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Eine Übernachtung im Flüchtlingsheim im Dresdner Lindenhof

Fenster in eine andere Welt Eine Übernachtung im Flüchtlingsheim im Dresdner Lindenhof

Die Presse steht bei den meisten Flüchtlingsheimen vor verschlossener Tür. Der Heimleiter des Lindenhofs hat uns seine für eine Nacht geöffnet. Um zwei Uhr nachts ist es in Stetzsch ruhig. Die Küche ist leer. Der große Gemeinschaftsraum der Flüchtlingsunterkunft verwaist.

Der Heimleiter Daniel Molitor (rechts) hat die Presse zum Test-Schlafen in das Übergangswohnheim für Asylbewerber in der Podemusstraße eingeladen.

Quelle: Norbert Neumann

Dresden. . Um zwei Uhr nachts ist der Lindenhof in Stetzsch ruhig. Die Küche ist leer. Der große Gemeinschaftsraum der Flüchtlingsunterkunft verwaist. Ein Großteil der 70 Bewohner schläft. Nur einige Nachteulen spielen Karten oder sehen Youtube-Videos. Wir sitzen zusammen auf Decken in einer der Rauchernischen, trinken Chai-Tee und teilen unsere Zigaretten.

"Ihr als Presse traugt eure Erfahrung von hier nach draußen."

„Manchmal gibt es hier nichts zu tun,“ erzählt Amir aus Syrien. Er fahre dann in die Stadt, um Dresdner zu treffen und an den ABC-Tischen Deutsch zu lernen. Ihm gefallen die offiziellen Empfänge. „Es ist eine gute Möglichkeit Deutsche kennen zu lernen, ihnen zu zeigen wie wir überhaupt sind. Nur so finden wir heraus, was wir füreinander tun können.“ Abdul-Hach, ein Usbeke aus Afghanistan, drückt sich eindeutiger aus: „Wer den ganzen Tag in seinem Bett liegt, schläft und sich langweilt, verblödet!“ Er verlässt deswegen jeden Morgen um Punkt acht Uhr das Haus. Es mache ihn glücklich, sich zu bilden und etwas zu tun.

Die Offenheit der Flüchtlinge und des Heimleiters Daniel Molitor den Medien gegenüber ist überraschend. „Ich möchte ein Fenster offenlassen, damit jeder hier hineingucken kann“, erklärt Molitor. „Ihr als Presse tragt eure Erfahrungen von hier nach draußen.“ Das Heim mit seinen Bewohner sah sich von Beginn an Anfeindungen ausgesetzt. Am 25. Juli zum Tag der offenen Tür waren rund 130 Dresdner im Haus. Das hielt Asylgegner nicht davon ab, eine sogenannte „Stinkbombe“ im Haus zu zünden. Der Gestank einer unbekannte Chemikalie trieb die Leute ins Freie. In der darauffolgenden Nacht wurden zudem mehrere Fensterscheiben eingeworfen. Das Büro wurde deshalb vom Erdgeschoss auf den Dachboden verlegt. Neunmal gingen die Scheiben des Lindenhofs zu Bruch.

Molitor lässt sich seine Zuversicht davon nicht nehmen: „Nicht jeder, der gegen Flüchtlinge ist, ist ein Rassist. Viele haben Angst und lassen sich von der Dynamik mitreißen.“ Trotz der täglichen Demonstrationen im vergangenen August suchte er den Grund für diese Ängste und wollte ihnen entgegentreten. Seine Hauptaufgabe liegt in der Betreuung der Flüchtlinge. Er versucht ständig zu vermitteln, ob bei den Sorgen der Anwohner oder bei den Alltagsproblemen und Konflikten in seinem Heim. Bei 70 Männern aus Syrien, Pakistan oder Afghanistan ist dies manchmal keine leichte Aufgabe.
Sein Erfolgsrezept beruht auf einer einfachen Formel: Respekt und klare Regeln. Die Flüchtlinge müssen einen strengen Putzplan einhalten. Molitor geht dabei oft mit gutem Vorbild voran, getreu dem Motto: „Was der Chef kann, kannst du auch.“ Für alle verständlich, werden auf Deutsch, Arabisch, Urdu und mit Piktogrammen die verschiedenen Aufgaben erklärt.

Die Bewohner werden in Gruppen eingeteilt und müssen bis 14 Uhr das Treppenhaus, die Küche oder den Außenbereich sauber machen. Jeden Tag sind sie für einen anderen Gemeinschaftsraum verantwortlich. Falls eine Gruppe ihre Aufgabe vernachlässigt, kassiert sie eine Standpauke.

Respekt gegenüber den Bewohnern ist die zweite Säule seines Konzeptes. Dieser fange für Molitor dabei an, sich vor dem Betreten der Zimmer die Schuhe auszuziehen. Anfangs waren die Flüchtlinge irritiert. Letztlich entwickelte sich aus dieser kleinen, nachbarschaftlichen Geste aber der gegenseitige Respekt zwischen Molitor und „seinen“ Flüchtlingen. Deshalb gibt der Heimleiter den versammelten Presseleuten vor der Führung durch das Übergangsheim auch den Hinweis, dass alle hier nur zu Gast seien und die Privatsphäre der Bewohner zu achten haben.

Ich kann mich jedoch frei bewegen. Die meisten Türen werden mir geöffnet und ich werde auf ein Gespräch eingeladen oder kann mich in den Zimmern umsehen. Die sind trotz der Enge sauber und ordentlich. „Einen Schäferhund dürfte ich hier allerdings nicht unterbringen,“ scherzt Molitor. Zwischen drei und vier Männer teilen sich die wenigen Quadratmeter.

Es ist ein Privileg, in einem der ehemaligen Hotelzimmer zu schlafen. Hier genießen die Bewohner ein gewisses Maß an Privatsphäre. Wenn der Raum allerdings zugemüllt wird, müssen die Flüchtlinge wieder zurück in den großen Schlafsaal ziehen. Wöchentlich gibt es dazu Zimmerkontrollen des Heimleiters.

In der Küche duftet es nach Gewürzen und gebratenem Gemüse. Zwei Syrer stehen am Herd und backen in der offenen Pfanne im Akkord Fladenbrot. Ein Pakistaner kocht in einem großen Topf Kartoffeln mit Blumenkohl. Es dauert keine fünf Minuten und sie bieten einen Teller des scharf gewürzten Gerichts mit frischem Fladenbrot an. Der Heimleiter steht kurz nach dem gemeinsamen Kochen an der Spüle und wäscht die dreckigen Töpfe ab. Alle Flüchtlinge tun es ihm gleich, denn sie wissen: Wenn die Küche nach dem Kochen nicht gereinigt wird, hat das Konsequenzen. Molitor stellt ihnen den Strom solange ab, bis jemand die Küche wieder hergerichtet hat. Bei 70 Bewohnern trifft diese Sanktion nicht immer die Verantwortlichen, doch hat Molitor stets ein offenes Ohr für die Belange der Bewohner. Es gibt wöchentliche Haustreffen, auf denen jeder Anregungen und Beschwerden vortragen kann.

Die Presse steht bei den meisten Flüchtlingsheimen vor verschlossener Tür – Der Heimleiter des Lindenhofs hat uns seine geöffnet.

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Bei groben Verstößen erteilt Molitor eine schriftliche Verwarnung. Meist bessert sich danach das Verhalten der Delinquenten. Nach der zweiten erteilt der Heimbetreiber Human Care nämlich Hausverbot in allen seinen Einrichtungen. Dies bedeutet meist einen Umzug in ein Sammellager. Molitor musste erst zweimal davon Gebrauch machen, da niemand zurück in ein Lager möchte. Die Flüchtlinge fügen sich aber keinesfalls sklavisch der Hausordnung. Das Alkoholverbot im Übergangsheim geht beispielsweise auf ihre Initiative zurück. Ein alkoholisierter Flüchtling verletzte sich selbst im Rausch dermaßen schwer, dass er ins Krankenhaus gebracht werden musste. Darauf einigten sich die Bewohner auf das Alkoholverbot zum Selbstschutz.

Für den ungeübten Besucher ist es schwer, im großen Saal einzuschlafen – mit 30 Männern, die schnarchen, zu Bett gehen oder im Schlaf reden. Alle paar Minuten springt einer der zehn Kühlschränke an. Der ausgetretene Parkettboden knarrt bei jedem Schritt. Doch letztendlich ist der Lindenhof ein ganz normales Haus. Das Laub wird geharkt, der Hausmüll getrennt. Die Podemusstraße ist genauso ruhig wie alle anderen in Stetzsch. Nur der besondere Status seiner Bewohner und die Reaktionen heben es von den Nachbargebäuden ab.

Was mir im Gedächtnis bleiben wird, ist die Gastfreundschaft der Bewohner – und ihr Geschnarche. Man gewöhne sich schnell an den Lärm, versicherten sie mir vorher. Eine Nacht reicht nicht aus – bis um vier Uhr fand ich keinen Schlaf.

Paul Felix Michaelis

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