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Eckart König, scheidender Leiter der Telefon-Seelsorge Dresden, im Interview

Machtlos hilfreich Eckart König, scheidender Leiter der Telefon-Seelsorge Dresden, im Interview

1988 hatte Eckart König zum ersten Mal den Hörer bei der Ökumenischen Telefon-Seelsorge Dresden in der Hand. Im Februar geht der 64-jährige Radebeuler in den Ruhestand. Er gibt das Amt des Leiters der Telefon-Seelsorge ab an Michael Heinisch. Im Gespräch mit Tomas Gärtner zieht er Bilanz.

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Eckart König (li.), der bisherige Leiter der Ökumenischen Telefon-Seelsorge Dresden, gibt den Hörer Anfang Februar ab an Michael Heinisch. Foto: Dietrich Flechtner

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. 1988 hatte Eckart König zum ersten Mal den Hörer bei der Ökumenischen Telefon-Seelsorge Dresden in der Hand, die jetzt seit 30 Jahren existiert. Im Februar geht der 64-jährige Radebeuler, Diplomingenieur für Energieumwandlung, später Sozialarbeiter, in den Ruhestand. Er gibt das Amt des Leiters der Telefon-Seelsorge ab an Michael Heinisch. Im Gespräch mit Tomas Gärtner zieht König Bilanz.

Wie ging es Ihnen beim ersten Mal am Hörer?

Ich fragte mich: Werde ich helfen können? Es war ein sehr unsicheres Gefühl. Aber zum Glück hatten wir erfahrene Telefonseelsorger an unserer Seite.

Gab es mal eine belastende Situation?

Angst macht einem, wenn jemand sagt: Ich habe keine Kraft mehr zum Leben. Für mich war es einfacher, mit einsamen Menschen zu sprechen oder wenn es um Beziehungsprobleme ging.

Hatten Sie auch mal den Eindruck: Jetzt habe ich jemandem helfen können?

Da ist kein Druck, dass ich irgendwas bewirken muss. Wenn ich merkte, dass aus einem Knoten ein Gespräch wurde und der Faden weitergesponnen werden konnte, war ich zufrieden.

Was kann ein Telefonseelsorger tun?

Ich kann in der Regel nur mit aushalten, den anderen anhören. Der Rest ist Geschenk. Beginne ich was zu wollen, habe ich das Gefühl von Krampf. Dann entsteht eine Drucksituation, die auch dem Anrufenden nicht gut tut.

Wo liegen die Grenzen?

Man kann keine Ratschläge geben. Man kann den anderen nicht verändern, die Situation nicht beeinflussen. Letztlich ist es gut, wenn der Anrufer ein Gegenüber hat, der so zuhört, dass eine eigene Lösung entsteht. Als Telefonseelsorge sind wir zwar hilfreich, aber auch machtlos.

Ist die Anonymität der Telefongespräche Vorteil oder Nachteil?

Die bei uns anrufen, sind Menschen, die sagen: Ich brauche einen geschützten Raum, ich möchte nicht erkannt werden. Ich möchte Dinge ansprechen können, die vielleicht peinlich sind, die mit Scham zu tun haben, die ich niemandem erzählen würde, den ich kenne.

Wie unterscheiden Sie ernsthafte Anrufer von schlechten Scherzen?

Zunächst nehmen wir jeden Anruf unvorbelastet an. Aus einem ernsthaft klingenden Beginn kann sich ein Scherzanruf entwickeln. Aus einem anfänglichen Scherzanruf kann sich aber auch ein Gespräch entwickeln, wo der Ernst erst allmählich deutlich wird.

Verfolgen Probleme der Anrufer Sie nach dem Dienst weiter?

Wenn ich das Gefühl hatte, ich konnte nicht in angemessener Weise damit umgehen. Ich muss mir immer wieder klar machen, dass es Lebenssituationen gibt, die andere Menschen gerade schwer aushalten, aber ich muss mich davon lösen und mein Leben bewältigen.

Hatten Sie mal Angst um einen Anrufer?

Viele Mitarbeiter kennen das, dass man Angst hat, was aus einer Suizidandrohung geworden ist. Mir hat mal eine Frau angekündigt, wo sie runterspringen will. Ich konnte ihre Ausweglosigkeit verstehen. Aber ich konnte sie weder retten noch wollte sie, dass man sie rettet. Angst habe ich auch, wenn Leute immer wieder anrufen, wenn sich etwa eine psychische Erkrankung verdichtet. Große Sorgen mache ich mir, wenn einer ankündigt, einem anderen schaden, jemanden vergewaltigen oder gar umbringen zu wollen.

Wie Sie in solchen Fällen handeln?

Haben wir einen konkreten Hinweis auf eine geplante Straftat, die Leib und Leben eines anderen gefährdet, müssen wir das melden.

Was sind die Besonderheiten der Telefon-Seelsorge?

Seelsorge ist weiter gefasst als Beratung. Sie besteht im Mittragen, Halt Geben, Verstehen. Das Christliche ist zum einen, dass evangelische und katholische Kirche uns tragen. Und es sitzen Leute mit christlichem Menschenbild am Telefon, um ihren Mitmenschen zu helfen. Zum anderen sagen wir: Was ich nicht leisten kann, trägt Gott.

Welche Veränderungen haben Sie in jüngster Zeit beobachtet?

Man weiß manchmal nicht, woran leiden die Anrufenden wirklich? Sie versuchen, sich durch Reden innerlich zu befreien. Viele rufen uns an, wollen angehört werden, sind aber nicht gesprächsfähig. Sie reden. Gibt man ihnen aber Resonanz, hören sie es gar nicht. Dann wird es zur Einbahnstraße. Einige kippen lautstark Beschimpfungen über uns aus oder äußern so einen allgemeinen Frust über die Ungerechtigkeit der Gesellschaft.

Tomas Gärtner

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