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Dresdner Richterin Birgit Wiegand geht in den Ruhestand

Seit 1981 im Amt: Dresdner Richterin Birgit Wiegand geht in den Ruhestand

1981 hatte Birgit Wiegand ihre erste Verhandlung als Richterin, am Montag sprach sie ihr letztes Urteil. Die Vorsitzende der Schwurgerichtskammer des Landgerichts geht in den Ruhestand, den sie sich hoch verdient hat.

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Birgit Wiegand.
 

Quelle: Monika Löffler

Dresden. 1981 hatte Birgit Wiegand ihre erste Verhandlung als Richterin, am Montag sprach sie ihr letztes Urteil. Die Vorsitzende der Schwurgerichtskammer des Landgerichts geht in den Ruhestand, den sie sich hoch verdient hat. Trotzdem hat sie mit dieser Endgültigkeit so ihre Probleme. Die 65-Jährige würde gern weitermachen. „Es muss ja keine volle Stelle sein und nicht die Schwurgerichtskammer, aber stundenweise noch etwas zu arbeiten, wäre schön gewesen. Ganz aufzuhören fällt mir schwer, dass muss ich schon sagen.“ Es geht nicht. Die gestandene Richterin muss in Pension gehen – so ist nun mal die Regel. Angesichts des Richtermangels könnte man aber mal darüber nachdenken, ob man so einfach auf 35 Jahre Berufserfahrung verzichtet oder vielleicht über eine „Kann-Klausel“ nachdenkt. Wer fit ist und weitermachen möchte, kann dies tun, wer nicht, geht.

Die gebürtige Baden-Württembergerin hat ihren Job von der Pike auf gelernt und kam 1992 nach Dresden, damals noch an das Bezirksgericht – übrigens nicht wegen der sogenannten „Buschzulage“, sondern aus privaten Gründen. 2002 übernahm sie die Schwurgerichtskammer, zuständig für Mord, Totschlag und sonstige Schwerverbrechen. Bei den Delikten geht es nicht um Geld-, Bewährungs- oder kürzere Haftstrafen, da geht es ums Eingemachte, um richtig hohe Strafen, die nicht nur den Angeklagten, sondern auch der Kammer schlaflose Nächte bescheren. Wie viele Jahre Haft sie ausgereicht hat, weiß sie nicht – es dürfte einiges zusammengekommen sein.

Birgit Wiegand hat mit ihren Beisitzern die richtig schweren Jungs und Damen verurteilt – einen Mann, der in Klipphausen eine Frau in ihrem Haus ermordet und eingemauert hatte, den „Kofferbomber“ vom Hauptbahnhof, eine Krankenschwester, die ihren Mann und ihre Mutter getötet und versucht hatte, ihre Großmutter und Patienten in einem Krankenhaus zu vergiften oder Detlev G., den LKA-Beamten, der in seinem Haus im Gimmlitztal einen Hannoveraner auf dessen Wunsch hin getötet und zerstückelt hatte. Ein äußerst bizarrer Fall, der sie ziemlich beschäftigt hat. „Es gibt Fälle, die lassen einen nicht los, die trägt man mit sich herum. Das war alles so schwer nachvollziehbar und auch nicht sehr angenehm, sich solch ein Video anzusehen“, erinnert sie sich. Dass der BGH das Urteil aufhob, ärgert sie. „Ich kann damit leben, dass Urteile zurückkommen, wenn es nachvollziehbar ist. In dem Fall hat mich vor allem der Grund geärgert: Die Begründung habe nicht gefallen.“

Am meisten beeindruckt hat sie der Fall Alex Wiens, der Russlanddeutsche, der während einer Gerichtsverhandlung die Ägypterin Marwa El-Sherbini erstochen und ihren Ehemann schwer verletzt hatte. „Es war ein sehr besonderer Prozess, einmal wegen dieser unfassbaren Tat und zum anderen wegen des ganzen Prozederes, zum Beispiel der vielen Nebenkläger aus dem Ausland.“ Ein Anwalt aus Frankreich, der damals dabei war, schickt ihr noch heute Weihnachtskarten. Ein Kompliment für gute Arbeit.

„Der Prozess gegen den Mörder der Ägypterin war eine Sternstunde des deutschen Rechtsstaats. Die im Ausland aufmerksam verfolgte Verhandlung zeigte, warum vor Gericht auch die Motive des Täters ergründet werden müssen – und warum die Höchststrafe hier gerechtfertigt ist“, schrieb damals der Spiegel. Lob und Dank gibt es in dem Metier nicht oft, dafür gelegentlich derbe Worte. Sie trägt es mit Fassung: „Ich bin im Gericht nicht beleidigbar.“ Berührungsängste hat sie nicht, auch nicht als „Wessi“ mit einem Dresdner Plattenbau.

Fast wäre aus ihrer juristischen Karriere nichts geworden. Nach dem Willen ihres Vaters begann sie ein Lehramtsstudium, merkte aber schnell, dass das nicht ihr Ding war, und entschied sich für Jura – ohne Zustimmung, aber auch ohne finanzielle Hilfe von Papa. „Ich wollte von Anfang an Richter werden. Ich wollte diese Unabhängigkeit. Anwälte sind nicht so unabhängig, sie sind auch ihren Mandanten verpflichtet, Richter nur dem Gesetz.“ Reibereien zwischen Richtern liegen deshalb wohl in der Natur der Sache. Urteile im Schwurgericht sind ja auch keine Einzelentscheidungen, sondern werden von der ganzen Kammer getroffen. „Wir haben manchmal unterschiedliche Ansichten, das wird dann ausdiskutiert.“ Die Kammer bemühte sich stets, neben der Tat auch die Persönlichkeit des Angeklagten offenzulegen, um das Personal in den Haftanstalten zu sensibilisieren und so den Verurteilten die Wiedereingliederung zu erleichtern. „Wir können mit unseren Urteilen nicht die Welt verändern. Wir sind keine Sozialarbeiter, solche Hilfe muss woanders geleistet werden, aber wir können Anstöße geben.“ Liveübertragungen von Gerichtsverhandlungen, wie sie derzeit diskutiert werden, lehnt die 65-Jährige ab. „Ich finde das nicht gut. Die Verhandlungen sind ja öffentlich, da kann jeder hingehen. Aber wenn der Stilberater und die Frisur wichtiger werden als der Fall, sehe ich die Unabhängigkeit gefährdet.“ Auch mit den Rufen nach höheren Strafen hat sie so ihre Probleme. „Es gibt immer ein Strafmaß von bis. Die obere Strafgrenze wird selten erreicht, da muss man also auch nicht die Höchststrafe erhöhen.“ Wichtig wäre ihr dagegen eine schnellere Strafverfolgung. „Die Strafe muss auf dem Fuß folgen, gerade im Jugendstrafrecht. Man schimpft doch mit seinem Kind auch sofort und nicht vierzehn Tage später. Aber manchmal dauern die Ermittlungen eben sehr lange.“

Birgit Wiegand geht zurück nach Süddeutschland, um ihre kranke Mutter zu pflegen und sich selbst auszukurieren, nötige Operationen hat sie immer verschoben. Sie hätte jetzt die nötige Zeit für ihre geliebten Krimis, Reisen zum Indian Summer nach Kanada oder eine Fjordfahrt mit einem Postschiff. Aber sie hat da so ihre Vorstellungen: Lehrbeauftragter an einer Fachschule oder etwas ähnliches. Hauptsache, etwas Sinnvolles tun.

Von Monika Löffler

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