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Ein Tag als... DNN-Redakteurin verbringt einen Tag als Tierpfleger im Dresdner Zoo

Ein Tag als... DNN-Redakteurin verbringt einen Tag als Tierpfleger im Dresdner Zoo

Neugierig schaut Tessa aus ihrer Box über den Zaun. "Was ist denn hier los?", scheint sich die Giraffendame zu fragen. Ich kann es ihr nicht verübeln.

Sie erblickt an diesem Morgen nicht nur ihren wohlbekannten Pfleger Sven Schneider, sondern auch eine fremde Frau mit einem seltsam anmutenden Blaumann. Mich. Für mehrere Stunden tausche ich heute Schreibtisch und Büro gegen Schaufel und Besen, um mich als Tierpfleger um Tessa und ihre Mitbewohner Diko und Gaia zu kümmern. Ich übernehme damit einen Job, den 47 Pfleger täglich für rund 1500 Tiere im Dresdner Zoo verrichten.

Erste Aufgabe: Das Innengehege herrichten. Heißt im Klartext: Den Sand vom Kot befreien. Rund zwei Tonnen Tierkot müssen täglich im Zoo entsorgt werden. Klingt einfach, denke ich, muss aber bald meinen Irrtum feststellen. Da es für Giraffen aufgrund ihres Körperbaus schwierig ist, zu trinken, nehmen die Tiere nur sehr wenig Flüssigkeit auf. Überraschend klein sind deshalb die Verdauungsreste. Gar nicht so einfach, die Kügelchen mit einem Rechen zusammenzukehren, ohne zu viel Sand mitzunehmen. "Damit haben unsere Praktikanten auch immer zu kämpfen", ermutigt mich Sven Schneider. Der 40-Jährige ist Giraffenpfleger der ersten Stunde, bedeutet im Dresdner Zoo seit 2008. Seine Schützlinge kennt er ganz genau.

Kehrend zählt er die Eigenarten der Tiere auf, ganz genau könne man sie unterscheiden. Denn Giraffen sind Charaktertiere, haben ihren eigenen Kopf. "Tessa ist unsere kleine Diva. Und so führt sie sich auch auf", erzählt er schmunzelnd über die vier Jahre alte Giraffendame. Der achtjährige Diko hingegen übernimmt naturgemäß den Part des Chefs, wenn auch auf eine sanfte Art. Neuankömmling Gaia, die erst vor wenigen Wochen aus dem französischen Touroparc Zoo in Dresden eingetroffen ist, lebt sich noch ein. Neugierig blickt sie durch das Gehege, schnüffelt mal hier, knabbert mal dort.

Leicht zu vergessen bei der Anmut der Tiere: Sie können gefährlich werden. "Man darf ein Tier nie vermenschlichen. Giraffen sind Fluchttiere und können dementsprechend reagieren", erzählt der 40-Jährige. Besonders die Beine können zu Waffen werden. Deshalb beobachtet er seine Giraffen ganz genau, lernt sie jeden Tag ein bisschen mehr einzuschätzen. Und vor allem: Er spricht mit ihnen. Das sei wichtig, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Diese Taktik wendet er auch bei mir an. "Warum haben Giraffen eigentlich Flecken", fragt er mich beispielsweise. Es soll nicht der letzte Versuch bleiben, mein Wissen zu ergründen. "Tarnung", sage ich ohne Zögern, bis mir die Unsinnigkeit meiner Antwort bewusst wird. "Das sagen alle. Allerdings: Bei solch großen Tieren guckt immer irgendetwas heraus", verbessert mich der Tierpfleger. Tatsächlich sind die braunen Tupfer zur Regulierung der Körpertemperatur verantwortlich. Die Flecken sind stärker durchblutet und geben deshalb mehr Körperwärme ab. Wieder etwas gelernt.

Jetzt schleppen wir Birkenäste in das Innengehege, zum Knabbern. Dann dürfen sie raus aus ihren Boxen, und wirken auf einmal noch viel größer. Schließlich kann ein Giraffenmännchen bis zu sechs Meter groß werden. Im Hintergrund laufen unterdessen schon die Vorbereitungen für das Mittagsmahl. Möhren, Salat, Sellerie und anderes Gemüse landen in den jeweiligen Futtereimern. So klein wie nötig, aber nicht wie möglich werden die Stücke zurecht geschnitten, die Tiere sollen schließlich etwas zum Kauen haben. Das ist nicht nur gut für das Gebiss, sondern dient zudem zur Beschäftigung. Täglich werden 50 Kilogramm Fleisch, 30 Kilogramm Obst und 150 Kilogramm Gemüse zubereitet und an die Tiere im Zoo verfüttert.

Der nächste Einsatz, eine olfaktorische Herausforderung: Die Ställe müssen ausgemistet werden. Altes Stroh raus, neues Stroh rein. Der Geruch, den ich als beißend empfinde, stört Sven Schneider mittlerweile nicht mehr. "Das nehme ich gar nicht mehr wahr", sagt er. Ich glaube ihm. Er wirkt ruhig, gelassen, und strahlt das auch auf die Tiere aus. Und das, obwohl angesichts der vielfältigen Aufgaben wenig Zeit zum Luftholen bleibt. Acht Stunden dauert der Arbeitstag eines Tierpflegers. Hinzu kommen Sondereinsätze, etwa bei Geburten oder der Ankunft neuer Tiere. "Wir sind nicht nur Gebäudereiniger, sondern auch Seelsorger und Ernährungsberater. Es ist wie in einem Vollzeitsanatorium", sagt er. Dabei benötigen die Giraffen im Vergleich zu anderen Zootieren nicht die intensivste Betreuung. Die kommt den Primaten, Raubtieren und Elefanten zu. Eher pflegeleicht sind dagegen die Trampeltiere, Ziegenartigen und Rinder.

Die Anstrengungen eines Pflegers sind nicht nur körperlicher Art, schließlich muss man sich auf ein Tier einlassen. Sie werden zu Familienmitgliedern, wie Sven Schneider erzählt. Dass er Tierpfleger werden möchte, habe er schon immer gewusst. "Man weiß nie, was einen erwartet, jeden Tag passiert etwas Neues. Und das Verhältnis zu den Tieren entwickelt sich Schritt für Schritt weiter." Und dann kommt Diko, beugt seinen langen Hals über den Zaun und lässt sich von mir an der Nase berühren. Und ich weiß ganz genau, was Sven Schneider meint.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.05.2015

Christin Grödel

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