Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Dresdner Lebensläufe: Hanns Jacob hat zu DDR-Zeiten die Statik des Fernsehturms, des Kulturpalasts und der Semperoper geprüft

Dresdner Lebensläufe: Hanns Jacob hat zu DDR-Zeiten die Statik des Fernsehturms, des Kulturpalasts und der Semperoper geprüft

Das Leben von Hanns Jacob hat drei ungleich große Teile - die kurze unbeschwerte Kindheit, die Kriegsjahre und die lange Friedenszeit danach. Im April ist der alte Mann mit den freundlichen braunen Augen 90 Jahre alt geworden.

Voriger Artikel
Menschenkette gegen geplante Dresdner Hafencity - Mehrere Hundert Menschen setzen Zeichen
Nächster Artikel
Neues Zentrum an der Dresdner Uniklinik: Orthopäden und Unfallchirurgen vereint

"Ich bin Anhänger der Aufklärung, ich will nicht glauben, ich will wissen", sagt Hanns Jacob. Das habe wohl auch mit seinem früheren Beruf als Statiker zu tun, fügt er hinzu. Was ihre Stahlkonstruktion anbelangt, sind so ziemlich alle größeren Bauwerke aus DDR-Zeiten über seinen Tisch gegangen.

Quelle: D. Flechtner

Über den mittleren Teil, seine vier Jahre als Soldat im Zweiten Weltkrieg, spricht er auch heute noch nur ungern. Dann schon eher über die Zeit, als er als Statiker der Fachmann für den festen Standpunkt des Dresdner Fernsehturms, der Semperoper und des Kulturpalasts war.

Geboren wird Hanns Jacob 1923 in Leuben. Der Ort war wenige Jahre zuvor nach Dresden eingemeindet worden. Drei Geschwister hat Hanns, sie sind inzwischen alle verstorben. Die einzige Schwester wird neun Jahre vor ihm geboren, der ältere Bruder aus erster Ehe des Vaters ist Jahrgang 1906, der jüngere kommt zwei Jahre nach Hanns zur Welt. Der Vater ist selbstständiger Handwerksmeister, hat eine Schlosserei in Leuben. Die Kindheit ist zunächst eine glückliche. Der Vater hat ein gutes Auskommen. Bis Hanns acht, neun Jahre alt wird. Dann kommt die Krisenzeit. "Da hatte mein Vater schwer zu kämpfen: Er bekam zwar Aufträge, die Firmen aber konnten nicht zahlen", weiß er noch. Der Vater habe der Mutter manchmal kaum das Wirtschaftsgeld für die nächste Woche geben können.

1941, kaum 18 ist er inzwischen, zieht Hanns Jacob mit Begeisterung in den Krieg. "Sie müssen verstehen: Hitler kam an die Macht, da war ich zehn Jahre, ich bin da hineingewachsen, war natürlich im Jungvolk." Immer wieder sei ihm eingehämmert worden, wie "schmachvoll das Ende des Ersten Weltkriegs für Deutschland" gewesen sei. "Noch heute könnte ich Ihnen die abgetretenen deutschen Gebiete auswendig aufzählen", sagt er. Der Vater sagt nur: "Denke dran, die anderen schießen auch!"

Der junge Hanns wird Funker auf einem Panzerspähwagen. In seinen vier Kriegsjahren kommt er durch Frankreich, Charkow und Belgorod in der Ukraine, macht die Kesselschlacht bei Kursk mit, gerät an den Don, später nach Italien, dann wieder nach Kiew und Tscherkassi in der Ukraine. Es folgen die Invasion und die Ardennenoffensive im Winter 1944 als letzter Versuch des Dritten Reiches, die Westalliierten mit einem großen Schlag zu vernichten. Schließlich findet sich Hanns in Österreich wieder, in der Steiermark. Verwundet wird der junge Mann zum Glück nicht. "Das Schlimmste war eigentlich, wenn man wusste, hier steht eine feindliche Panzerabwehrkanone in der Nähe, denn die durchschlug alles", erinnert er sich. Abgesehen davon hat er aber gewusst: "Wenn man in so einem Blechkasten saß und nicht gerade einen Volltreffer abkriegte, passierte einem nichts. Die Splitter klingelten nur draußen an der Panzerung."

Als der Krieg aus ist, sieht Hanns Jacob zu, dass er nach Hause zurückkehrt. "Ich hatte einen schönen Feldtornister, den habe ich gegen ein paar abgerissene Zivilsachen eingetauscht", weiß er noch. Und dann kommt ein weiterer Glücksumstand hinzu: Irgendwo in einem kleinen Ort in Österreich wurden im hiesigen Rathaus vorläufige Ausweise ausgestellt. Das Papier habe ihn zweimal vor dem Schlimmsten bewahrt, meint er. Einmal ist er von Amerikanern kontrolliert worden, ein weiteres Mal kurz hinter Chemnitz von den Russen. ",Du Soldat?', hat der Offizier gefragt, ,ich nix Soldat', habe ich geantwortet und den Ausweis vorgezeigt. Der Russe hat den Wisch erst mal verkehrt herum gehalten, ihn mir dann zurückgegeben und ist weitergegangen." Der Krieg, er ist nicht spurlos vorüber gegangen an Hanns Jacob. Auch wenn er keinen Schaden an Leib und Leben genommen hat. "Ich muss bis heute daran denken, und ich erzähle nicht gern davon." Eins will er dann doch noch loswerden: "Wenn heute Leute wie der Schriftsteller Günter Grass dafür kritisiert werden, dass sie sich mit 17 freiwillig für den Krieg gemeldet haben, finde ich das sehr ungerecht." Es sei unbeschreiblich, was man Menschen vorwerfe, die damals gelebt haben - ohne Gefühl für die Situation, empört sich der alte Mann.

Die Eltern sind jedenfalls heilfroh, dass sie ihre beiden Söhne unversehrt zurückbekommen - den jüngeren Bruder ein paar Tage eher als Hanns. Die Freude über die glückliche Heimkehr ihrer Söhne währt allerdings nicht lange. Gleich nach dem Krieg müssen die Jacobs die Wohnung für Flüchtlinge räumen: "Ich weiß noch, dass wir in ein Barackenlager in der Nähe des Sachsenwerks ziehen sollten", erzählt Hanns Jacob. Doch der Vater bittet die neuen Machthaber, mit seiner Familie in die Werkstatt auf seinem Grundstück ziehen zu dürfen, erhält schließlich auch die Genehmigung. Dabei bleibt es die nächsten zehn, zwölf Jahre für die Eltern.

Weil er nach dem Krieg nirgendwo einen Studienplatz bekommt - der Vater ist nicht nur Hausbesitzer, sondern auch kein Arbeiter - lernt Hanns zunächst Schlosser. "Ich wollte aber nicht mein Leben lang am Schraubstock stehen", sagt er. Sein Glück ist, dass eine kleine Fachschule in Roßwein nach Studenten sucht. Dort wird er sofort angenommen, studiert Stahlbautechnik. In Roßwein lernt er auch Eva, seine spätere Frau, kennen. "Das hat sich als gute Entscheidung herausgestellt", meint Hanns Jacob spitzbübisch mit Blick auf seine Frau. Sie arbeitet als kaufmännische Angestellte bei der Stadtverwaltung, ist eine Vertriebene, kommt aus Schlesien, genauer gesagt Breslau. Kennengelernt haben sich die beiden in der "Stadt Altenburg", einer der hiesigen Gaststätten. "Wir haben dort zufällig Mittag gegessen, aber erst mal nicht am selben Tisch", erinnert sich Hanns Jacob.

Das kommt später, als die beiden nach Dresden ziehen - zunächst für anderthalb Jahre in ein Einzelzimmer auf der Dieselstraße in Leuben, dann in die Wohnung einer Familie, die "nach dem Westen abgehauen ist". 1950 heiraten Eva und Hanns Jacob in Königstein, verbringen auch ihre Flitterwochen dort. Eva fängt als Sekretärin im Schlachthof an. "Das war nicht verkehrt, da haben wir Sonderrationen bekommen", erinnert sich der alte Mann schmunzelnd. 1952 wird Sohn Klaus geboren, vier Jahre später Tochter Ulrike. Derweil Eva wegen der Kinder die nächsten 15 Jahre zu Hause bleiben wird, fängt Hanns als Konstrukteur bei der Firma Hempel in Dresden an. Überall werden inzwischen junge Leute gesucht. An seinen ersten Auftrag erinnert er sich noch gut: "Ich habe die Statik einer großen Halle im Freitaler Edelstahlwerk berechnet." Später wechselt der begabte junge Mann zum SBS Sächsischer Brücken- und Stahlhochbau, studiert zwischendurch Bauwesen an der TU Dresden im Fernstudium. Die Firma SBS gibt es im Übrigen heute noch: Der Sächsische Bühnen- und Stahlbau liefert Bühnenkonstruktionen vor allem nach China und Russland.

Zehn Jahre ist Hanns Jacob Statiker, dann bietet man ihm eine Stelle als Prüfingenieur an. Auch ohne Parteiausweis. In die SED tritt er nie ein. Was ihre Stahlkonstruktion anbelangt, gehen so ziemlich alle größeren Bauwerke aus DDR-Zeiten über seinen Tisch - der Kulturpalast, die Semperoper, die Stahlröhre des Fernsehturms. Auch das gehört zur Statikprüfung: "Keiner wusste genau, wie schwer der Kronleuchter in der Semperoper ist, also habe ich ihn abnehmen und wiegen lassen", erzählt der Senior. Immerhin knapp zwei Tonnen habe der auf die Waage gebracht. In Berlin prüft Hanns Jacob die Statik des Friedrichstadtpalasts, der Staatsoper und des Drehcafés vom Fernsehturm. "Ich musste in 350 Metern Höhe überm Alexanderplatz an dem Turm zehn Meter außen an der Steigleiter bis zu einer Luke hinunter klettern - ohne Rückenschutz", erinnert er sich. Das sei eine der heikelsten Situationen in seinem Leben in Friedenszeiten gewesen. Und wenn heute im Fernsehen Bilder vom Brocken und vom Inselsberg gezeigt werden, freut sich Hanns Jacob, weil meist auch die beiden Sendetürme zu sehen sind. Denn auch die Statik dieser beiden Riesen hat er geprüft. "Eine hochkomplizierte Angelegenheit, denn damals gab es weder Computer noch Taschenrechner, ich hatte nur den Rechenschieber." Sein letzter Auftrag als Gutachter ist der Aufzugsturm in Bad Schandau, der 1989 grundhaft instandgesetzt wurde.

Die Wende kommt und Hanns Jacob geht in Rente. Jetzt bekommt er Gelegenheit, die Welt kennenzulernen. "Zu DDR-Zeiten sind wir fast jedes Wochenende in der Sächsischen Schweiz wandern gewesen, und im Sommer ging es mit Auto und Hauszelt an die Ostsee", berichtet er. Nun leisten sich die beiden Jacobs zwei Schiffsreisen in die Ägäis, nach Venedig, Kairo, sie lernen die Cote d'Azur kennen und Andalusien. Viele Reisen unternimmt Hanns Jacob mit dem Auto. "Ich habe in meinem Leben eine Menge Autos gefahren - Trabi, Wartburg, Lada, Dacia und den ersten Wartburg mit Golfmotor." Und auch das hat er nicht vergessen: "Auf meiner allerersten Westreise ist mir einer hinten drauf gefahren." Zwei Golfs fährt er noch nach der Wende. 2010 - mit 87 Jahren - sitzt er das letzte Mal hinterm Lenkrad. Heute fährt das Ehepaar gern mal nach Pillnitz - mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und am vergangenen Sonntag sind die beiden sogar noch mal auf Schloss Hubertusburg gewesen.

Fünf Enkel haben Eva und Hanns Jacob, aber noch keine Urenkel. "Ich muss mit Bedauern feststellen, dass sie sich viel Zeit lassen", meint der betagte Herr schmunzelnd. Nicht alle Familienmitglieder wohnen in Dresden. Sohn Klaus hatte noch 1989 die Ausreise beantragt, lebt heute in Coburg. Spätestens jetzt muss Eva Jacob wieder ins Spiel kommen: "Sie glauben gar nicht, wie froh ich bin, dass sie mit ihren 88 Jahren die ganze Wohnung in Schuss hält und mich auch", meint er. In unserem Gespräch wiederholt die rüstige Dame manchmal eine Frage etwas lauter, die ihr Mann nicht ganz verstanden hat, und fährt ihm auch mal freundschaftlich in die Parade, wenn er ein wenig ausschweifend wird. Hanns Jacob selbst ist etwas "angeschlagen", wie er sagt. Hat erst vergangenes Jahr eine neue Herzklappe bekommen. "Das hat nicht ganz geklappt mit der Klappe, weil schon eine starke Verkalkung eingesetzt hatte, so dass mein Herz nicht voll leistungsfähig ist und ich nun schlecht Luft kriege", erzählt er. Lange Wege würden ihm deshalb schwerfallen.

Wenn man ihn fragt, woran er glaubt, meint man, ein winziges Bisschen Ungeduld herauszuhören, wenn er sagt: "Ich bin Anhänger der Aufklärung, ich will nicht glauben, ich will wissen." Das habe wohl auch mit seinem Beruf zu tun, fügt er fast entschuldigend hinzu. Und blinzelt zu seiner Frau herüber.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.09.2013

Katrin Richter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
17.08.2017 - 07:06 Uhr

Neben der Begrenzung auf maximal vier Tickets pro Käufer gilt zudem eine Postleitzahlensperre für Mecklenburg-Vorpommern. 

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.