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"Es geht um das Aushalten" - Ein Rettungsanker für Mütter und Väter, deren Kinder starben

"Es geht um das Aushalten" - Ein Rettungsanker für Mütter und Väter, deren Kinder starben

Als der Polizeipfarrer mit der Nachricht in Judith Euschers Wohnungstür stand, wurde die Welt zu einer Schablone, einer Wirklichkeit, die nicht mehr greifbar geschweige denn lebbar war, sondern sich ins Unendliche entfernte.

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Fanden Halt bei "Verwaiste Eltern Dresden", einer Selbsthilfegruppe für Mütter und Väter, die ein Kind verloren haben: die beiden Mütter Judith Euscher (l.) und Heike Schiffner.

Quelle: Martin Förster

Von Madeleine Arndt

"Ich war wie hinter einer Wand", erzählt die Dresdnerin. "Diese Nachricht ist so schlimm, dass man sie nicht wahrhaben kann." Es war die Nachricht vom Tod ihrer Tochter, die ihr im Juli vor fünf Jahren überbracht wurde. Mit nur 18 Jahren verstarb ihre Cathleen am plötzlichen Herztod. Das Leben ihrer Tochter - einfach vorbei.

Der Verlust des eigenen Kindes sei mit das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, ein Schock, der die Eltern in eine tiefe Krise stürzt, betont Heike Schiffner. Sie selbst hatte im Dezember 1997 ihr kleines Mädchen verloren. Sophia starb mit vier Jahren an Meningitis. Mit ihrem Tod starb ein Teil von Heike Schiffners Seele. Es werde wie ein individuelles Notfallprogramm abgerufen, um den tiefen Schmerz, die Gefühle der Ohnmacht und die Wahnsinnssehnsucht auszuhalten, beschreibt die 48-Jährige "Die ersten Jahre habe ich nur existiert. Es war ein langer schmerzhafter Prozess." Aber jetzt nach 15 Jahren könne sie wieder leben, der Tod ihrer Tochter werde sie jedoch immer begleiten.

Halt fanden die beiden Mütter bei "Verwaiste Eltern Dresden", einer Selbsthilfegruppe für Mütter und Väter, die ein Kind verloren haben und für trauernde Geschwister. "Ich bin das erste Mal mit ungeheuren Herzklopfen hingegangen", erinnert sich Judith Euscher. Zu Unrecht. Judith Euscher fühlte sich in der Gruppe aufgehoben und verstanden. Sie war in ihrem Schmerz nicht mehr allein. "Außenstehenden fehlt da das Verständnis für die Trauernden", erklärt die 48-Jährige. Am schlimmsten sei es gewesen, wenn ihr kluge Ratschläge erteilt wurden, von der Art: "Das muss doch wieder werden." Judith Euscher weiß, dass das nicht stimmt. "Der Tod eines Kindes ist etwas völlig anderes."

Jeden ersten Dienstag im Monat steht die Selbsthilfegruppe "Verwaiste Eltern Dresden" von 19 bis 21 Uhr im Haus der Evangelischen Erwachsenenbildung an der Tauscherstraße Eltern offen, die über ihren Kummer sprechen wollen. Zudem werden Wandertage, Frühstückstreffen sowie thematische Gruppenabende organisiert und es liegt Literatur zur Ausleihe bereit. Die Vereinigung ist nicht christlich geprägt; Konfession, Herkunft und Einkommen der Betroffenen spielen keine Rolle. Etwa 40 Mütter, Väter und Geschwister aus der Stadt sind bisher in der Selbsthilfegruppe vereinigt, einige kommen regelmäßig, andere sporadisch, wenn ihnen eine Sache auf den Nägeln brennt. Manche Frauen und Männer sind erst Anfang 20, andere über 70 Jahre alt.

Heike Schiffner war ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Mädchens immer wieder zu den Gesprächsrunden gegangen, hatte sich später intensiv mit Trauerarbeit beschäftigt und schließlich eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin absolviert. Seit 2002 kümmerte sie sich ehrenamtlich um die Organisation der Treffen und ist Ansprechpartnerin für verwaiste Eltern. Über den Jahreswechsel gibt Heike Schiffner ihr Amt an Judith Euscher weiter. Sie ist ebenfalls Trauerbegleiterin. In ihrer Ausbildung hat sie gelernt, Trauernden zuzuhören, aber auch den eigenen Verlust zu reflektieren.

Der Tod, der in der Gesellschaft Tabuthema ist, in der Selbsthilfegruppe kann er angesprochen werden. Hier läuft kein Therapieprogramm, werden keine Strategien vermittelt. "Es ist ein kleiner geschützter Kreis, ohne festes Raster", sagt Heike Schiffner. Schließlich verarbeite jeder seinen Verlust auf andere Art und Weise. In der Selbsthilfegruppe können sich die Eltern begegnen und gegenseitig beistehen. "Es geht um das Aushalten."

Verwaiste Eltern Dresden: jeden 1. Dienstag im Monat Offener Gruppenabend, 19 bis 21 Uhr, in der Ev. Erwachsenenbildung Sachsen, Tauscherstraße 44 (Unkostenbeitrag drei Euro), keine Anmeldung nötig

Kontakt für Mütter und Väter: jueu@gmx.de

für trauernde Geschwister: kerstin.gleissberg@web.de

www.veid.de

An diesem Sonntag, dem 9. Dezember, wird der Weltgedenktag für verstorbene Kinder mit zahlreichen Gottesdiensten und Andachten begangen. So gibt es um 14 Uhr in der Dresdner Kreuzkirche eine Andacht für verstorbene Kinder. Um 15 Uhr veranstaltet der Verein Sternenkinder Dresden in der Feierhalle des Inneren Neustädter Friedhofs eine Gedenkfeier. In dem Verein haben sich Eltern organisiert, die totgeborene Kinder zu beklagen haben.

In Deutschland werden jährlich 20 000 Kinder und junge Erwachsene durch Krankheit oder Unfälle aus dem Leben gerissen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.12.2012

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