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Dresdner Lebensläufe: Im Rhythmus mit Gret Palucca

Pianistin aus Dresden-Reick und die Kunst zu improvisieren Dresdner Lebensläufe: Im Rhythmus mit Gret Palucca

Irene Weißing ist ein Energiebündel, nicht nur am Klavier, aber da besonders. Über Jahrzehnte war sie Korrepetitorin für Paluccas Tanzeleven, begeisterte in Dresden mit Improvisationskonzerten und gab ihr Wissen an den Pianistennachwuchs weiter. Heute ist sie 78.

Irene Weißing zu Hause an ihrem Elektro-Klavier. Das muss sein wegen der Nachbarn im Mehrfamilienhaus, sie hat sich daran gewöhnt. Zur Zeit erarbeitet sie sich Rachmaninows 3. Klavierkonzert
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Irene Weißing improvisiert wie eine Teufelin. Rasend schnell greifen die Finger in die Tasten des Flügels, jede Faser ihres Körpers ist gespannt, bereit, die nächste Eingebung in wilde Klangstrukturen zu verwandeln. Quer durch die Musikrichtungen zitiert sie, verfremdet, bündelt, überrascht – trotzdem wirkt alles wie aus einem Guss, als wäre es notiert. Die hohe Schule eben. Noch heute, nach 30 Jahren, haben die Filmaufnahmen ihrer Improvisationskonzerte nichts von all der Kraft eingebüßt, die schon damals das Dresdner Publikum von den Stühlen riss. Die Reihe „(Un)Sichtbare Musik“, die sie damals mit Studenten unterschiedlicher Genres an der Hochschule für Musik veranstaltete, war Kult in Dresden.

„Ohne Heinz gäbe es nichts von mir“, sagt Irene Weißing heute und lächelt, als ihr Ehemann die Filmaufnahme abschaltet und eine Schranktür öffnet, in der sich neben Kästen mit Fotos und Dias weitere Filme und Mitschnitte stapeln. Der promovierte Akustiker hat das künstlerische Leben seiner Frau archiviert und breitet nun auf dem Tisch der Reicker Wohnung alles aus, was aus seiner Sicht Erwähnung finden müsste. Es würde ein Buch füllen.

Musik hat in Irenes Leben fast immer eine Rolle gespielt, schon in Königsbrück, wo sie im Sommer 1937 geboren wurde. Weil ihre Mutter sich einen Flügel wünschte, gab es einen in dem großen Haus am Markt. Das hatte noch ihr Großvater gekauft. Im Familien-Milchladen von einst wird heute mit Wein gehandelt. Damals aber, als Irene kaum an die Ladentheke heranreichte, holten Opa und ihr Vater die Milch von den umliegenden Bauernhöfen, sogar von Pfunds Molkerei aus Dresden. „Wir haben Milch, Butter, Quark und Käse verkauft“, erinnert sie sich und auch daran, dass vor – und erst recht nach dem Krieg alles streng rationiert war. „Für fast alles gab es Marken, und hat die Familie am Tisch die Schnipsel für die Abrechnung auf Zeitungsbögen aufgeklebt“. Buchführung in Zeiten des Mangels.

Anfang 1945 wollte die Familie fliehen, erzählt Irene Weißing, „wir hatten Angst vor den Russen“. Weil der Vater noch in Hamm interniert war, hatte die Mutter ein Problem. Es gab zwar ein Auto, aber sie konnte es nicht fahren. „Was sie im nahe gelegenen Schloss Schmorkau verkauft hat, weiß ich nicht“, überlegt Irene laut, „aber sie kam mit zwei Polen zurück, die meine Mutter, meine Schwester, meinen Bruder und mich mit dem Auto nach Schwarzenberg brachten. Die beiden Männer wollten weiter in die USA, und noch heute hoffe ich, dass ihnen ihre Flucht geglückt ist“.

Das Haus mit dem großen Grundstück in Königsbrück hat den Krieg überstanden. Als die Familie zurückkehrte, ging die Markenwirtschaft zunächst weiter. Die Eltern übernahmen den Laden vom Großvater, Irenes Schwester übernahm ihn von den Eltern, und in den 1970ern hat ihn die DDR zwangsverstaatlicht.

Für Irenes Weg war das alles eher mittelbar von Belang. Ihr Schicksal hatte schon viel früher den Blinker gesetzt, als die Familie das kreative Talent des Energiebündels förderte. „Mit neun“, erzählt sie, „habe ich das erste Mal an Mutters Flügel gesessen und sofort gewusst, was zu tun ist. Ich bekam Unterricht. Nach einem Jahr konnte ich schon etwas spielen, reichte aber mit den Füßen nicht an die Pedale. Die musste jemand anders für mich treten“. Ohne Pathos schildert Irene Weißing jene denkwürdigen Momente, in denen klar wurde, dass sie und die Musik nicht mehr voneinander zu trennen sein würden.

Von 1951 an lernte sie an der Musikschule Dresden weiter. „Ich trug einen großen dunkelblauen Mantel und einen roten Filzhut“, enthüllt sie mit Verschwörermiene, warum sie ganz sicher war, angenommen zu werden. Dass es auch daran gelegen haben könnte, dass sie mitten im Vortrag anstrengungsfrei von A-Dur auf Es- oder H-Dur umspringen konnte, wurde ihr erst später klar. Als sie merkte, dass dieses Talent keineswegs jeder mit ihr teilte.

Trotzdem: Der Hut blieb wichtig. In vielen Konzerten trug sie eine breitkrempige rote Variante, später wurde es ein spartanisch knappes Basecap, das noch heute auf den Kopf wandert, wenn sie sich an die Tasten setzt. „Das kann deuten, wer will“, sagt Irene lachend und wendet sich der aktuellen Partitur auf dem E-Piano zu: Rachmaninows 3. Klavierkonzert. „Das spiele ich grade ein“, sagt sie beiläufig, so wie jemand mitteilt, dass er bis morgen einen Krimi fertigliest. Sie spielt ein paar Töne des Stücks an, das zu den großen Fingerbrechern der Gattung gehört, und durch all die Wucht klingt auch ein tiefer Respekt vor dem, was Musik auszulösen vermag.

Wenn es je einen Zweifel an deren Kraft gab – der Tiefschlag, von dem sich Irene seit 2007 erholen muss, räumt sie aus. Eine Hirnblutung hatte sie verstummen lassen. Die Rückkehr in den Alltag ohne Musik – unmöglich. An allen Stationen ihrer Genesung habe sie wie besessen Klavier gespielt, erzählt sie. Und davon, wie sie Stunden um Stunden ihre Finger neu dazu bracht, zu gehorchen, wie sich ihr Inneres sortierte und beruhigte. Nach der Musik kehrte auch die Sprache zurück. „Das Klavier hat mich gerettet“, sagt Irene Weißing schlicht.

Kein Wunder bei einem Leben, das ganz und gar verwoben ist mit Musik. Obwohl es anfangs etwas holperte. Denn als Irene nach einem Jahr Klavierstudium in Leipzig 1958 in Dresden weiterstudieren wollte, hatte sie Pech. Viele namhafte Professoren hatten die Elbestadt gen Westen verlassen. Das Angebot, Gesang zu studieren, schlug sie aus, „obwohl es fürs Hauptfach gereicht hätte“. Also verdiente sie Geld als Tippse im Leichtbauinstitut. 1962 begann sie ein Fernstudium an der Dresdner Musikhochschule in der Klasse von Gudrun Brandner-Siegert. Sie bestand das Staatsexamen mit Auszeichnung und erhielt gleich danach den Ritterschlag: einen Meisterkurs bei Professor Amadeus Webersinke.

Nach ein paar Jahren als Honorarpianistin an verschiedenen Musikschulen hörte sie eines Tages – es war im Jahr 1975 – davon, dass die Palucca-Schule „jemanden sucht“. Sie ging hin. Konstantin Russu, damals Ballett-Choreograph der Semperoper, probte gerade mit einer Gruppe. „Spielen sie mal was“, sagte er. Irene tat es. „Sie eigen sich“, hörte sie als nächstes. Und war engagiert.

Von nun an wurden Musik und Tanz eins. Im besten Fall zumindest, denn Irene Weißing musste aus ihrem Instrument alles an orchestraler Qualität und extremer Wandlungsfähigkeit herausholen, um den Balletttänzern beim Proben ein Partner zu sein. „Wenn gegenseitiges Vertrauen da ist, hilft die Musik dem Tänzer, sich tragen zu lassen“, erklärt die Pianistin den anspruchsvollen Job. Und erzählt von Palucca, die immer das Maximum forderte und irre schnell Entscheidungen traf. „Für bestimmte Stimmungen und schnelle Tempowechsel musste man stets passende Stücke parat haben. Ohne ein umfassendes Repertoire ist man da erschossen“, resümiert Irene Weißing die Zeit mit der berühmten Tänzerin und Choreographin und dreht versonnen eine Hiddensee-Karte in den Händen. Auf der schreibt Palucca, sie höre gerade zum zweiten Mal Glenn Goulds Goldberg-Variationen, müsse an Irene denken und wünsche sich, dass sie sich nicht zuviel zumutet.

Die Sorge war nicht unbegründet, denn Irene hatte sich 1984 parallel zur Tanzschule auf neues Terrain vorgewagt. Sie war dem Ruf an die Dresdner Musikhochschule gefolgt, bildete bis 1989 auf Honorarbasis Ballett-Korrepetitoren aus und lehrte Korrepetition mit Streichern. Eine Mammutaufgabe, denn sie musste sich zusätzlich ein völlig neues Repertoire erschließen. „Ich dachte: Ach klar, ich schaff das. Aber ich hab nächtelang üben müssen.“ Von Palucca hatte sie die Erlaubnis, den Schul-Flügel zu nutzen. „Also hab ich mir nachts von der Putzfrau aufschließen lassen und mich im Dunkeln bis zum Flügel vorgearbeitet. Als ich dort ankam und das kleine Licht anmachte, wusste ich, jetzt ist alles in Ordnung“.

Mit der Ballettschule kam Irene Weißing herum, spielte im In- und Ausland bei Aufführungen, Wettbewerben, Workshops, arbeitete mit vielen bekannten Tänzern und Choreographen zusammen. Besonders in Russland war sie zur gefragten Spezialistin für Tanzbegleitung geworden. Als sie vor einem Jahr mit ihrem Mann einen Beitrag zur Wiedereröffnung des Moskauer Bolschoi-Theaters sah, rief sie begeistert: „Guck mal, da hab ich mal gespielt, auf dieser Bühne!“. Sie sei damals sogar gefragt worden, welchen Flügel sie spielen wolle. „Da gab‘s nur eins: den Petrof-Flügel“, verkündet sie und lobt dessen speziellen Klang. „Damals erschien mir der Auftritt nicht als etwas Besonders, aber heute denke ich: Es war toll! Ich hab umwerfende Leute getroffen, die ganze Welt war dort zu Gast“, schwärmt sie.

Zur Wende 1989 war Irene Weißing 52. Im Honorarverhältnis blieb sie der Palucca-Schule noch zehn Jahre erhalten, unterrichtete bis 1999 als Honorardozentin für Klavier an der Dresdner Hochschule für Kirchenmusik und ließ sich zudem 1990 darauf ein, an der Musikhochschule vier Jahre lang Lehrer im Hochschuldienst für Improvisation, Korrepetition und Bewegungstraining auszubilden. Etliche ihrer Schüler folgten ihr im Amt an der Palucca-Schule.

Dass ihr 1960 geborener Sohn Matthias Komponist geworden ist, macht Irene und Heinz Weißing stolz, auch wenn Irene einschlägigen Kommentaren zuvorkommt und die berühmte „brotlose Kunst“ zitiert. „Immerhin“, sagt sie, „sind wir alle drei in der Sächsischen Landesbibliothek vertreten. Mein Sohn und ich in der Abteilung Musik, mein Mann im Bereich Akustik“. Womit, löst sie auch gleich auf. Der Akustikingenieur hat Anfang der 1990er ein zweisprachiges Fachwörterbuch der Akustik heausgegeben, das bei Langenscheidt aufgelegt wurde.

Irene Weißing erhielt Preise, Lehraufträge, Einladungen. Gemeinsam mit Tänzern, Sängern und Instrumentalisten veranstaltete sie Improvisationskonzerte wie die eingangs erwähnte Reihe „(Un-)Sichtbare Musik“, verantwortete die musikalische Gestaltung von Literaturprogrammen, und bis vor wenigen Jahren noch begleitete sie quer durch Deutschland einen Tanzkurs von Friederike Rademann.

Von ihrem Rachmaninow-Projekt hat vorerst nur ihr Mann etwas. Vorerst.

Von Barbara Stock

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