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Dresdner suchen Lücken im Internet der Dinge

Der Dieb 2.0 klaut per App statt per Dietrich Dresdner suchen Lücken im Internet der Dinge

230 Spezialisten von T-Systems MMS sind in Dresden nur damit beschäftigt, Tag für Tag die digitalen Systeme von Kunden durchzutesten und Schwachstellen im Internet der Dinge zu finden.

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Quelle: Heiko Weckbrodt

Dresden. Der Lockpicker weiß genau: Jetzt muss es schnell gehen, sonst werden Passanten auf den Fahrrad-Klau aufmerksam. Doch Thomas Haase ist Profi. Während Minister Fritz Jaeckel gebannt zuguckt, schnappt er sich einen Auto-Scheibenwischer, zieht zwei dünne Stahlbänder heraus, falzt Winkel in die Enden, steckt sie ins Schlüsselloch. Er schiebt und ruckt – und nach Sekunden nur dreht sich der Schließzylinder. Das angeblich so sichere Schloss ist geknackt.

Das Ganze mag nur eine Trockenübung sein, doch im Staatskanzlei-Chef ist der Ehrgeiz entfacht. Auch er will mal ein „Lockpicker“, ein Schlossknacker sein. „Da gibts richtige Weltmeisterschaften“, erzählt Spezialist Haase mit einem feinen Lächeln, während sich der CDU-Politiker eifrig, aber vergeblich an Stahl und Schloss abmüht. „Der Weltrekord liegt bei ein, zwei Sekunden, glaub ich.“

Aber eigentlich sei das ja ohnehin eher Diebes-Handwerk von gestern, sagt Haase, legt die Scheibenwischer beiseite und klappt zwei Notebooks auf. Auf einem Großbildschirm an der Wand flimmert plötzlich eine Weltkarte voll leuchtender Punkte, geballt vor allem in Europa und Nordamerika: Fahrräder rund um den Erdball, die mit elektronischen Schlössern gesichert werden. Die haben meist Bluetooth- oder WLAN-Empfänger eingebaut. Nähert sich der Fahrradbesitzer, erkennt das Schloss das Smartphone anhand eines eindeutigen ID-Signals und entsichert sich. Aber mit ein paar Tricks und einem präparierten Notebook in der Nähe können Hacker diese Funksprüche zwischen Schloss und Smartphone abhöre. Und so ist es für Haase, den Lockpicker 2.0, ein Leichtes, auch diese Schlösser und deren Alarmanlagen binnen Sekunden zu knacken.

Zum Glück für alle Radler in Sachsen ist Thomas Haase kein echter Fahrraddieb, sondern Chef eines Sicherheits-Testteams in der „T-Systems Multimedia Software“ (MMS). Rund 1700 Mitarbeiter hat diese Softwareschmiede, 1300 davon in Dresden – damit ist sie einer der größten Arbeitgeber in der sächsischen Landeshauptstadt. In dieser Belegschaft sind 230 Spezialisten nur damit beschäftigt, Tag für Tag die Systeme von Kunden durchzutesten, Schwachstellen zu finden und Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Haases Team hat sich auf ein noch junges digitales Pflänzchen fokussiert: das „Internet der Dinge“. In diesem „Internet of Things“ (IoT) soll sich künftig nahezu alles vernetzen, in das man einen Chip und einen WLAN-Funksender hineinbauen kann: Smartphones und Notebooks natürlich, aber auch Autos, Kühlschränke, Roboter... Wie es um die Sicherheit dieser „Dinge“ bestellt ist, testet Haases 30-köpfige IoT-Abteilung. Die Nerds checken nicht nur aus, ob und wie schnell sich ein elektronisches Fahrradschloss knacken lässt, sondern fischen auch nach Schwachstellen in neuen Fitness-Armbändern oder anderen vernetzten Elektronikgeräten und Programmen.

Und sie fahnden nach Schwachstellen in „Smart Homes“ – jenen vernetzten Häusern also, in denen sich alles von der Heizung über die Klimaanlage bis zum Fernseher und Türschloss per Smartphone fernsteuern lässt. Die Fernsteuer-Oberflächen mancher dieser angeblich so „schlauen“ Häuser sind noch nicht einmal durch ein Passwort geschützt, verrät Haase. Zum Beweis öffnet er die Web-App solch eines ungesicherten „Smart Homes“: Wenige Mausklicke von ihm würden jetzt genügen, um durch die Sensoren im Haus zu ermitteln, ob die Luft „rein“ ist und einem diebisches Kompagnon draußen alle Türen zu öffnen.

Eine andere MMS-Abteilung in dem sanierten Industriekomplex an der Riesaer Straße beschäftigt sich mit einem Teil-Segment des Internets der Dinge, der „Industrie 4.0“. Um die Datensicherheit und Zuverlässigkeit dieser fast menschenleeren, hochautomatisierten vernetzten Fabriken der Zukunft schon heute auszuloten, haben die Dresdner Tester eine Automaten-Taktstraße im Tischformat mit Legosteinen nachgebaut. Rund 6000 Euro hat die farbenfrohe und voll funktionsfähige Modellfabrik gekostet.

Erste Ergebnisse habe man mit Lego-Hilfe auch schon erzielt, sagt MMS-Spezialist Max Freudenberg: Mit Hilfe der kleinen bunten Bausteine aus Dänemark und viel Programmierarbeit ist es seinem Team gelungen, die Fertigungsfortschritte der Fabrik in Echtzeit zu visualisieren und sichere Rechnerwolken-Konzepte („Cloud“) zu entwickeln, um Industriespionage per Internet auszuschließen.

Die Unternehmensleitung rechnet sich Großes von diesen neuen Geschäftssektoren aus: „In Zukunft sollen IoT und Industrie 4.0 etwa 30 Prozent unseres Umsatzes ausmachen“, kündigte Frank Schönefeld von der MMS-Geschäftsführung an. Erste größere „Industrie 4.0“-Aufträge seien bereits eingegangen, zum Beispiel für das Flottenmanagement von Sattelschlepper-Speditionen.

Schönefeld rechnet daher damit, dass neben Online-Verkauf, Sicherheits-Checks, Beratung und anderen Treibern bald auch schon IoT und Industrie 4.0 zum Unternehmens-Wachstum beitragen werden. Im vergangenen Jahr hatte die Dresdner Software-Schmiede rund 154 Millionen Euro umgesetzt. In diesem Jahr werde der Umsatz voraussichtlich um ein weiteres Zehntel zulegen prognostizierte Schönefeld. Und ein Ende des Wachstums von MMS in Dresden ist nicht absehbar.

t-systems-mms.com

Von Heiko Weckbrodt

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