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Elbe Flugzeugwerke starten durch - Dresdner steigen ins Wartungsgeschäft ein

Elbe Flugzeugwerke starten durch - Dresdner steigen ins Wartungsgeschäft ein

Wer wollte, konnte seit Monaten auf einschlägigen Stellenbörsen der Luft- und Raumfahrttechnik Ausschreibungen für ein "A330-P2F Team" in Dresden finden und sich einen Reim drauf machen.

Von Barbara Stock

Der war fast fertig, als auch noch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich in seinem Jahresausblick vor zwei Wochen erfreuliche Investitionen im Freistaat ankündigte. Nun ist es raus: Die Elbe Flugzeugwerke Dresden - EADS-Kompetenzzentrum für die Umrüstung von Airbus-Passagierflugzeugen zu Frachtern - haben bald nicht nur eine neue Aufgabe, sondern endlich auch ein Bein im lukrativen Wartungs- und Reparaturmarkt. Mit dem Partner ST Aerospace aus Singapur winkt profitable Arbeit über Jahre hinaus. Gemeinsam erarbeitet die europäisch-fernöstliche Allianz ein Konzept zur Umrüstung von A330-Passagierfliegern in Frachter und baut an der Elbe parallel die Wartung für Flugzeuge aller Art aus.

Für diese Kooperation mit einem der größten Flugzeug-Dienstleister der Welt will die EFW-Konzernmutter EADS 35 Prozent der Anteile an dem Dresdner Unternehmen an den Partner aus Singapur abgeben. Grob geschätzter Wert: mehr als 100 Millionen Euro. Dafür werfen die Profis aus Fernost ihre geballte Entwicklungskompetenz ins Projekt, um spätestens 2016 mit dem Umbau des A330 beginnen zu können. EADS-Tochter Airbus wird das Unterfangen mit den notwendigen Daten unterstützen.

Für die Elbe Flugzeugwerke kann dieser Deal den Aufbruch in neue Dimensionen bedeuten: Zum einen erweitern sie ihr Profil als Umrüster, denn bisher durchliefen die Hallen "nur" A300 und A310. Mit der A330-Familie käme ein Segment hinzu, das Aufträge en masse verspricht. Derzeit sind mehr als 830 dieser Maschinen bei über 90 Betreibern weltweit im Einsatz. Von den beiden Varianten A330-200 und A330-300 gilt der größere 300er als besonders geeignet für Transporte. "Der ist so breit, dass man darin Container parallel stellen kann", preist ein Kenner die Vorzüge des verbrauchsarmen Modells an.

Mehr Konjunktur-Unabhängigkeit

Die Dresdner gewinnen viel. Die Investitionen für neue Hallen und neue Geräte dürften im hohen zweistelligen Millionbereich liegen, die neue technische Kompetenz wird sie auf Jahre als Nummer eins der Airbus-Umrüster weltweit bestätigen. Doch sie gewinnen auch dies: mehr Unabhängigkeit von Konjunkturschwankungen. Mit dem starken Partner aus Singapur steigen die Chancen, nicht nur jede Menge Aufträge für die Wartung, sondern später auch für Ersatzteile aus dem asiatischen Raum zu akquirieren. Denn auf dem Areal direkt neben dem Flughafen in Dresden-Klotzsche werden seit Jahren auch Komponenten für den Airbus gebaut. Geht der Plan auf, würde die Dresdner EADS-Tochter deutlich weniger anfällig sein für Krisen, die in einem so geldintensiven Segment gern schon mal für eine geharnischte Auftragsflaute und beängstigende Ebbe in der Firmenkasse sorgen können.

Prinzip Hoffnung

Für Andreas Sperl gehen mit den Unterschriften unter die Allianz Jahre nervenaufreibender Arbeit und geschäftlicher Tiefflüge zu Ende. Gerade als damals der Auftrag für die US-Tankflugzeuge vage wurde (und bekanntlich vor Jahresfrist endgültig an Boeing verloren ging), schwappte die Finanzmarktkrise aus Übersee in die alte Welt und stürzte auch den Umrüster in tiefe Not. Aufträge wurden storniert, neue blieben aus, jeder hielt sein Geld zusammen.

Doch die vergleichsweise kleine, schlanke Dresdner Firma hat sich zu helfen gewusst: "Wir haben niemanden entlassen müssen", verkündet Sperl nicht ohne Stolz. Er hat das zweite Standbein seines Unternehmens - die Komponentenfertigung - weiter ausgebaut und mit Kollegen aus der Umrüstung aufgestockt, hat weitere Mitarbeiter an Airbus-Standorte in Toulouse, Hamburg, Bremen, Manching und Donauwörth ausgeliehen, hat Kurzarbeit eingeführt und sich, wie so viele, in Hoffnung geübt.

Im Mai 2011 verschaffte die Post-Tochter DHL den Elbe Flugzeugwerken mit dem größten Auftrag in der Unternehmensgeschichte Luft: Die Dresdner sollen für den Frachtdienstleister 18 Maschinen umrüsten. Marktwert des Umbaus nur eines Fliegers (also ohne Rabatte): 10 bis 15 Millionen Dollar. Dresden im Glück: Ende der Kurzarbeit, Ende der Leiharbeit, Verschnaufpause im Zukunftspoker. Bis Ende 2013 sind die Fachleute an der Elbe nun mit Arbeit ausgelastet. Wie sie die Lücke bis zum Programmstart der A330-Umrüstung Anfang 2016 schließen, ist noch mit vielen Fragezeichen behaftet.

Bruchlandung mit dem A320

Denn auf den Jubel über den DHL-Auftrag folgte der nächste Nackenschlag. Anfang Juni 2011 platzte fünf Monate vor dem Produktionsstart das Projekt zur A320-Umrüstung. Viel teure Entwicklungsarbeit und sicher geglaubte Aufträge waren passé. Das Joint Venture "Airbus Freighter Conversion GmbH" (AFC) aus Airbus und den zwei russischen Partnern UAC sowie Irkut erwies sich als zu leistungsschwach, die Russen konnten ihren Part nicht erfüllen. Offizielle Lesart des Stopps: Der A320 würde für das weltweit sprunghaft wachsende Passagieraufkommen überall länger im Einsatz bleiben... Aus der Luft gegriffen war diese Erklärung freilich nicht. Tatsächlich können sich die Flugzeugbauer - allen voran Airbus und Boeing - vor Aufträgen kaum retten. Die Produktions- und Entwicklungskapazitäten sind in Erwartung steigender Passagierzahlen über Jahre ausgelastet.

Riesiger Frachtermarkt

Gleichwohl hat der Konzern auch den Markt für Frachter im Blick und schätzt den Bedarf in den nächsten 20 Jahren auf rund 2700. Etwa die Hälfte davon, so die Analysen, werden Maschinen im mittleren Segment sein, und allein 900 können mit umgewandelten Maschinen abgedeckt werden.

Die EADS-Tochter Airbus, die mit dem A330-200F in dem Bereich auch einen leistungsfähigen Serienfrachter anbietet, sieht durch die Umrüstung von A330-Passagierflugzeugen keinen Kannibalisierungseffekt, erläutert EFW-Sprecher Profitlich. Denn die modernen, passgenau hergestellten und für große Reichweiten tauglichen Serienfrachter sind für Expressgutfirmen ebenso wichtig wie die in der Regel nur ein Drittel so teuren Umrüstvarianten, die oft eher kürzere Distanzen bewältigen.

Doch weil bei Airbus mit dem für 2013 avisierten neuen Langstreckenflugzeug A350 aufwändig an der nächsten Generation gefeilt wird und die Probleme mit dem von Rissen geplagten Riesen A380 viel Fachkompetenz verschlingen, setzte das die Spielräume für Projekte wie den A330-Umbau auf Null. Für ein Vorhaben, das nach Schätzungen von Branchenkennern drei bis vier Jahre und locker 100 Millionen Euro an Entwicklungsarbeit verschlingen würde, keine guten Aussichten. Daher lautete die Botschaft des künftigen EADS-Chefs Thomas Enders unmissverständlich: Die Umrüstung des A330 ist eine gute Idee, aber für die Entwicklungsarbeit müsse ein zuverlässiger Partner her.

Dresden als neue Europazentrale

Die Suche danach verlief quer über den Globus von Amerika bis Israel. Erst in Singapur wurden die Dresdner fündig. Dort sitzt mit ST Aerospace "ein äußerst erfahrener Entwickler" schwärmte EFW-Chef Sperl. ST Aerospace, Tochterfirma der halbstaatlichen ST Engineering, ist der größte Flugzeug-Dienstleister der Welt mit mehr als 8000 Mitarbeitern an Stützpunkten in Nord- und Südamerika, Europa und im Asien-Pazifik-Raum. Der Konzern bietet allen führenden Fluggesellschaften, Frachtfirmen und Militärflotten Komplettdienstleistungen an. Das alles soll es künftig auch in Dresden geben - als neuem europäischen Zentrum für die globale Wartung, Reparatur und Überholung von Flugzeugen.

Millionenschwere neue Logistik

"Natürlich wäre Wartung in großem Stil ein ganz anderes Arbeiten als die Umrüstung", sagte Sperl, als die Aussicht auf solch ein Geschäft noch ein schöner Traum war. Die Wartung lebe von enormer Fachkompetenz, großer Zuverlässigkeit und Schnelligkeit. Dafür müssten die EFW, die bislang auf diesem Gebiet noch sehr verhalten tätig sind, Leistungen und Logistik in ganz neuem Umfang vorhalten. Die dafür notwendigen Investitionen dürften ebenfalls zweistellig werden.

Die Flugzeugwerke übrigens kehren mit einer solchen Perspektive zu dem zurück, was sie bis zur Wende leisteten: Als VEB Flugzeugwerft Dresden hat das Unternehmen hier von 1961 bis 1990 Flugzeuge der Nationalen Volksarmee und des Warschauer Pakts instandgesetzt. Mehr als 2000 russische Jagdflugzeuge der MiG-Serie und 300 Hubschrauber wurden damals hier gewartet.

Wenn Andreas Sperl Glück hat, landen ab 2017 in Dresden sogar wieder Militärflieger zum Check. Es scheint nicht aussichtslos, dass die Flugzeugwerke den Zuschlag für die Wartung der A400M-Flotte erhalten und den firmeninternen Mitbewerber im bayerischen Manching ausstechen. Der designierte EADS-Chef Thomas Enders hatte den Dresdnern erst im Herbst Hoffnung gemacht.

Neustart im Mai

Nun nehmen die Visionen für die Zukunft der Elbe Flugzeugwerke in Dresden-Klotzsche Gestalt an. Ende Dezember waren die Grundzüge des Konzepts in Singapur verhandelt worden, bereits Anfang Februar waren 80 Prozent der Grundsatzvereinbarung fertig. Heute nun, bei der Luftfahrtmesse in Singapur, haben ST Aerospace-Chef Chang Cheow Teck, Airbus-Vorstand Thomas Enders, der designierte EADS Finanzvorstand Harald Wilhelm und EFW-Chef Andreas Sperl durch ihre Unterschrift die Absichtserklärung für eine Zusammenarbeit besiegelt. Wenn Ende April die endgültigen Verträge ausgehandelt sind, muss noch das Kartellamt seinen Segen geben. Dann könnte es im Mai richtig losgehen.

Bei der Singapore Airshow stellen seit dem 14. Februar rund 900 Unternehmen aus über 50 Ländern ihre Neuheiten für die zivile und militärische Luftfahrt vor. Die Messe soll bis zum 19. Februar mehr als 12 000 Besucher anziehen

EFW

ST Aerospace

Die Elbe Flugzeugwerke (EFW) sind - wie der Flugzeugbauer Airbus - eine Tochter des Luft- und Raumfahrt-Konzerns EADS und Exzellenzzentrum für die Airbus-Frachterumrüstung. Das Unternehmen hat rund 1100 Mitarbeiter. Bislang wurden über 170 Flugzeuge für 40 Kunden umgerüstet. Aktuell werden A300 und A310 umgebaut. Mit dem Partner ST Aerospace soll ein Konzept zur Umrüstung des A330 entwickelt werden.

In der Komponentenfertigung werden unter anderem Bodenplatten aus Kohle- und Glasfasermaterial für Airbus-Flugzeuge und Straßenbahnen oder Kabinentüren für Kreuzfahrtschiffe hergestellt.

Außerdem bieten die EFW Wartungs- und Reparaturleistungen für Flugzeuge der gesamten Airbus-Familie sowie Engineering-Dienstleistungen rund um Zertifizierung und Zulassung.

ST Aerospace ist eine Tochterfirma der halbstaatlichen ST Engineering und nach eigenen Angaben mit über 8000 Mitarbeitern der größte MRO-Anbieter der Welt.( MRO steht für Maintenance, Repair and Overhaul -.deutsch:Wartung, Reparatur und Überholung.)

Das Unternehmen sieht sich als integrierter Dienstleister und bietet Leistungen von der Flugwerkwartung über die Motorinstandhaltung bis hin zu Modifikationen, Umbau und Management an.

ST Aerospace hat Stützpunkte in Nord- und Südamerika, im Asien-Pazifik-Raum und in Europa. Zu seinem Kundenstamm gehören alle großen Fluggesellschaften sowie die Betreiber von Frachtflotten, außerdem betreut sie auch eine Vielzahl von Militärmaschinen.

Wenn alles so kommt, wie es kommen soll, können die Elbe Flugzeugwerke (EFW) bald ganz neu durchstarten. Vor wenigen Stunden (gegen 3.15 Uhr MEZ) wollten bei der Singapur Airshow, der größten Luftfahrtmesse Asiens, die Führungsspitzen des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS, der EADS-Tochter Airbus, der weltweit agierenden ST Aerospace aus Singapur und der EADS-Tochter EFW ihre Unterschriften unter verbindliche Absichtserklärungen gesetzt haben. Diese sogenannten "Heads of Agreement" sollen Ende April in einen Vertrag münden, der die strategische Partnerschaft zwischen den Beteiligten sichert. Ziel: Gemeinsam wird ein Umrüstkonzept für die Airbusversionen A330-200 und A330-300 zu Frachtern erarbeitet. Und: Der neue Partner aus Fernost - ein wirklich Großer unter den Serviceanbietern für Flugzeuge - richtet in Dresden sein Wartungszentrum ein. ST Aerospace war zuvor lange auf der Suche nach einem neuen Standort in Zentraleuropa. Voilà! Zentraler als in Dresden geht es kaum! Heißt: An der Elbe dürften schon bald Flugzeuge aller Art niedergehen, um sich auf Herz und Nieren durchchecken und reparieren zu lassen. Die Investitionen in Dresden werden im hohen zweistelligen Millionenbreich liegen, die Zahl der Mitarbeiter könnte bis 2017 um 100 wachsen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.02.2012

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