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Dresdner arrangieren sich mit der Eiseskälte: Bei 15 Grad Minus auf dem Markt

Dresdner arrangieren sich mit der Eiseskälte: Bei 15 Grad Minus auf dem Markt

Monika Brozowski wühlt auf dem Dresdner Lingnermarkt in ihren Strumpfhosen. "Die müssen'se anziehen, da frieren se ni mehr", sagt sie triumphierend und zieht ein schwarzes Thermo-Exemplar hervor.

Dresden.

Dann schließt sie ihren Lieferwagen auf und gewährt einen Unterschlupf zum Überziehen. Langsam wärmen sich die wie Eisklumpen anfühlenden Beine wieder auf. Nur die Füße - sind die überhaupt noch dran - sind irgendwie nicht mehr zu spüren. Monika Brozowski muss fast ein bisschen Lächeln. Dann zeigt sie ihre eigenen in Socken gepackten Füße, die nur in Sandalen stecken. "Lammfell", erklärt die Händlerin. "Lammfell, mehr brauchen'se bei der Kälte ni". Die Händlerin aus Radebeul weiß, wovon sie redet. Sie ist Minusgrade mittlerweile gewohnt. Seit über 20 Jahren kommt die gebürtige Wienerin bei Wind und Wetter mit dem "Sockenparadies" auf den Lingnermarkt. "Wir frieren nicht, wir sind angezogen wie eine Zwiebel", sagt sie mit einem robusten Lachen. Insgesamt fünf Schichten trage sie heute.

Zwiebel hin, Zwiebel her - einen Markttag ohne seine Gasheizung kann sich Gewürzhändler Martin Groth überhaupt nicht vorstellen. Dazu gibt es heißen Tee und warme Gedanken, erklärt er. Außerdem sei das mit der Kälte alles nur Gewohnheitssache. "Die ersten Tage sind schlimm, jetzt geht es aber", erklärt der Händler aus Annaberg tapfer. Bei Minus 20 Grad ist auf dem Lingnermarkt am Hygienemuseum nur noch das Stammpublikum unterwegs. Dies zeigt sich jedoch unerschrocken. "Ich habe den Winter 1987 mit Minus 25 Grad erlebt, dagegen ist es heute warm", erklärt Tilo Bär aus Mockritz stolz. Das Wetter konnte weder ihn noch seine Frau davon abhalten, wie gewohnt seine Runde auf dem Markt zu drehen und Gemüse einzukaufen. Allerdings trifft Bär seinen Händler nicht. Viele Verkäufer sind nicht gekommen, weil das Obst und Gemüse erfrieren kann. Nur Andrea und Helfried Gerstenberg sind mit Lieferwagen angereist und verkaufen ihre Ware aus dem warmen Auto heraus. Weil die anderen Gemüsehändler nicht da sind, klingelt das Geld in der Kasse.

Steigende Umsätze bei Mützen

Auch die Händler in der Innenstadt freuen sich über steigende Umsätze. Blieben sie bisher eher auf Wintermänteln, Mützen und warmen Stiefeln sitzen, sind warme Klamotten jetzt gefragt. Seit einer Woche läuft in Sachsen der Winterschlussverkauf. "Die Nachfrage nach warmer Kleidung ist groß", sagte René Glaser vom Handelsverband Sachsen. Auch Ski, Schlitten und Sportartikel verkauften sich gut. Steigende Umsätze kann Joszef Janes aus Kamenz an seinem Fellwarenstand auf dem Lingnermarkt allerdings nicht vermelden. "Die meisten Menschen denken, nächste Woche ist wieder Frühling", erklärt Janes. Sie seien dann nicht mehr bereit mehr als 20 Euro für eine Mütze aus Lammfell hinzulegen. Auch Händler Janes schwört auf Lammfell. Deswegen hat er wie Martina Brozowki seine Füße in Lammfell-Socken eingepackt.

Auf der Elbe sorgen die frostigen Temperaturen unterdessen für Probleme: Ein Eisbrecher muss die Elbhäfen in Dresden, Riesa und Torgau frei- halten. "Sie sind mit einer bis zu zehn Zentimeter dicken Eisschicht bedeckt", sagte der Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Dresden, Klaus Kautz. Gestern Morgen brach das Spezialschiff Eisbrocken am Schutzhafen in Dresden-Pieschen auf, am Mittag wurde der Riesaer Hafen geräumt. Eisschollen auf der Elbe behindern zunehmend auch die Schifffahrt. "Einige Fähren wurden bereits eingestellt", sagte Kautz. Güterschiffe seien derzeit aber noch unterwegs. Mit dem kompletten Erliegen des Schifffahrtsbetriebes auf der Elbe, sei in den nächsten Tagen zu rechnen, so Reinshagen.

Warnung an Schlittschuhläufer

Umweltminister Frank Kupfer (CDU) warnte unterdessen vor Eishochwasser. Auf Flüssen, Seen und Talsperren hätten sich mittlerweile Eisschichten gebildet. Aufbrechendes und angeschwemmtes Eis könne den Abfluss behindern und zu Überschwemmungen führen. Vor allem Engstellen wie Brücken oder Wehre seien gefährdet. Zudem warnte der Minister davor, zugefrorene Eisflächen zu betreten. Wegen des schwankenden Wasserspiegels sei das Eis vielerorts nicht tragfähig, hieß es. Dennoch ließen sich viele Schlittschuhläufer davon nicht abhalten - sie waren in den vergangenen Tagen etwa auf dem zugefrorenen Großteich vor dem Schloss Moritzburg unterwegs.

Auf den Schienen ist kaum mit kältebedingten Verspätungen zu rechnen. "Unsere Lokomotiven und Wagen sind vor dem Winter gewartet worden", sagt Änne Kliem von der Deutschen Bahn. Mehr als 70 Millionen Euro habe die Bahn bundesweit investiert, um besser als im letzten Jahr auf den Winter vorbereitet zu sein. Damals waren Züge teilweise auf offener Strecke liegengeblieben. Während in Leipzig die Möglichkeit besteht Triebwagen in einer großen Halle abzutauen, sind in Halle und Magdeburg Abtauzelte mit Heizlüftern entstanden. "Wir sehen uns gut gerüstet und gehen von einer stabilen Verkehrslage auf der Schiene aus", so Kliem.

Sachsens Wintersportgebieten kommt die knackige Kälte gelegen. "Wir haben Schnee und Sonne, also perfekte Bedingungen", sagt der Geschäftsführer der Schwebebahn in Oberwiesenthal, René Lötzsch. Selbst von der Eiseskälte ließen sich die Wintersportler nicht abhalten. Immerhin herrschten am Tag Temperaturen von minus 10 Grad. Aus anderen Bundesländern sind bereits die ersten Feriengäste ins Erzgebirge gereist. Auch das Skigebiet Altenberg erwartet an diesem Wochenende einen Besucheransturm. 15,5 Kilometer Abfahrtspiste, 30 Kilometer gespurte Loipen und ebenso viele Ski- und Wanderwege warten auf die Wintersportler.

In Deutschland erfroren in den vergangenen Tagen mehrere Menschen. Am Freitag entdeckte eine Frau einen toten 53-Jährigen in Großwirschleben (Sachsen-Anhalt). Der Mann dürfte laut Polizei betrunken mit seinem Fahrrad nach Hause gekommen, vor dem Eingang gestürzt und liegengeblieben sein. Die Polizei geht nach derzeitigem Stand von einem Kältetod aus. Bereits am Donnerstag war in Magdeburg ein Obdachloser erfroren.

Alkoholrausch ist gefährlich

Menschen mit Unterkühlungen und Erfrierungen seien nach Angaben der Dresdner Krankenhäuser bislang nicht eingeliefert worden. "Nach unserer Erfahrung, gibt es in Dresden erst bei längeren Kälteperioden Probleme", erklärt Rainer Fruth, Oberarzt in der Notaufnahme des Krankenhauses Neustadt. Dann würden wohnungslose Menschen in den Notunterkünften oft einen "Lagerkoller" bekommen, die Flucht ergreifen und sich dem Risiko der immensen Minusgrade aussetzen. Fruth warnt zudem vor übermäßigen Alkoholkonsum. "Wer betrunken draußen einschläft, kann bewusstlos werden und setzt sein Leben aufs Spiel."

Bürger, die durch die Kälte in Notlagen geraten, können sich an die Rettungsleitstellen wenden. Dresden: 112, Pirna: 03501/ 49180, Dippoldiswalde 03504/ 19222.

Kältehoch "Cooper" sorgt weiter für eisige Temperaturen. Eisbrecher müssen die Elbe freihalten. Schlittschuhläufer erobern Seen und Teiche und die Händler vom Lingnermarkt wappnen sich mit Lammfell. Doch es gab auch schon zwei Tote in Sachsen-Anhalt. Von Katrin Tominski

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.02.2012

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