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Ein Abend auf der Schattenseite - Hunderte Menschen leben im reichen Dresden auf der Straße - Nachtcafés lindern die größte Not

Ein Abend auf der Schattenseite - Hunderte Menschen leben im reichen Dresden auf der Straße - Nachtcafés lindern die größte Not

Der Atem gefriert in der Luft. Es geht auf Weihnachten zu. Während viele Dresdner den Abend bei Glühwein und Lichterglanz auf dem Striezelmarkt verbringen, mache ich mich auf an einen ganz anderen Ort, dorthin, wo jene Zuflucht suchen, denen nichts geblieben ist.

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Ein Becher Tee oder Kaffee, eine warme Mahlzeit, ein sicherer Schlafplatz: Dinge, die für die meisten Menschen selbstverständlich scheinen, sind es für viele eben doch nicht. Auch in Dresden.

Quelle: Archiv

Von Jane Jannke

Die Nachtcafés der Kirchgemeinden geben ihnen Zuwendung und was oft noch viel wichtiger ist: Essen und einen warmen, sicheren Schlafplatz. Ich steige die Stufen zur neuen Zionskirche in der Südvorstadt hinauf. Hier öffnet jeden Freitag das Nachtcafé Zion seine Türen für Obdachlose und Bedürftige. Ohne die Hilfe von 35 Ehrenämtlern sowie Unternehmen und Menschen, die unentgeltlich Lebensmittel und Dienstleistungen vom Brot bis zur medizinischen Behandlung zur Verfügung stellen, undenkbar. Auch die DNN-Leser, die für "Dresdner helfen Dresdnern" spenden, helfen mit, denn ein Teil der Gelder kommt diesen Oasen der Menschlichkeit zugute.

Gerd Grabowski, der ehrenamtliche Leiter, begrüßt mich. "Sie wollen uns heute also unterstützen, sehr schön." Ich will. Einen Abend lang Essen zubereiten, servieren, Geschirr spülen - bis keiner mehr hungrig ist. Bevor Grabowski vor zwei Jahren nach Dresden kam, zog der 65-Jährige die Fäden im Management zweier Unternehmen. Kurz vor der Rente fällt ihm ein Bericht über das Schicksal von Obdachlosen in die Hände, der ihn betroffen macht - "ein Schlüsselerlebnis", wie er sagt. "Vieles wird heute nach Biografie entschieden. Wer aus einer sozial schwachen Familie kommt, hat von vorn herein schlechtere Chancen", erklärt er, während er mir die sanitären Einrichtungen und den "Schlafsaal" für die Gäste zeigt - ein Tagungsraum. Bis zu 20 Menschen finden hier Platz. Grabowski ist mir sympathisch. Nicht jeder, der auf der Sonnenseite des Lebens zu Hause ist, würde sich so nah an das Elend anderer heranbegeben.

Christa und Renate, meine beiden Kolleginnen, haben schon Routine. Beide sind rüstige 75. Seit drei Jahren schmeißen sie gemeinsam jeden Freitag hier den Laden, Renate ist sogar schon seit 15 Jahren dabei - auch, wenn jetzt der Arm manchmal streikt. "Das möchte ich nicht mehr missen", sagt die frühere Drogistin. Hier kann sie Menschen etwas Gutes tun. Kinder hat sie keine, der Mann ist lange verstorben. Christa hat eine Enkeltochter in Kapstadt. "Sie arbeitet dort in einem Waisenhaus und sagt mir immer, wie stolz sie auf das ist, was ich hier mache", erzählt sie und schnibbelt dabei besonders liebevoll Paprika und Gurken für den Salat.

Unser Reich ist die Küche direkt neben dem Speisesaal. Zahlreiche fleißige Helferlein haben bereits ganze Arbeit geleistet. Körbe mit frischem Obst und Gemüse, Brot und Brötchen stehen da und warten darauf, verwertet zu werden. Händler und die Dresdner Tafeln machen es möglich. "Das meiste wäre sonst im Müll gelandet", sagt Reinhard Voigt und lupft ein Tuch. Der Duft von Brot und Kümmelstangen strömt in den Raum. "Vom Bäcker Uhlig, alles frisch." Voigt koordiniert das Nachtcafé Zion seit drei Jahren hauptberuflich. Jeden Tag der Saison, die bis Ende März geht. Seine Stelle wurde bis dieses Jahr vom Bundesprogramm Kommunal-Kombi finanziert, jetzt muss ihn die Zionskirchgemeinde bezahlen.

Renate reicht mir Brett und Messer. "Dann können Sie ja gleich mal die Radieschen machen", ruft sie mir energisch zu. Ich lege los. Es ist ein seltsames Gefühl, für Menschen zu kochen, die einem völlig fremd sind. Aber ein gutes. Ich achte darauf, dass jeder Schnipsel in die Schüssel kommt. Wir müssen uns sputen, denn draußen im Speisesaal sitzen schon Gäste. "Wann gibt's Essen?", tönt es herein. Für einen Moment kämpfe ich mit gut gehegten Vorurteilen: Werden sie unangenehm riechen oder betrunken sein? Wird einer Ärger machen? Rudi* schaut herein, ein schmächtiger älterer Mann. Sein Haar ist grau und strähnig, seine Kleider haben schon bessere Zeiten gesehen. Er grüßt freundlich, möchte Kaffee. Der Anblick seiner bloßen Füße erschreckt, denn sie sind mit wunden Ekzemen übersät. Renate fängt ihn an der Tür ab, denn die Küche ist für Gäste tabu - aus hygienischen Gründen. Zwar können sie im "Zion" duschen und ihre Kleidung waschen, doch längst nicht alle nutzen diesen Service.

Um halb neun ist der Speiseraum gut gefüllt. Ich staune. Alles läuft gesittet ab. Man kennt sich meist. Manche kommen nur zum Essen, andere bleiben über Nacht. Wieder andere kommen der Geselligkeit wegen - wie Tina*, die eine eigene Wohnung hat.

Während Renate geschäftig mit den Kasserollen rasselt und ich mittlerweile Orangen für den Obstsalat hecksle, erzählt mir Reinhard vom Leben auf der Straße: " Für die meisten ist es Alltag. Oft wollen sie gar nicht mehr zurück in eine Wohnung." Viele seien krank - physisch wie mental - und auf Medikamente angewiesen. Eine Ärztin steht daher auf Abruf bereit - ehrenamtlich, versteht sich, denn die meisten Obdachlosen haben keine Krankenversicherung. Der grassierende Alkoholismus besiegelt oft das Schicksal als Ausgestoßener. Im "Zion" ist Alkohol streng verboten. Die meisten respektieren das. Trotzdem gibt es immer mal wieder Stress deswegen. Hinter dem Abstieg stehen die unterschiedlichsten Geschichten. Neben Migranten, Wendeverlierern und Aussteigern sitzen ehemalige Selbstständige. Leo* ist eigentlich Mathematiker. Jetzt wartet er draußen auf das Abendessen. Reinhard versucht ihn zum Duschen zu bewegen, denn der Geruch, den er ausströmt, treibt selbst die erfahrene Renate auf die Barrikaden. Vergeblich.

Der Hauptgang schmurgelt in der Röhre - ein saftiger Rinderbraten. Renate kostet die Sahnesauce, bevor ich sie gleichmäßig über die Fleischstücke verteile: "Ein bisschen salzig heute", urteilt sie fachmännisch. Ich finde sie gut. Zum Braten gibt es Mischgemüse und Kartoffeln. Das Essen stammt wie immer aus der Mensa der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Immer mal wieder lugt nun ein Gast zu uns herein: Man hat mich entdeckt, ein neues Gesicht. Einer fragt nach Bettwäsche für sein Lager, denn die, die man ihm gegeben hat, ist zerschlissen. Ordnung muss sein - auch, wenn man auf der Straße lebt.

Als ich später Renate und Christa beim Auftafeln helfe, stellen sich alle brav in einer Reihe an. "Noch ein bisschen mehr Gemüse", bitten viele, doch meist muss ich ablehnen, denn Gemüse ist heute nur wenig da, und bis nachts können immer noch Menschen kommen. Ich vertröste sie mit besonders viel leckerer Sauce. Das wenige, was übrig bleibt, landet auf unseren eigenen Tellern. Wir essen gemeinsam mit den Gästen, und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, ihnen etwas wegzunehmen.

Später besorgen Christa und ich den Abwasch, während Renate mit der schon deutlich dezimierten Gästeschaft eine Partie Mensch-ärgere-dich-nicht spielt. Inzwischen sind wir per Du. Reinhard kommt abgekämpft von draußen herein. "Ich musste grad vier junge Leute mit Hund wegschicken. Hund geht hier nicht, die sind draußen gewohnt", erklärt er und kämpft mit seiner beschlagenen Brille. Und wohin dann mit ihnen? "In die Maxim-Gorki-Straße." Dort gibt es ein Obdachlosenheim. Ob sie dort allerdings kurzfristig unterkommen, ist fraglich.

Es ist schon nach Mitternacht, als ich mich verabschiede. Aus dem Tagungsraum dringt wohliges Schnarchen, der Wäschetrockner rattert. Ich gehe nachdenklich nach Hause. Ein Beutel Brötchen ist mein Lohn für fünf Stunden Arbeit - ein guter Lohn, wenn man bedenkt, dass ich nun in eine warme Wohnung zurückkehre und helfen konnte, 20 Menschen ein wenig Glück zu spenden. Unterwegs spricht mich ein Obdachloser an, er sucht das "Zion". Früher wäre ich vielleicht abwehrend weitergegangen. Nun weise ich ihm geduldig den Weg. Ins Warme.

*Name von der Redaktion geändert

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.12.2012

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