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Ein Hirntoter ist noch nicht "zu Ende gestorben": Transplantationsmedizin in der Diskussion

Ein Hirntoter ist noch nicht "zu Ende gestorben": Transplantationsmedizin in der Diskussion

Rolf-Michael Turek: Nein. Christen haben zwar den Auftrag zur Solidarität, aber auch das Recht auf einen eigenen Sterbeprozess. Die christlichen Kirchen haben zur Organspende positiv Stellung genommen, aber das ist auch innerhalb der Kirchen umstritten.

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Seelsorger Rolf-Michael Turek

Quelle: kirchenamt

Frage: Ist Organspende Christenpflicht?

Es gilt zwar das fünfte Gebot des Dekalogs "Du sollst nicht töten", aber als Hauptgebot, das alle Gebote umschließt und überhöht, gilt die Gottes- und Nächstenliebe.

Welches Problem sehen Sie bei der Organspende im Vordergrund?

Ein Problem, dass nicht öffentlich verhandelt wird, ist, dass Organspende unterschiedliche Bedürfnisse vereint. Organempfänger werden von der Presse, den Lobbys und der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) unterstützt. Die Interessen der Sterbenden und ihrer Angehörigen werden weniger gut vertreten. Im Rahmen der Tagung werde ich die verschiedenen Interessen und Argumente erläutern.

Welche Interessen gibt es denn?

Zum einen sind da die Organempfänger, deren vordergründiges Interesse selbstverständlich das Überleben ist. Dann sind da die Transplanteure, denen die Gesundheit der Organempfänger, aber auch die eigene Profilierung am Herzen liegt. Die Krankenhäuser, in denen explantiert, also Organe entnommen werden, machen Gewinn. Krankenkassen wollen möglichst billig davonkommen. Der Organspender handelt aus Solidarität mit kranken Mitmenschen. Er hat aber gleichzeitig auch das Recht auf einen würdevollen, ungestörten Sterbeprozess. Ebenso haben die Angehörigen Interesse daran, den Sterbenden bis zum Ende zu begleiten - was bei einer Organspende nicht möglich ist. Zuletzt hat auch die Pharmaindustrie ein Interesse an Organspende, denn die Empfänger benötigen ihr ganzes Leben lang hochpreisige, immunsuppressive Medikamente, damit das fremde Organ nicht abgestoßen wird.

Wie könnten diese Interessen vereint werden?

Wissen ist meiner Meinung nach das Wichtigste. Die Menschen müssen sich frei für oder gegen eine Spende entscheiden dürfen. In der Aufklärung hapert es noch.

Welche Informationen fehlen den Menschen häufig?

Viele wissen zum Beispiel nicht, dass bei der Organspende auch anderes Gewebe wie Knochen, Sehnen, die Zunge oder die Luftröhre entnommen werden dürfen. Insgesamt sind es 114 Teile des menschlichen Körpers. Wer Organspender ist, ist gleichzeitig auch Gewebespender. Auch Informationen über die Bedingungen der Explantation fehlen. Wer informiert über die ungeklärte Problematik des Hirnto­des, darüber, dass ein hirntoter Mensch noch lebt - im Unterschied zu einer Leiche, die zur Obduktion freigegeben wird -, dass er von Blut durchpulst wird, dass die Beatmungsmaschine erst nach den Explantationen abgestellt wird, dass in vielen Fällen sogar meh­rere Operationsteams nacheinander die für sie interessanten Or­gane explantieren?

Wann genau gilt der Mensch als tot?

Die Medizin hat den Todeszeitpunkt auf den Ausfall des Gehirns (Gehirntod) vorverlegt, um ab dem Moment Organe entnehmen zu können, ohne wegen Mordes angeklagt zu werden. Der tatsächliche körperliche Tod tritt erst während der Entnahme der Organe ein. Wer sich einen Organspendeausweis zulegt, beantwortet gleichzeitig auch für sich die Frage: Ab wann möchte ich als tot betrachtet werden? Gewiss wird ein hirntoter Mensch nie mehr selbstständig leben können. Aber er ist noch nicht zu Ende gestorben.

Wie umstritten ist die Hirntoddiagnose?

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Hirntote, denen Organe entnommen werden sollen, noch Empfindungen haben können. Mit dem ersten Schnitt steigt oftmals der Blutdruck, der "Tote" schwitzt. Dies wird von einer Reihe Medizinern als Schmerz- und Angstreaktion gedeutet, andere wiederum halten es für Rest- reflexe des Rückenmarks. In der Schweiz ist zum Beispiel die Explantation nur unter Vollnarkose erlaubt. Auch in Deutschland geben Anästhesisten manchmal Schmerzmittel, obwohl es nicht vorgeschrieben ist, einfach weil sie sich unwohl fühlen.

Sollte jedem die Frage nach der Spendenbereitschaft - möglicherweise von behördlicher Seite - gestellt werden? Oder halten Sie die derzeitige freiwillige Regelung für ausreichend?

Ich kann mir schwer vorstellen, wie zum Beispiel die Sachbearbeiterin auf der Meldestelle für solch eine psychologisch-einfühlsame Aufgabe vorbereitet und (auch zeitlich) befähigt werden sollte. In solchen Gesprächen braucht es ein hohes Maß an Empathie, ein hohes Maß an Verständnis - es geht ja nicht darum, was ich denke, nicht darum, wie ich mich entscheide. Es geht darum: Was ist mir in meiner Wertewelt im Moment wichtig.

Was raten Sie Angehörigen von potenziellen Spendern und Menschen, die überlegen, ob sie ihre Organe freigeben sollen?

In beiden Fällen gibt es meinerseits keine Empfehlung. Stattdessen begleite ich in Entscheidungen. Es gibt für jede der Alternativen gute Argumente. Es ist gut, diese zu kennen und sich bewusst zu machen. Als nächstes gilt es, die Argumente zu gewichten, um dann zu einer Entscheidung zu gelangen. Dabei kann auch klar werden, dass ich mich mit einer Entscheidung für bestimmte Werte gegen andere Werte ausspreche. Dabei macht dieses "gegen" die Entscheidung oft schwer, gerade wenn es sich um hochrangige Prinzipien wie Solidarität handelt. Wir sprechen in diesem Fall von Dilemmata-Situationen. Dilemmata lassen sich nicht lösen wie Probleme - es bleibt in jedem Fall ein Unbehagen.

iMedizin-Ethisches Kolloquium "Transplantationsmedizin im Spannungsfeld unterschiedlicher Bedürfnisse"; 31. August, 10 bis 16.30 Uhr; Tagungszentrum Clara-Wolff-Haus, Canalettostr. 13.

Franziska Schmieder

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