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Dresdner Mediziner forschen nach frühzeitigen Anzeichen für bipolare Störungen

Dresdner Mediziner forschen nach frühzeitigen Anzeichen für bipolare Störungen

Mitte Februar erhielt ein Forschungsprojekt des Dresdner Uniklinikums 4,5 Millionen Euro vom Bund. Ziel ist es bipolare Störungen schneller zu erkennen. Was aber steckt hinter der psychischen Erkrankung? Ein betroffener Dresdner erzählt.

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Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt: Die Krankheit verläuft in extremen Schwankungen zwischen euphorisch und depressiv niedergeschlagen.

Quelle: Grafik: DGBS

Als Martin Hoyer* auf seinem Balkon stand und zum ersten Mal ernsthaft darüber nachdachte, in den Tod zu springen, war ihm klar: "Irgendetwas stimmt nicht mit mir!". Inzwischen ist das etwa fünf Jahre her. Gesprungen ist er damals nicht. Heute weiß der Dresdner, dass ihn damals eine depressive Phase seiner bipolaren Störung beherrschte. "Ich wusste einfach nicht mehr weiter", sagt der 36-Jährige heute.

Etwa zwei bis drei Prozent aller Menschen leiden an einer solchen bipolaren Erkrankung. Nach außen hin scheinen die Patienten entweder extrem gut drauf oder total am Boden zerstört zu sein. Denn manische und depressive Phasen wechseln sich ab. Mit einer simplen Stimmungsschwankung hat das aber wenig zutun. "Die Betroffenen sind nicht etwa launisch, sondern ernsthaft krank", betont Michael Bauer, Direktor des Zentrums für seelische Gesundheit am Dresdner Uniklinikum. Die Gründe für das ständige  Seelenauf und -ab sind bis heute nicht gänzlich geklärt. Die Forschung weiß aber, dass bei den Erkrankten die Botenstoffe, die für das seelische Wohlbefinden in unserem Gehirn sorgen, aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Martin Hoyer überraschte die erste Depression mit Anfang 30. Zunächst verspürte er ein paar Schmerzen im Nackenbereich, dann kam die Erschöpfung. Von einem Arzt wurde er damals zum nächsten weitergereicht, doch die Beschwerden wurden nur noch schlimmer.

Viele Patienten erlebten ihre erste Episode im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Doch meist werde die Störung erst später erkannt - wenn überhaupt. "Es ist immer das gleiche Spiel", sagt Professor Bauer vom Uniklinikum. "In der Regel dauert es etwa acht Jahre bis ein Patient erfährt, was eigentlich los ist", fügt der 56-Jährige hinzu. Noch immer seien psychische Störungen ein Tabuthema, viele Hausärzte zu wenig aufgeklärt. Manche Patienten trauten sich erst gar nicht zum Arzt. Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. (DGBS) schätzt, dass etwa 50 Prozent der Betroffenen nicht um ihre Erkrankung wissen.

Auch aus diesem Grund hat Professor Bauer das Forschungsprojekt "Bipolife" ins Leben gerufen. Gemeinsam mit Wissenschaftlern von der Berliner Charité, aus Bochum, Göttingen, Marburg und Tübingen wollen die Dresdner innerhalb von vier Jahren die mitverantwortlichen Gene und frühzeitige Anzeichen für die Krankheit identifizieren. Im Februar gab Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) bekannt, das von Dresden aus koordinierte Projekt mit 4,5 Millionen Euro zu unterstützen.

Auch Martin Hoyer bemerkte erst spät, dass er nicht einfach nur "gestresst" war. "Auf dem Höhepunkt lag ich zwei Wochen lang nur noch im Bett", berichtet er. Typisch, meint Professor Bauer: "Während der Depression hat der Patient mitunter das Gefühl, die Welt gehe für ihn unter", erklärt der Psychiater. Die Erkrankten würden von Antriebslosigkeit, Selbstzweifeln und Freudlosigkeit dominiert.

"Als ich da auf meinem Balkon stand, hat mich das aufgerüttelt", erklärt Hoyer. Sein Weg führte ihn erstmals in seinem Leben zum Psychiater. Hoyer bekam Antidepressiva und fühlte sich zunächst besser. Der Erfolg war jedoch nur von kurzer Dauer: Drei Wochen darauf überrumpelte ihn die Manie. Unzählige Gedanken schwirrten durch seinen Kopf,völlig überdreht sei er gewesen. "Irgendwann habe ich so richtige Scheiße gebaut", gibt der Dresdner zu. Was genau damals passierte, will der 36-Jährige nicht verraten. Die Staatsanwaltschaft sei wegen des Vorfalls mit ihm in Kontakt getreten, Handgreiflichkeiten seien im Spiel gewesen.

"Die manische Phase ist mindestens genauso gefährlich, wie die Depression", betont Professor Bauer vom Dresdner Uniklinikum. Trotz wenig Schlaf strotzen Patienten nur so vor Energie. Sie sind überaktiv, rastlos und unkonzentriert. Viele neigen zur Selbstüberschätzung. "Mit 200 kmh über die Landstraße, auf der Dachrinne eines fünf-geschossigen Hauses balancieren - sie glauben gar nicht, auf welche Ideen ganz normale Menschen in diesem Zustand kommen", erzählt der Experte. Einige kämen, wie Hoyer auch, mit dem Gesetz in Konflikt.

Erst an diesem Punkt landen die meisten von ihnen dann bei Spezialisten wie Bauer. "Meistens werden sie gebracht - von der Feuerwehr, der Polizei oder Angehörigen", erklärt Michael Bauer. Hoyer war da eine Ausnahme. Er ließ sich nach seinem "Ausrutscher" aus eigenem Antrieb zwei Wochen in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik aufnehmen. Erst dann, viele Monate nach seinen Suizidgedanken, stellten die Ärzte die Diagnose "bipolare Störung".

Dass er in der Klinik zunächst mit Tabletten "völlig zugepumpt" worden sei, habe ihn nicht gestört. "Ich war einfach froh, dass ich endlich wusste, was mit mir nicht stimmte", sagt der Dresdner. "Reden hilft bei Patienten in diesem akuten Stadium leider nicht mehr", gibt auch Professor Bauer zu. Mit so genannten Stimmungsstabilisierern versuchen die Ärzte, die Schwankungen auf einen normalen Level einzupegeln. Heilbar ist die Krankheit nicht. Die meisten Betroffenen schlucken ihr Leben lang Tabletten.

Martin Hoyer geht es inzwischen wieder gut. Zwar erlebe er noch immer manische und depressive Phasen. "Inzwischen kann ich aber sogar während einer Manie zur Arbeit gehen", sagt er. "Für mich ist das ein riesiger Schritt".

*Name von der Redaktion geändert.

Susann Schädlich

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