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Ein Dresdner schneidert für die ganz Großen

Schneidern für die ganz Großen Ein Dresdner schneidert für die ganz Großen

Der Dresdner Kostümbildner und Schneider Michael Wolf arbeitet seit Jahren für internationale Kundschaft. Bis nach Hollywood hat er es schon geschafft, auch für das international bekannte und beliebte Videoportal „vevo“ hat er bereits an Musikvideos mitgearbeitet.

Michael Wolf in seinem Atelier.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Wenn man zu Michael Wolf will, kommt man in eine ruhige Wohnsiedlung. Sein Atelier auf der Torgauer Straße ist von außen nicht erkennbar, „nur“ eine geschmackvoll gestaltete, zweistöckige Wohnung in einem Mehrfamilienhaus. Nun könnte man meinen, er wäre einer der normalen, regionalen Schneider, die man in Dresden an vielen Orten findet. Doch regional ist maßlos untertrieben. Bis nach Hollywood hat er es schon geschafft, auch für das international bekannte und beliebte Videoportal „vevo“ hat er bereits an Musikvideos mitgearbeitet. Das bekannteste internationale Werk, an dem er mitgewirkt hat, ist aber ohne Zweifel „The Grand Budapest Hotel“. Dort war er sogar mittendrin, nicht nur dabei. Genau weiß er es nicht mehr, aber es waren „etwa 10 bis 15“ Kostüme, die er für die verschiedenen Hauptdarsteller geschneidert hat.

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Der Dresdner Kostümbildner und Schneider Michael Wolf arbeitet seit Jahren für internationale Kundschaft und Filme

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Doch von Anfang an. Bereits als kleiner Junge hatte er viele Möglichkeiten, das Schneidern zu erlernen. „Ich bin familiär vorbelastet, in der dritten Generation meiner Familie.“ Doch seine Vorgänger waren lange nicht so erfolgreich wie er. „Es war damals eine andere Zeit. Um die 1990er Jahre war es sehr schwierig, da die Leute lieber fertige Sachen aus dem Kaufhaus wollten. Jetzt kommt seit etwa zehn Jahren der Individualismus wieder mehr auf. Davon habe ich profitiert“, glaubt er. Die Entscheidung, das Hobby zum Beruf zu machen, fiel allerdings erst nach dem Studium: „Ich habe Gestaltung im Bereich Mode studiert, aber das hat mir nicht gereicht. Ich brauchte etwas Fertiges in den Händen, nur ein Entwurf war mir einfach zu wenig“, sagt er. 2004 gründete er dann sein eigenes Label „Massgebend“. Einen Partner wollte er nicht, da er viel lieber sein eigener Herr ist. „Ich wollte keinen Chef über mir haben. Ich bin ein Freigeist, ich arbeite gerne auch mal von nachts ein Uhr bis sechs Uhr morgens“, gesteht er. Wer jetzt aber denkt, dass der restliche Tag in so einem Fall aus Ausruhen besteht, der irrt: „Das könnte ich machen, bin aber nicht der Typ dafür. Ein normaler Arbeitstag dauert, ohne übertreiben zu wollen, 14 bis 15 Stunden. Schlaf und Freizeit ist das, was ich am wenigsten habe. Aber das ist in Ordnung, da ich es ja gerne mache.“ Und er hat auch genügend zu tun, um diese Zeit zu füllen. Etwas Ausgefallenes, wie zum Beispiel ein Renaissance-Kleid, dauert vier Wochen, bis es fertig ist. Für etwas „Schlichteres“ – was er jedoch gleich wieder revidiert, da „mindestens die Passform immer schwierig“ ist – braucht er etwa zwei bis drei Tage. Die Fülle an Aufträgen ist so groß, dass der Kalender„bis Herbst 2018“ voll ist. Wer einen Großauftrag, also Arbeitsaufwand von mehr als zwei Monaten, für ihn hat, muss sich also gedulden. Kleinere Sachen, wie beispielsweise eine normale Hose, erledigt er aber „auch mal am Sonntag, bei einem Zeitaufwand von etwa fünf Stunden“.

Einen Alltag, wie ihn andere Arbeitstätige kennen, gibt es bei ihm nicht. Wenn er für Privatkunden arbeitet, macht er oft Hausbesuche: „Ich schaue mir immer gerne die Umgebung der Leute an, um einschätzen zu können, was den Menschen gefällt. Ist die Einrichtung beispielsweise eher schlicht, werden die Leute mit modernen reduzierten Kleidungsstücken zufrieden sein“, spricht er aus Erfahrung. Für das Dresdner Boulevardtheater arbeitet er als „Fester Freier“ Kostümbildner, was bedeutet, dass er keine festen Arbeitszeiten hat. Eigentlich perfekt für jemanden wie ihn. Und es zahlt sich aus: „Die letzten acht Produktionen des Theaters habe ich alle mitgestaltet. Zum Beispiel Schneewittchen kommt jetzt wieder auf die Bühne, für dieses Stück habe ich alle Kostüme entworfen und dann mit einer Kollegin zusammen geschneidert“, sagt er. Derzeit bereitet er die Kostüme für „Sherlock Holmes“ vor, doch er erfüllt parallel auch andere Aufträge: „Ich schneidere ein Kostüm für ein sogenanntes ,Live acting role play’. Dabei trägt man zum Beispiel Klamotten wie im Mittelalter und verbringt dann ein Wochenende auf einer Burg, um sich in die frühere Zeit zurück zu versetzen. Dafür habe ich gerade einen russischen Spion im Auftrag eines polnischen Kunden auf dem Tisch liegen. Außerdem beginnt jetzt schon die Vorbereitung für einen amerikanisch-polnischen Spielfilm, für den ich schon ein Jahr vorplanen muss“, sagt er.

Dass er durchaus auch Glück hatte, gibt er offen zu: „Die Film-Branche ist eine Nische. Nur wenn man schneidern kann, kommt man noch lange nicht beim Film rein. Man braucht auch ein paar Bekanntschaften. Bei mir lief es über jemanden, der schon am Set gearbeitet und mich dort empfohlen hat. Dann gab es noch eine Probearbeit, die aus einem der schwierigsten Details bestand: ein Knopfloch von Hand machen. Das hört sich zwar einfach an, ist aber richtig schwer“, weiß er. Der Anruf von Übersee hat ihn zuerst „gar nicht angehoben. Für mich war es ein Job. Aber als ich dann vor Ort war und diese ganzen bekannten Gesichter vor mir standen, war es dann schon was besonderes“, gibt er zu. „Für Tilda Swinton habe ich am meisten gemacht, da eines meiner Spezialgebiete Pelzverarbeitung ist. Aber auch für Adrien Brody und Ralph Fiennes war etwas dabei. Speziell für Grand Budapest Hotel habe ich außerdem alle violetten Uniformen zusammen mit einem Berliner Kollegen gefertigt“, sagt er. Auch persönlicher Kontakt mit den Stars entwickelt sich mal: „Ein kleiner Small Talk bei Kaffee oder Tee kommt da schon mal zustande. Dass sich das dann verläuft, ist ja ganz klar“, erklärt er. Der Arbeitsmittelpunkt aber liegt in Görlitz, das auch als Filmstadt oder „Görliwood“ bezeichnet wird. Hier wurden schon Passagen der Filme „The Grand Budapest Hotel“ und „Die Bücherdiebin“ gedreht: an beiden Streifen arbeitete Michael Wolf bekanntlich mit.

Dass es in seiner so perfekt wirkenden Karriere auch Tiefen gab, ist unausweichlich: „Wer von sich behauptet, in seiner Karriere kein einziges Tief gehabt zu haben, der lügt“, ist er sich sicher. „Besonders nach dem ersten Film war zwei Monate lang fast nichts zu tun, da die Leute wahrscheinlich Angst vor eventuell hohen Kosten hatten“, blickt er zurück. „Auch heute kommen selten normale Privatkunden zu mir, da sie manche Preise nicht zahlen würden. Nicht weil ich es unglaublich teuer mache, sondern weil der Stoff und der Zeitaufwand natürlich auch ihren Tribut tragen.“

Seine Klienten haben unterschiedlichste Aufträge für ihn: einige sagen ihm genau, was er machen soll, andere lassen sich auf seine Entwürfe ein: „Mein ältester Kunde – ältester im Sinne von längster Bekanntschaft – designt immer gerne mit und hat über die Zeit auch ein Händchen dafür entwickelt“, erzählt er. Durch die verschiedenen Anforderungen der Interessenten variiert natürlich auch das Material, das er verwendet: Neopren, Seide, Samt, Wolle, selbst Fahrradschläuche hat er schon verarbeitet. Die Kostüme bleiben den Abnehmern aber auch lange erhalten, in der Regel „bei wöchentlicher Nutzung etwa drei bis fünf Jahre. Im Theater geht der Verschleiß natürlich wahnsinnig schnell, da sind im schlimmsten Fall bis zu zwei Vorstellungen am Tag. Andererseits habe ich auch einen Kunden, dessen Kostüm elf Jahre alt und immer noch in einem guten Zustand ist. Das kommt also ganz auf das Trage- und Pflegeverhalten an“, erzählt er.

Was mehr Spaß macht, Hollywood oder eher Privataufträge, kann er beim besten Willen nicht sagen, denn „Hollywood und die anderen großen Produktionen haben zwar den großen Vorteil, dass das Budget entsprechend hoch ist und man quasi aus dem Vollen schöpfen kann. Da gibt es dann keine Grenzen, es werden auch mal echte vergoldete Knöpfe benutzt. Wenn es für den Hauptdarsteller ist, der ja nah an der Kamera steht, kommen manchmal sogar echte Edelsteine dazu, “, schwärmt er. „Andererseits ist es auch so, dass Not erfinderisch macht. Wenn der Kunde ein Budget nennt und man sich um die Optik kümmern muss, ist das schon auch interessant“, will er nichts hervorheben.

In seiner Branche ist er natürlich auf das Hörensagen angewiesen. Ungeachtet dessen, dass er kein großes, auffälliges Atelier betreibt – wer ihn und seine Arbeit erstmal kennen gelernt hat, ist sicherlich schon schnell überzeugt.

Von Eric Jahnke

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