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Fairer Handel im Investment

Fairer Handel im Investment

Die Veränderung vollzog sich weitgehend unbeachtet, doch sie ist ein radikaler Kurswechsel: Evangelische Kirche und Diakonie sind in den Finanzmarkt eingestiegen.

Eine kleine Ausstellung in Dresden zeigt, wie man Geld so anlegen kann, dass nicht nur Ausbeutung in den Entwicklungsländern des Südens vermindert wird, sondern soziale, friedliche und ökologische Ansätze gefördert werden.

Dass faire Prinzipien je mit Kapitalinvestitionen vereinbar sein könnten, daran hätten sie und ihre Kollegen lange Zeit nicht geglaubt, sagt Karin Bassler vom evangelischen Hilfswerk "Brot für die Welt", dessen Grundsatz "Den Armen Gerechtigkeit" lautet. Ausgerechnet während der Finanzkrise 2008 setzte das Umdenken ein. "Diese weltweit größte Krise seit den 1930er Jahren traf die armen Länder des Südens besonders hart", so Bassler. "Es gab Massenentlassungen im Textilsektor und bei den Ressourcen, hochverschuldete Staatshaushalte." Partnerorganisationen aus aller Welt berichteten von katastrophalen Auswirkungen auf die Lebensbedingungen. 2009 sei die Zahl der Menschen in extremer Armut um weitere hundert Millionen gestiegen. "Erstmals in der Geschichte der Menschheit litten mehr als eine Milliarde Menschen an Hunger."

Die christlichen Experten erinnerten sich an den Fairen Handel. Anfang der 1970er Jahre zählte "Brot für die Welt" zu dessen Initiatoren. Er wurde zu einer Erfolgsgeschichte. An die wollten sie anknüpfen. "Was bei Kaffee und Bananen funktioniert, geht auch bei Geldanlagen", meint Karin Bassler. Eine kühne Behauptung. Zudem gibt es Kritiker in der evangelischen Kirche, die, auf Bibelstellen wie 2. Buch Mose 22, 24, 5. Mose 23, 20 oder auf Lukas 6, 35 verweisend, an das generelle Zinsverbot erinnern. Bassler hält dagegen, man müsse unterscheiden: zwischen Konsum-Krediten und Investitions-Krediten, die durchaus fördernd sein könnten.

Mittlerweile avancierte "Nachhaltigkeit" zum umsatzfördernden Modebegriff. "Etwa fünf Prozent aller Fonds in Europa gelten inzwischen als nachhaltig", sagt Frieder Neidhold, Direktor der Landeskirchlichen Kreditgenossenschaft (LKG) Sachsen, Niederlassung der KD Bank für Kirche und Diakonie. Doch eindeutig seien die Kriterien für "nachhaltig" nicht, fügt er hinzu.

Das auf gerechte Weltwirtschaft orientierte Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene (Siegburg) fand bei genauerem Hinsehen, dass mit "nachhaltig" in der Regel "ökologisch" gemeint war. Entwicklungspolitische Kriterien spielten bei den 86 geprüften Nachhaltigkeitsfonds nur eine untergeordnete Rolle. Das war ihnen zu wenig. Sollten die Geldanlagen von evangelischer Kirche und Diakonie ethisch vertretbar sein, mussten sie den drei Grundforderungen des "Konziliaren Prozesses" entsprechen: Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung.

Also übersetzten Experten von Brot für die Welt und Südwind diesen ho- hen christlichen Anspruch in einen Katalog konkreter Kriterien. Zum ei- nen 32 Ausschluss-Kriterien, etwa extreme Einkommensunterschiede, Rüstungsproduktion, Gefährdung von Naturreservaten oder Gentechnik. Zum anderen 72 Positivkriterien wie existenzsichernde Mindestlöhne, Standards zur Verhinderung von Korruption, Ausbildung einheimischer Fachkräfte oder Vermarktung in den Entwicklungsländern.

"Ein sehr umfangreicher und anspruchsvoller Katalog", meint Karin Bassler. Christen könnten sich nun aus fragwürdigen Geschäften nicht mehr nur heraushalten, sondern mit investiertem Geld Entwicklung fördern. Ein unabhängiges Research-Institut trifft eine Vorauswahl, ein 13-köpfiger Ausschuss von Entwicklungs- und Finanzfachleuten sowie Menschenrechtlern überwacht die Kriterien und entwickelt sie weiter. Die Staaten und Unternehmen prüft eine unabhängige Nachhaltigkeits-Ratingagentur.

Bislang gibt es für ethische Anleger zum Beispiel den "Solidaritätssparbrief", bei dem sie auf Zinsen zugunsten von Entwicklungsprojekten verzichten. "Nun wollen wir denjenigen, die zum Beispiel Geld für die Altersvorsorge anlegen möchten, eine ethische Alternative bieten", sagt Karin Bassler. Eine kleine Ausstellung im Foyer des Hauses an der Kreuzkirche in Dresden stellt sie vor.

Den ersten diesen Kriterien genügenden Investmentfond bieten seit 2010 die KD-Bank für Kirche und Diakonie und die GLS Bank an. 95 Millionen Euro befinden sich darin, wie Christian Müller, Direktor der KD-Bank sagt. Ausschließlich Geld aus Kirche und Diakonie. "Die Beteiligung hat unsere Erwartungen übertroffen. In einem Jahr hoffen wir, die Hundert-Millionen-Grenze zu überschreiten."

Ausstellung: Dresden, Haus an der Kreuzkirche (An der Kreuzkirche 6), bis 31. Oktober, geöffnet Mo-Fr 10 bis 18 Uhr, Sa 10-14 Uhr

Kriterien: Ausschlusskriterien und Positivkriterien für Staaten und Unternehmen

Gerechtigkeit: Ausschlusskriterien sind Verstoß gegen Kernarbeitsnormen, gegen Recht auf Vereinigung und kollektive Lohnverhandlungen, Zwangsarbeit, Kinderarbeit, Korruption, extreme Einkommensunterschiede

Frieden: Ausschlusskriterien sind Herstellung von Rüstungsgütern, Unterstützung von Gewaltherrschaften, Kauf von Rohstoffen in Krisengebieten

Bewahrung der Schöpfung: Ausschlusskriterien zum Beispiel grob umweltzerstörend, grob umweltschädigende Produkte, Gentechnik, giftigste Chemikalien, Gefährdung von Naturreservaten

sonstige Ausschlusskriterien: Alkoholproduktion, Pornografie, Prostitution, Stammzellenforschung

Positivkriterien: zum Beispiel hohe Anzahl einheimischer Führungskräfte, Forschungs- und Entwicklungsabteilungen im Land, Re-Investitionen von Gewinnen in Entwicklungs- und Schwellenländern, an Bedingungen der Entwicklungsländer angepasste Vermarktungsmethoden

Fond: "FairWorldFond" von Union Investment, angeboten von KD-Bank (mit Niederlassung LKG Sachsen) und GLS Gemeinschaftsbank gä

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.09.2012

Tomas Gärtner

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