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Ein Ex-Konsument packt aus: „Crystal kann man überall kaufen“

Ein Ex-Konsument packt aus: „Crystal kann man überall kaufen“

René kann sich genau an sein erstes Mal erinnern. Es war Sommer, es war Hochwasser, sein Kumpel hatte Crystal dabei. Beide saßen bei ihm zu Hause, während die Elbe über die Ufer trat.

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Die hochriskante Droge Crystal Meth breitet sich in großen Teilen Deutschlands weiter aus.

Quelle: Arno Burgi/Archiv

Dann ging alles ganz schnell. Es war der Kick, der Augenblick, der Stoff wurde zurecht geschoben, in eine schöne gerade Pulver-Linie. Drei Atemzüge. Mit einem gerollten Geldschein hat er sich – wie im Film – das Crystal in die Nase gezogen. „Es war ein tolles Gefühl, ich konnte mich auf einmal auf alles konzentrieren.“ René ist nicht so jung, dass er nicht weiß, was er tun würde. Mit über 31 Jahren zählt er zehn Jahre mehr als viele andere Konsumenten. Trotzdem wollte er es probieren, einfach so, just for fun: „Es war unglaublich, es ist mehr als Kokain.“ Dann ist er in ein Zeitloch gefallen. Bis heute spricht René gebrochen deutsch, vor drei Jahren ist er aus Marseilles nach Dresden gekommen, der Liebe wegen. In der Gastronomie hat er Geld verdient und Crystal entdeckt.

Droge im Stadtgebiet präsent

René, der eigentlich anders heißt, hat sich ohne Zurückhaltung bereit erklärt, von seinen Erfahrungen zu berichten. „Es ist eine Katastrophe“, sagt René. „Überall kann man Crystal kaufen. Die Droge ist im Stadtgebiet präsent.“ Jeder halbwegs Involvierte wüsste sofort, wohin er sich wenden müsste. Damit müsse Schluss sein, die Menschen und auch die Eltern sollen gewarnt werden. „Crystal macht die Menschen kaputt, frisst sie von innen auf“, sagt René. „Das Schlimmste ist, es sind so viele Jugendliche. Ich schätze sie auf 15 Jahre.“ Sie bekommen eine Portion – oder eine „Line“, wie sie in der Szene genannt wird – schon ab zehn Euro. Für einen Anfänger reicht eine klitzekleine Pulver-Linie, zwei Millimeter dünn, zwei Zentimeter lang. Sie wirkt fünf bis sechs Stunden. Aus einem Gramm lassen sich geschätzt etwa zehn Linien bauen.

René hat in seiner Drogenzeit Strukturen der Dealer kennen gelernt. Ein großer Umschlagplatz ist seinen Ausführungen nach das Casino an der Petersburger Straße/Ecke Ferdinandplatz, 400 Meter entfernt vom Rathaus. „Wo kann man Geld besser waschen als im Casino?“, fragt René. Der Prokurist des Casinos „El Dorado“ bestätigte gegenüber den DNN die Vorwürfe. „Wir haben hier ein Riesenproblem“, sagte Thomas Söß. „Die Drogen werden auf dem Hinterhof verkauft und im Casino gezogen.“ Seine Mitarbeiterinnen würden regelmäßig von Abhängigen bespuckt. Längst hätte er alle Toiletten geschlossen, seine Hausverbote würden ignoriert. „Mich stört, dass hier nichts unternommen wird“, sagt Söß. Mittlerweile gebe es zwar Kontrollen der Polizei. Doch ohne Dauerpräsenz im Streifenwagen sehe er keine Lösung.

„Die Händler kaufen den Stoff für 30 Euro pro Gramm in Tschechien ein und verkaufen das Gramm für 80 Euro in Dresden“, erzählt René. Zu Fuß würden die Dealer mindestens alle zwei Wochen über die Grenze laufen und größere Lieferungen in die Landeshauptstadt bringen. Dort wird die gefährliche Droge über ein Schneeballsystem aus Klein-Händlern verteilt. „Etwa die Hälfte der Dealer sind selbst unter Crystal“, erklärt René. Er glaubt, dass eine arabische Mafia die Geschäfte kontrolliert. Das Casino ist nicht der einzige Platz in Dresden, an dem Crystal verkauft wird. „Die Verkäufer erkennen, wer konsumiert“, sagt René. Sie sind auch am Albertplatz und vielen anderen Dreh- und Angelpunkten in Dresden zu finden.

„Die Frage ist jedoch: Wo fängt diese ganze Scheiße an“, fragt der Franzose. Die sozialen Probleme seien der Ursprung der Misere, nicht die Droge. „Stoppen kann man Crystal nur, wenn niemand mehr kauft, dann lohnt sich das Geschäft nicht mehr“, sagt er. „Doch wie findet sich eine Lösung für das Grauen? Wenn Menschen kein soziales Umfeld haben, sind sie empfindlich wie Kinder. Und manche sind sogar noch Kinder.“

Süchtig in zwei Wochen

Crystal macht extrem schnell abhängig. „Schon am vierten Tag braucht man die Droge“, sagt René. „Es ist schlimm für die ganzen Familien, besonders wenn die Eltern viel arbeiten.“ Manchmal könnten zwei Wochen Unaufmerksamkeit schon zu viel sein. „In 14 Tagen können Jugendliche süchtig werden.“ Er wird den Tag im August des vergangenen Sommers nicht vergessen. Einige Jungs kamen auf ihn zu, fragten nach Crystal. René konnte es nicht fassen. „Wie alt seid ihr“, fragte er. „15“ hallte es selbstbewusst zurück. „Da hat es Klick gemacht“, sagt René. Seitdem hat er nie wieder etwas angerührt.

Katrin Tominski

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