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Entwicklungshelfer Reinhard Erös zu Gast in Dresden

Afghanistan verstehen Entwicklungshelfer Reinhard Erös zu Gast in Dresden

30 Schulen, zwei Waisenhäuser, drei Berufsschulen, eine Universität – das ist die Bilanz der Kinderhilfe-Afghanistan. Gründer Reinhard Erös war für einen Vortrag zu Gast in Dresden und gab tiefe Einblicke in das Land am Hindukusch.

Die Einrichtungen und Mitarbeiter von Reinhard Erös gehören zu den sichersten des Landes. Der Grund dafür ist simpel: Erös verständigt sich im Vorfeld seiner Projekte mit den Machthabern und Stammesführern der Region – dazu gehören auch die Taliban.
 

Quelle: Kinderhilfe Afghanistan

Dresden.  30 Schulen, zwei Waisenhäuser, drei Berufsschulen, eine Universität und unzählige weitere Hilfsprojekte – das ist die beeindruckende Bilanz der Kinderhilfe-Afghanistan, die 1998 als Initiative der Familie Erös aus Mintraching gegründet wurde. Die siebenköpfige Familie betreibt seitdem Entwicklungshilfe in dem geschundenen Land am Hindukusch und errichtete und betreibt jene Einrichtungen bis heute. Doch feiern lassen will sich Reinhard Erös, Familienvater, Militärarzt a. D., Idealist und nicht zuletzt Afghanistan-Versteher dafür nicht. Zu wichtig sei ihm sein Anliegen, dem afghanischen Volk wirklich zu helfen. Zu wichtig sei ihm seine Mission, deutsche Schüler und Eliten politisch zu bilden, damit auch diese nur den Hauch einer Ahnung bekämen, wie es in dem 30-Millionen-Einwohner-Land, das sich seit mehr als
40 Jahren im Dauerkrieg befindet, wirklich aussieht.

„In keinem anderen Land auf der Welt ist über einen so großen Zeitraum so viel kaputt gegangen“, erklärt Erös. Deshalb hielt der 68-Jährige in den vergangenen Jahren über 650 Vorträge an Schulen, Universitäten vor dem Bundestag, vor Landtagen, in parlamentarischen Arbeitsgruppen und Ausschüssen, vor Fachkräften und Beamten in Deutschland. Vergangenen Donnerstag war der Entwicklungshelfer, der neben dem Bundesverdienstkreuz und der Theodor-Heuss-Medaille noch gut ein Dutzend weitere hochkarätige Auszeichnungen sein Eigen nennen kann, auch zum ersten Mal in Dresden zu Gast. Vor den Mitgliedern aller vier Dresdner Rotary-Clubs referierte er über seine Arbeit, die kulturelle und politische Situation in Afghanistan und die Gründe für den Flüchtlingsstrom.

Er gab dabei tiefe Einblicke in ein Land, das durch Krieg, Zerstörung, Korruption und Armut eigentlich zum Scheitern verurteilt wurde. „Das einzige, was dafür sorgt, dass Afghanistan noch existiert, sind die Menschen die dort leben, ihre Familien, ihre Werte“, sagte Erös. Und diese Menschen kennt der Bayer genau, wahrscheinlich wie kein zweiter in Deutschland. Bereits 1985, damals noch als junger Militärarzt bei der Bundeswehr, ließ er sich für mehr als vier Jahre unbezahlt freistellen und leitete eine Hilfsorganisation im Kriegsgebiet. Seine Familie zog nach, wohnte sogar drei Jahre in einer Provinz am Hindukusch – während des Krieges mit den Sowjets. „Wir durften uns nicht erwischen lassen, sonst wäre es vorbei gewesen“, erinnert sich der Erös. In „Höhlenkliniken“ bildete er Barfuß-Ärzte aus, versorgte verletzte Soldaten und Familien.

Von 1985 bis 1989 ließ sich Reinhard Erös (l) als Bundeswehrarzt unbezahlt frei stellen, um während des Sowjetkrieges in Höhlenkliniken zu he

Von 1985 bis 1989 ließ sich Reinhard Erös (l.) als Bundeswehrarzt unbezahlt frei stellen, um während des Sowjetkrieges in Höhlenkliniken zu helfen und Ärzte auszubilden.

Quelle: Kinderhilfe Afghanistan.

Gemeinsam mit seiner Frau Annette, dem ehemaligen Mudschahedin-Kämpfer Mohammad Alem – beide kennen sich bereits seit 1985 aus einer Höhlenklinik und sind seit dem sehr eng befreundet – , der mittlerweile die Geschicke der Kinderhilfe in Afghanistan vor Ort regelt, und der Hilfe seiner fünf Kinder, leitet und organisiert er die Projekte größtenteils von Deutschland aus, reist aber auch mehrere Male pro Jahr ins Krisengebiet.

Erfahrungen bei Mutter Teresa

Die absolute Bereitschaft, über seine eigenen Grenzen hinweg zu gehen und für seine Leidenschaft zu kämpfen, ist im Wesen des 68-Jährigen tief verankert. Bereits als Jugendlicher war er gerne draußen unterwegs und ging schließlich zu den Fallschirmjägern. Um mehr erreichen zu können, folgte das Medizinstudium. Bereits Anfang der 80er Jahre reiste Erös dann in seinen Urlauben privat in die ärmsten Regionen Afrikas und Asiens, um Menschen in Not zu helfen.

1981 verbrachte Erös mit einem Freund seinen Jahresurlaub in Howrah, der Slumstadt von Kalkutta. Dort begegnete er Mutter Teresa, arbeitete gemeinsam mit ihr im Sterbehaus. „Da ist meine Arbeit auf eine ganz neue psychologische Ebene aufgestiegen. Von da an wusste ich, für was ich mein Können und meine Energie einsetzen musste“, so der damalige Bundeswehrarzt. Die nächsten Jahre verbrachte er jede freie Minute in „Buschländern“. „Ich bin seitdem ein Wanderer zwischen den Welten.“

2002 ließ er sich schließlich vorzeitig in den Ruhestand versetzen und steckt seitdem all seine Energie in die Kinderhilfe Afghanistan. Mittlerweile ist er in dem Land am Hindukusch auch ein beliebter und geschätzter Mann, immer willkommen. „Die Afghanen haben eine personenbezogene Kultur. Wenn du einmal akzeptiert bist, und das kann einige Jahre dauern, dann gehörst du zur Familie, zum Clan. Nur einmal schnell hinfliegen und helfen funktioniert nicht, das kauft dir dort niemand ab“, erklärte Erös.

Er hat Afghanistan nicht ohne Grund als Ort für seine Hilfe gewählt. Der ehemalige Militärarzt ist begeistert und beeindruckt zugleich von der Stärke und dem Willen der Menschen im Land: „Gebeutelt durch 40 Jahre Krieg – eine ganze Generation ohne Frieden. Keine andere Nation kann auf Vergleichbares zurück blicken. Dennoch leben die Afghanen in absoluter Würde und aufrichtig, niemand bettelt, niemand macht sich zum Sklaven. Ich bin seit 35 Jahren hier und jeder Afghane begegnet mir auf Augenhöhe. Es hat sich auch noch nie jemand bei mir bedankt für meine Arbeit, die Afghanen haben einen sehr großen Stolz.“ Er konnte in den vergangenen Jahrzehnten tiefe Einblicke in die Kultur und die persönlichen Gedanken seiner Patienten gewinnen. „Als Arzt bist du auf der engsten Ebene dran, die Leute vertrauen dir ihr Leben an“, sagte der Regensburger. Auch deshalb kennt er wie vielleicht kein zweiter Deutscher das Land am Hindukusch mittlerweile wie seine Westentasche.

Entwicklungshilfe oder Militäreinsatz?

Wenn es darum geht, Schuldige für die aktuelle Lage zu suchen, sind die für Erös schnell gefunden. Dabei macht er jedoch wenig politische Unterschiede. Sowohl die Russen in den 80ern als auch der Westen in den vergangenen 15 Jahren hätten ihren Teil, meist durch falsche oder fehlende Strategien, dazu beigetragen. Deshalb scheute sich Erös nicht, vor dem einen oder anderen Politiker oder Gremium Klartext zu sprechen. „Ich hätte in den 90er Jahren niemals daran gedacht, dass es einmal so schlimm werden würde.“ Schuld seien vor allem die falschen Prioritäten der westlichen Alliierten. Der Militäreinsatz habe seit 2001 1200 Milliarden Dollar gekostet, als Gelder für Aufbauhilfe seien gerade mal 120 Milliarden geflossen. „Die Armee ist ein furchtbar ineffiziente Sache. Du zahlst viel und es kommt kaum etwas nachhaltig Brauchbares dabei raus, vor allem keine humanitäre Hilfe.“

So sei es vor allem wichtig, Schulen zu bauen und den Menschen eine Perspektive aufzuzeigen. „Bildung ist die Grundlage von allem. Afghanen wissen nichts von der Welt außerhalb ihrer Dörfer.“ Die durchschnittliche Kinderzahl einer ungebildeten afghanischen Frau liege bei knapp sieben Kindern. Bei denen, die eine Schule besucht haben, seien es nur etwa drei. Auch deshalb hat die Kinderhilfe mittlerweile zwei Dutzend Computerkabinette aufgebaut, um den jungen Afghanen „einen Zugang zur Welt zu verschaffen“. Zudem baute Erös auch Berufsschulen, etwa für Schneiderinnen oder Photovoltaik-Techniker.

Er stellte auch klar, dass die meisten Afghanen keineswegs vor den Taliban oder anderen Dschihadisten fliehen würden. „Es gibt schlicht und ergreifend keine Hoffnung auf Bildung, Beruf und ein menschenwürdiges Leben.“ Die Sicherheitslage im Land habe sich zudem drastisch verschlechtert. Das liege vor allem an der miserabel ausgebildeten Polizei – dafür war in den vergangenen Jahren die Bundesrepublik verantwortlich – und dem damit verbundenen Erstarken radikaler Gruppierungen und korrupten Kräften. „Im Moment traue ich mich selbst fast nicht mehr rein ins Land“, sagte Erös.

Afghanistan sich selbst überlassen

Trotzdem sind der 68-Jährige und seine Ehefrau Annette noch vier bis sechs Mal im Jahr in Afghanistan, um ihre Projekte zu besuchen und Spendengelder zu verteilen. Angegriffen wurden sie, ihre Mitarbeiter oder die Einrichtungen der Kinderhilfe so gut wie noch nie. Der Grund dafür ist recht simpel. Afghanistan-Kenner Erös weiß genau, welche Hebel er betätigen muss. „Es geht um die Akzeptanz bei den Machthabern der Region und den Ältesten. Bevor wir eine Schule bauen, sprechen wir es mit allen Beteiligten ab. Und nur wenn alle absolut einverstanden sind, wir uns ausgetauscht haben und alle Fronten geklärt sind, bauen wir los. Da ich mittlerweile sehr bekannt in der Region bin, geht das natürlich etwas einfacher“, sagte der Entwicklungshelfer. Auch mit den Taliban musste sich der Bayer gut stellen. Immerhin kontrollieren sie einen Großteil der Gebiete, in denen er hilft. Doch man kenne sich bereits aus den 80er Jahren, auch mit den Taliban würde man sehr gut zurecht kommen, erklärt der 68-Jährige.

Zudem lehnt die Kinderhilfe Afghanistan jegliche staatliche oder institutionelle Förderung ab. Von den offiziellen Geldern würden laut Erös höchstens 40 Prozent bei den Betroffenen ankommen, der Rest versande im System. „Gibst du es in die Ministerien hier, ist es weg. Ich bezahle die Firmen und meine Angestellten bar vor Ort, ausschließlich von privaten Spendengeldern unserer Organisation.“

Reinhard Erös besucht seine Einrichtungen vier bis sechs mal pro Jahr und übergibt die Gelder und Spenden der Kinderhilfe Afghanistan persönlich

Reinhard Erös besucht seine Einrichtungen vier bis sechs mal pro Jahr und übergibt die Gelder und Spenden der Kinderhilfe Afghanistan persönlich.

Quelle: Kinderhilfe Afghanistan

Mit diesem Beispiel vorangehend, wünscht sich Erös mehr Sensibilität und Sachverstand von den Politikern im Westen. So müsse man verstehen, dass man den Afghanen nicht helfen könne, indem man versuche, eine Gesellschaft nach westlichen Vorbild zu etablieren – und das auch noch mit Militärgewalt durchzusetzen zu wollen. „Ein Afghane würde sich nie von einem, der nicht ein akzeptierter Führer seiner Volksgruppe ist, etwas sagen lassen. Für die meisten ist die Regierung in Kabul sowieso irrelevant. Es zählt, was der Stammesführer sagt.“ So könnten sich nur die Afghanen selbst helfen, unterstützt von einer in jeder Region akzeptierten Entwicklungshilfe, die sich völlig an jeweiligen Situation orientiere. „Der Köder muss nicht dem Angler, sondern dem Fisch schmecken.“

Und während sich im Westen langsam aber sicher die Erkenntnis breit macht, in der Afghanistan-Politik versagt zu haben, kämpft der Regensburger weiter mit voller Leidenschaft für seine Freunde am Hindukusch: „Der Klügere gibt eben nicht nach, sondern kämpft für seine Überzeugung.“ Und ans Aufhören denkt der 68-Jährige noch lange nicht. „Ich halte das wie John Wayne – und will in meinen eigenen Stiefeln sterben.“

Von Sebastian Burkhardt

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