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Drohendes Ende der Berufshaftpflicht - Dresdner Hebammen fürchten um Existenz

Drohendes Ende der Berufshaftpflicht - Dresdner Hebammen fürchten um Existenz

Das Hebammenhaus auf der Louisenstraße in Dresden und mit ihm alle freien Hebammen in Deutschland bangen um ihre Existenz. Der Grund: Die Nürnberger Versicherung hat als letzter Versicherer angekündigt, dass sie zum 1. Juli 2015 aus der Haftpflicht für Hebammen aussteigen wird.

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Quelle: dpa

Da für alle Hebammen ein Zwang zur Haftpflicht besteht, kommt das einem Berufsverbot gleich. Steffi Möller, Hebamme im Hebammenhaus auf der Louisenstraße, ist traurig und wütend.

„Unser ganzes Team ist in Aufruhr. Bislang war nicht klar, wie es nach dem 1. Juli diesen Jahres weitergehen würde, jetzt hat die Versicherung immerhin den Vertrag bis 2015 verlängert. Doch danach ist Schluss. Sollte es dann wirklich keine Haftpflichtversicherung mehr geben, steht unser Geburtshaus vor dem Aus“, so Möller. Das Verheerende sei, dass so den Frauen die Freiheit zur Gestaltung einer ihrer wichtigsten Krisen, der Geburt, genommen werde, so die Hebamme. Als Grund für das drohende Ende der Haftpflichtversicherung nannte der Versicherer die steigenden Regresskosten. Kommt es bei einer Haus- oder Geburtshausgeburt zu einem Geburtschaden am Kind, kann der Regressanspruch schnell in die Millionen gehen. Wenn ein Kind beispielsweise durch mangelnde Sauerstoffversorgung unter der Geburt geschädigt bleibt, muss die Versicherung für lebenslange Betreuung, Pflege und Lebensunterhalt aufkommen.

Peter Lames, Richter am Oberlandesgericht Dresden und SPD-Stadtrat, sieht in einer sozialrechtliche Variante die Lösung des Problems. „Eltern, die gern eine Haus- oder Geburtshausgeburt wünschen, müssten einfach eine höhere Summe dafür zahlen, damit sich die Hebammen die hohen Prämien leisten können.“ Für Marlen Lorenz, 2. Vorsitzende des Sächsischen Hebammenverbandes, ist es wichtig zu betonen, dass nicht die Anzahl der Schadensfälle gestiegen sind, sondern die Kosten im Falle eines Geburtsschadens. Gründe dafür sind die besseren medizinischen Bedingungen und damit die gestiegene Lebenserwartung.

Nach Angaben des Hebammenverbandes haben sich die Haftpflichtprämien in den letzten Jahren mehr als verzehnfacht. Lag die Jahresprämie 2002 bei 453 Euro, sind es inzwischen rund 4500 Euro. Bisher konnte eine werdende Mutter frei wählen, ob sie im Geburtshaus, Zuhause in Begleitung der Hebamme oder in einer Klinik entbinden wolle. Diese Freiheit gibt es dann nicht mehr. Auch auf Beleghebammen, auf die Vor- und Nachsorge, die Hausbesuche bei den frischgebackene Eltern und die Beratung durch Hebammen müssen die Familien dann verzichten. „Der Staat muss sich in diesem Jahr überlegen, ob Hebammen einen gesellschaftlichen Auftrag haben oder nicht“, so Möller.

Eindeutig die Politik in der Pflicht sieht auch die Dresdner Hebamme Claudia Lenz aus der Hebammenpraxis Dresden-Plauen. „Es ist an der Zeit, dass der Staat in die Thematik eingreift. Gerade in Dresden gibt es jetzt schon zu wenig Hebammen“, so Lenz. In Dresden würden so viele Kinder zu Welt kommen, dass die Krankenhäuser zum Teil überlastet wären. Auch der Sächsischen Hebammenverband warnt vor einer Überlastung der Krankenhäuser. „Wenn die Frauen nicht mehr die Wahl zwischen einer Geburt zuhause, im Geburtshaus oder in einer Klinik haben, müssen sie alle im Krankenhaus entbinden. Uns ist nicht klar, wie die Kliniken diesen Ansturm bewältigen sollen“, so Lenz.

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Mit einem Protestpicknick machten Dresdner Hebammen und junge Familien am Internationalen Hebammentag auf die drängenden Probleme der Geburtshelferinnen aufmerksam.

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„Wir haben uns damals bewusst für die Entbindung in einem Geburtshaus entschieden. Uns war der persönliche Kontakt und die Ruhe fernab vom Kliniktrubel wichtig“, erzählt Nicole Wehmer, Mutter des inzwischen zweijährigen Linus. "In den Wochen nach der Geburt konnte ich meine Hebamme jederzeit anrufen. Egal ob zu Fragen des Stillens oder des Gewichts des Babys, die Hebamme kam Tag und Nacht vorbei“, so Wehmer. „Der Beruf der Hebamme ist soviel mehr als eine bloße Geburtshelferin – ohne sie könnte ich mir ein zweites Kind nicht vorstellen“, so die junge Mutter. Auch bisher arbeiten Hebammen schon in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation: „Im Schnitt betreuen freie Hebammen eine Geburt pro Monat, nur um die Haftpflichtversicherung zu bezahlen“, berichtet die Dresdner Hebamme Möller.

Auch Hebamme Lenz bestätigt den großen finanziellen Druck. „Ich habe vor meiner Elternzeit als Beleghebamme gearbeitet, also die Frauen zur Geburt ins Krankenhaus begleitet – ich musste hohe Versicherungssummen bezahlen“, berichtet Lenz. Rund 5000 Euro musste sie bisher allein an Haftpflichtversicherung pro Jahr bezahlen. Viel Geld, wenn man bedenkt, dass eine Hebamme für die Begleitung einer Geburt 270 Euro brutto bekommt. Auch der psychische Druck, unter dem die Hebammen arbeiten, ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. „Durch den fehlenden politischen Rückhalt, der sich an der ungelösten Haftpflichtproblematik zeigt, haben wir immer mehr Angst, einen Fehler zu machen. Und wer unter Druck arbeitet, arbeitet automatisch schlechter“, bedauert Möller.

Julia Vollmer

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