Der Ätna glüht im Spielzeugformat, Frau Gräfin ruht unterm Schwan, der mit langem Halse Leda beglückt, barocke Pracht am gemalten Horizont wird mit spontanem Beifall bedacht. Den Mitarbeiten des Malsaales unter Franziska Schobert gebührt ein großes Kompliment, ebenso Uwe Münnich, der zu Beginn und zum guten Schluss den südlichen Sternenhimmel funkeln lässt.

Ein Sänger wie Christian Grygas hat den Charme in den Genen und in der Stimme. Bei Elmar Andree sitzen die Pointen, da setzt er Maßstäbe. Jannik Harneit, Student der Bayerischen Theaterakademie, gibt sein Dresdner Debüt, dabei sollte es nicht bleiben. Die unbestrittenen Publikumslieblinge des Abends sind Jeanette Oswald und Andreas Sauerzapf, beide legen los, sie wirbelt und singt, dass es nur so eine Lust ist, dabei zu sein. Er charmiert, protzt und stolpert, springt und schlägt ein Rad im Zwiespalt zwischen Schmugglerehre und häuslichen Pflichten als Piratenpersiflage à la Johnny Deep. Beide haben natürlich auch den schönen Schlager im Duett zu singen, "Stockfinster war die Nacht", tanzen singend die Tarantella wie von der Tarantel gestochen. Mandy Garbrechts choreografischer Übermut ist unverkennbar, wenn es sein muss, tanzen ihre Protagonisten auch mal phantasievoll mit dem Licht.

Matthias Oldags Rechnung geht auf. Operette muss unterhalten. Die dramaturgischen Schwächen der Vorlage kann er nicht ändern, aber er kann dem Ganzen so viel Schwung geben, dass ein so präsentes Ensemble mit den Damen und Herren des Chores in routinierten Aufreihungen als rasch wechselnde Gestalten darüber hinweg spielen kann.

Im Orchester unter der Leitung von Christian Garbosnik könnte es freilich etwas temperamentvoller und spritziger vorangehen. Der Klang des Südens nach Wiener Walzergeschmack oder im Ton des Couplets mit freundlichen Grüßen vom Meister Offenbach bleibt mitunter zu gemütlich. Was vielleicht als freundlicher Gag inszeniert war, dass nämlich Sänger immer mal wieder das Orchester abwinken, bekommt so einen ironischen Beigeschmack. Ja eben, Ironie, Operette, aktuell oder nicht, da sind wir wieder bei der Sache.

Gutes Timing, am Tag nach der Premiere wird gemeldet, Berlusconi ist verurteilt, antreten muss er die Strafe nicht. Vielleicht ist die Operette doch dem Leben abgelauscht, oder das Leben ist eine Operette, eine Räu- berpistole, ein Piratenstück, ein Schmugglerabenteuer, und in lichten Momenten oder unterm Sternenhimmel blitzt das Liebesglück, und der falsche Räuber küsst die richtige Gräfin. Und wer ist Gasparone? Der wird noch immer gesucht.

Nächste Aufführungen: 1., 24.11.; 11., 29., 30.12. und im kommenden Jahr

www.statsstsoperette-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.10.2012

Boris Michael Gruhl

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.