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Dresdner TU-Wissenschaftler erforschen, wie wir uns besser mit der Energiewende anfreunden können

Dresdner TU-Wissenschaftler erforschen, wie wir uns besser mit der Energiewende anfreunden können

Die deutsche Energiewende sei auf einem guten Weg, haben Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und sein Kollege aus dem Wirtschaftsressort, Philipp Rösler (FDP) bei der Vorlage des ersten Monitoring-Berichtes "Energie der Zukunft" im Dezember des vergangenen Jahres betont.

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"Wissen schafft Nachhaltigkeit" steht in englischer Sprache auf einem blauen Baucontainer. Die Sozialwissenschaftler Adriane Schmidt, Sebastian Thuß und Thomas Meyer (v. l.) gehören zu den zehn Nachwuchsforschern des Boysen-TUD-Graduiertenkollegs, das im Frühjahr 2012 in vier solcher Behelfsbüros sein erstes Domizil hatte. Die Doktoranden sind inzwischen in ein Bürohaus in der Strehlener Straße umgezogen, die Container stehen noch auf dem Dresdner Uni-Campus.

Quelle: Holger Grigutsch

Dennoch dreht sich in der öffentlichen Diskussion fast alles um Pannen beim Netzausbau, Ungerechtigkeiten bei der Verteilung der Kosten und Ablehnung technischer Umsetzungen. Darunter leidet die gesellschaftliche Akzeptanz für das gewaltige Infrastrukturprojekt. An der TU Dresden will eine Gruppe von jungen Forschern helfen, diesen gordischen Knoten zu durchschlagen - auch mit Hilfe der Sozialwissenschaften.

Vom nachhaltig umweltfreundlichen Waschmittel bis hin zu neuen Antrieben für die Raumfahrt reichen die Themen im Graduiertenkolleg der TU Dresden und der Stuttgarter Boysen-Stiftung. Zehn Doktoranden verschiedener Disziplinen beschäftigen sich mit ganz speziellen Fragestellungen zur Energiewende und lassen sich von den Ergebnissen der anderen inspirieren. Die Erwartungen sind hoch. Immerhin wird das Projekt im Rahmen der Exzellenz-Initiative über vier Jahre von der Boysen-Stiftung mit insgesamt einer Million und von der TU Dresden mit mehr als 700000 Euro gefördert.

Wie in der Bevölkerung insgesamt sind auch bei den Betreuern die Ansichten über politische Entscheidungen unterschiedlich. Professor Antonio Hurtado, der auch Vorlesungen über Reaktorsicherheit hält, blickt mit Skepsis auf das hohe Tempo des deutschen Atomausstiegs. Thema seiner Doktoranden ist zum Beispiel, ob die Technologie überhaupt weit genug ist für die ehrgeizigen politischen Ziele und wie Deutschland trotz Energiewende konkurrenzfähig bleiben kann. Für die Professorin Edeltraut Günther, die Betriebliche Umweltökonomie lehrt, kann der Wandel zum nachhaltigen Umgang mit Ressourcen gar nicht schnell genug gehen. Dafür braucht es aber offenbar mehr als Umweltzonen und Verbote. Und der Kommunikationswissenschaftler Professor Wolfgang Donsbach, der die interdisziplinäre Zusammenarbeit als Stärke der Dresdner Universität hervorhebt, sieht die Energiewende aus einem nicht minder interessanten Blickwinkel: Drei Doktoranden, von denen er zwei betreut, beschäftigen sich mit Problemen der gesellschaftlichen Akzeptanz neuer Technologien und wollen dazu beitragen, dass zukünftige Energiesysteme nicht ähnlich polarisieren wie heute Kernenergie oder Gentechnik.

Ob Anreizsysteme für gesellschaftliche Veränderungen nur über den Geldbeutel funktionieren oder auch über andere Formen sozialer Anerkennung, will Donsbachs kommunikationswissenschaftliche Doktorandin Adriane Schmidt herausfinden. Akzeptanz in der Öffentlichkeit sieht sie als eine der größten Herausforderungen bei der Diskussion von möglichen Wegen der Energiewende. Mitte November hat sie in Tunis auf einem internationalen Workshop zur Solarenergie darüber einen Vortrag gehalten. Sie hat auch Gesangspädagogik studiert, weiß also, wie man den richtigen Ton trifft - nicht nur mit Blick auf die Kommunikation. "Argumente müssen auch emotional wirken", sagt sie.

Sebastian Thuß, der Politikwissenschaftler in der Gruppe, hat sich das Geld fürs Studium als Fitnesstrainer verdient. Nun möchte er Politiker fit machen für die Durchsetzung ihrer Entscheidungen. Leider, sagt er, gewinne nicht immer das vernünftigste Argument, sondern oft jenes, das uns am besten in den Kram passt. "In der Politik ist es wie in der Evolution - Fortschritt ist eigentlich nur Anpassung, und die muss nicht unbedingt ideal sein, um erst einmal zu funktionieren", so Thuß. Eine stärkere Beteiligung der Bürger an politischen Prozessen hält er für dringend notwendig und sucht nach kreativen Ansätzen. Es reiche nicht, sagt er, Bebauungspläne für Windkraftanlagen oder Stromtrassen öffentlich auszulegen. Die Akzeptanz für den Infrastrukturausbau kranke aber auch daran, dass überhaupt nicht klar ist, welche Art Energiewende wir eigentlich wollen: "Eine Stromtrasse direkt vor der Haustür möchte niemand gern haben. Wer aber zudem glaubt, diese Trasse sei gar nicht notwendig, weil auch dezentrale Speicher denkbar sind, oder weil in Süddeutschland gar nicht so viel Windstrom aus der Nordsee benötigt wird, wie die Leitungsplaner erwarten, der wird ziemlich sicher sogar dagegen protestieren." Um hier Konsens zu schaffen, seien die politischen Parteien gefordert.

Dass gleich fünf Professoren die Doktorarbeit von Thomas Meyer betreuen, hat wenig mit Fürsorge zu tun. Alle wollen die Daten, die der Sozialwissenschaftler sammelt, wenn er sich ein Bild von der Stimmungslage in Deutschland macht und untersucht, welchen Einfluss zum Beispiel Alter, Bildungsniveau, Vermögensverhältnisse und politische Orientierung auf die Akzeptanz neuer Technologien haben. Dabei kann er auch auf Erfahrungen aus der Mitarbeit am DNN-Barometer zurückgreifen - einer langjährigen Kooperation zwischen den Dresdner Neuesten Nachrichten und der TU-Kommunikationswissenschaft. Erst kürzlich wurde dabei festgestellt, dass die Bereitschaft der Dresdner, im Zusammenhang mit der Energiewende mehr für den Strom zu bezahlen, vor allem von deren finanzieller Situation abhängt (DNN berichteten). Jetzt geht es zwar um Erhebungen für ganz Deutschland - Methodik und erfahrene Interviewer aus dem Dresdner Projekt schätzt Meyer aber als solide Grundlage.

TU-Rektor Professor Hans Müller-Steinhagen hält viel von der interdisziplinären Zusammenarbeit. "Alle paar Jahre gibt es einen Hype um eine neue Hochtechnologie", sagt er. Aber die Leute verstünden diese kaum und befürchteten deshalb, Risiken nicht überschauen zu können. "Nach Bio und Nano", so Müller-Steinhagen, "sind jetzt vielleicht einmal die Sozialwissenschaften gefragt." Damit zielt er auch auf einen handfesten ökonomischen Hintergrund: Kein Unternehmen will das Risiko eingehen, Milliardensummen in die Entwicklung einer Technologie zu investieren, deren Nutzung später an mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz scheitert.

Erste Erfolge zeigt die Zusammenarbeit von technischen und sozialwissenschaftlichen Disziplinen bereits: "Manchmal ist zwei plus zwei eben doch fünf", sagt Onkar Dixit, der sich in seiner Doktorarbeit mit der Entwicklung CO2-neutraler Energiesysteme beschäftigt. "Wenn ich Leuten von meinem Forschungsgebiet erzähle, verstehen sie das oft nicht", so der aus Indien stammende Diplom-Ingenieur, "Erzählt es ihnen der Kommunikationswissenschaftler mit seinen Worten, dann verstehen sie es. Dabei haben wir doch eigentlich dasselbe gesagt."

Auch wenn Donsbach betont, dem Graduiertenkolleg gehe es vor allem um Grundlagenforschung, werden die Doktoranden ja in den kommenden Jahren vielleicht doch den einen oder anderen hilfreichen Praxistipp für Wirtschaft, Politik oder die Medien liefern können. Bedarf gibt es auf der deutschen Baustelle Energiewende allemal.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.01.2013

Grigutsch, Holger

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