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Ein-Frau-Betrieb für die jüdische Wohlfahrt in Dresden

Ein-Frau-Betrieb für die jüdische Wohlfahrt in Dresden

Karin Buron freut sich über das gelungene Programm des Seniorennachmittags in der Dresdner Jüdischen Gemeinde. Pianist Alexander Goldenberg und Sänger Juri Zemski sind angereist und stellen ihr neues jüdisches Liederprogramm „Trotzdem“ vor.

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Das Gemeindezentrum neben der jüdischen Synagoge in Dresden

Quelle: dpa

Victor Tsessarskiy liest aus einem eigenen Buch über die Nazizeit vor. Als Kind erlebte er das Minsker Ghetto, aus dem ihm die Flucht gelang. „Es ist ein ganz besonderes Programm“, sagt Buron, die Initiatorin des wöchentlichen Seniorennachmittags.

Dem Beifall nach kommt es auch bei den rund zwei Dutzend Besuchern im Gemeindesaal gut an. In einer Pause sitzen sie bei Kaffee und Gebäck zusammen. Geplaudert wird auf Deutsch und Russisch. Buron gehört neben der großen Mehrheit der aus der früheren Sowjetunion zugewanderten Juden zu den wenigen alteingesessenen Dresdnern in der Gemeinde. Die 60-Jährige leitet die Zweigstelle Sachsen der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Sie ist allerdings auch die einzige Mitarbeiterin des jüdischen Wohlfahrtsverbandes im Freistaat, wo er deswegen nur Mini-Format hat.

Immerhin gehört die 1917 gegründete ZWST zur Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrt und zählt zu den sechs sozialen Spitzenverbänden. Sie vertritt die Interessen der jüdischen Gemeinden, denen gut 100 000 Juden in Deutschland angehören. Doch während sich Diakonie, Caritas & Co lautstark in die Debatten über soziale Gerechtigkeit einschalten und vielen bekannt sind, sagt das Kürzel ZWST jenseits der jüdischen Gemeinden nur wenigen etwas.

Die Sprecherin der ZWST-Zentrale in Frankfurt am Main, Heike von Bassewitz, sagt, dass der Verband im Gegensatz zu anderen eine verhältnismäßig kleine Gruppe vertrete. „Deswegen unterscheidet uns strukturell auch einiges.“ Ihrem Verband mit bundesweit 120 Mitarbeitern sei es aber ein Anliegen, bekannter zu werden, versichert sie. Auch in Sachsen gehört die Zentralwohlfahrtsstelle auf Landesebene zur Liga der Wohlfahrtspflege. Auf deren Mitteilungen prangt immer das ZWST-Logo.

Doch während andere über Referenten und einen Verwaltungsapparat verfügen, vertritt Buron den jüdischen Verband im Freistaat als Solistin. „Ich bin total alleine als Hauptamtliche“, betont die frühere Betriebsschwester. Auch ein Vorsitz in der Liga, der zwischen den Verbänden regelmäßig wechselt, komme deswegen nicht infrage.

Der kaufmännische Vorstand der sächsischen Diakonie, Friedhelm Fürst, bescheinigt der ZWST, fester Teil der freien Wohlfahrtspflege zu sein. In Sachsen arbeite der Verband gleichberechtigt in der Liga mit und sei an den politischen Gesprächen beteiligt. „Dass da nicht die großen Initiativen kommen, ist wegen der Personalgröße klar“, sagt er. Auch die anderen Verbände hätten unterschiedliche Reichweiten und Arbeitsfelder.

Als Alleinkämpferin ist Buron in ihrer Arbeit für alles zuständig, vom Aufkleben von Briefmarken, bis zur Lobbyarbeit in Behörden und Ministerien. Sie hilft in ihrem Projekt „Jobbörse“ Ratsuchenden, in Arbeit zu kommen, unterstützt den Besuchsdienst für einsame und kranke Gemeindemitglieder und arbeitet in verschiedenen Gremien mit, darunter im Landesseniorenbeirat und im Fachausschuss Migration des Freistaates. Allein könne sie allerdings nicht so viel Neues entwickeln, sagt sie. Der Vorteil: „Man kann spontan sein.“

1991 stieg sie bei der ZWST ein, um die Sozialarbeit in den jüdischen Gemeinden von Dresden, Leipzig und Chemnitz zu unterstützen. Auch ihre eigene Lebensgeschichte und die Ereignisse der Vergangenheit motivieren sie bei der täglichen Arbeit. Buron verbrachte die ersten Jahre in der Oberlausitz, kam aber mit vier nach Dresden und gehört von Kindheit an zur Dresdner Gemeinde.

Ihre Familie litt schwer unter den Naziverbrechen. Angehörige wurden in Auschwitz ermordet, ihr Vater überlebte das Konzentrationslager Dachau. Für Karin Buron ist ihre Arbeit deswegen nicht nur ein Job. „Da ist eine ganz andere Verantwortung, ein anderes Engagement“, sagt sie.

Zu den großen Aufgaben zählt sie weiterhin die Integration der vielen jüdischen Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion. Ein Schwerpunkt sei die Seniorenarbeit. Die Gemeinden alterten, es gebe zu wenig Nachwuchs. Sie wünsche sich für die Zukunft spezielle Wohnformen, wo jüdische Menschen gemeinsam leben könnten, sagt Buron. Und sie wirbt für die Arbeit mit Jüngeren. „Ohne die Jugend geht nichts“.

Marius Zippe, dpa

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