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Dresdner Forschungsinstitute sollen sich riskanteren Projekten stellen

Dresdner Forschungsinstitute sollen sich riskanteren Projekten stellen

In Dresden soll ein nationales Leistungszentrum für Mikroelektronik entstehen, das der deutschen Halbleiterbranche hilft, entscheidende Wettbewerbsvorteile vor der internationalen Konkurrenz zu erarbeiten.

Das hat Reimund Neugebauer, der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft im Interview angekündigt. Er ringt nun mit Bund und Land um eine zweistellige Millionenförderung, um das Projekt zu ermöglichen. DNN-Redakteur Heiko Weckbrodt hat den Fraunhofer-Präsidenten zu dieser Initiative, die Zukunft des Forschungsstandortes Dresden und weitere Fraunhofer-Strategien befragt.

Als Sie Ihr Amt vor einem Jahr antraten, haben Sie auch eine bessere wirtschaftliche Verwertung der Fraunhofer-Ergebnisse auf die Agenda gesetzt. Hat es da Fortschritte gegeben? Welche neuen Schwerpunkte nahen?

Reimund Neugebauer: Die Fraunhofer-Institute agieren national wie international sehr erfolgreich, das zeigen auch die Anfragen aus den USA, aus Brasilien und anderen Ländern, die unser Modell gerne übernehmen würden. Und das spiegelt sich in den überproportional gestiegenen Wirtschaftserträgen von Fraunhofer. Traditionell finanzieren sich unsere Institute zu einem Drittel über die Grundfinanzierung durch den Bund, eingeworbene Drittmittel und Erträge durch unsere Partner aus der freien Wirtschaft. Inzwischen ist der Anteil der Grundfinanzierung auf 25 Prozent gesunken. Das wollen wir wieder ändern, denn wir benötigen die Grundfinanzierung für unsere eigene Exzellenz- und Vorlaufforschung. Andererseits sind wir gehalten, Potenziale zu heben. Das betrifft sowohl die Verwertung von Erkenntnissen als auch die strategische Akquise. Dafür wird zukünftig ein Vorstandsmitglied direkt die Verantwortung übernehmen.

Wie soll das gehen, wollen Sie den Bund um mehr Geld anbetteln?

Wir wollen nicht einfach mehr Geld fordern, sondern dafür einen echten Mehrwert bieten. Wir verstehen uns als Innovationsmotor für die deutsche Wirtschaft. Dafür bedarf es aber auch exzellenter Forschung. Erreichen wollen wir dies, indem wir gute Institute besser verflechten, damit sie sich gemeinsam auch größeren, riskanteren Projekten stellen können, und durch zehn nationale Leistungszentren, die auf ausgewählten Gebieten für deutliche Wettbewerbsvorteile der deutschen Wirtschaft sorgen sollen. Dafür brauchen wir die höhere Grundfinanzierung des Bundes.

Wie muss man sich das vorstellen? Sollen mit diesem Geld Forschungsprojekte existierender Institute besser dotiert werden oder wollen Sie in neue Einrichtungen investieren?

Teils-teils. Wir möchten uns Standorte mit leistungsstarken Unis, einer breiten außeruniversitären Institutslandschaft sowie passenden Wirtschaftspartnern ringsum herauspicken - Standorte wie Dresden. Das sollte im Übrigen auch helfen, das Unterfinanzierungsproblem der Universitäten zu mindern. Wenn wir diese Kompetenzen in Nationalen Leistungszentren bündeln, aber auch Forschungslücken am Standort schließen, notwendige Investitionen tätigen und die Risiken größerer Projekte abfedern, sollte das zu ganz neuen Potenzialen führen - und auch die internationale Sichtbarkeit dieser Standorte verbessern.

Steht auch Dresden auf der Liste?

Für Dresden planen wir ein nationales Leistungszentrum für Mikroelektronik. Ich habe mich darüber schon mit Ministerpräsident Stanislaw Tillich und den Fraunhofer-Institutsleitern in Dresden unterhalten und das hat mich optimistisch gestimmt. Entscheidend ist aber, dass der Bund Geld dafür gibt.

An welche Summe haben Sie gedacht?

Das ist Gegenstand der Verhandlungen. Aber es wird sich wohl um einen hohen zweistelligen Millionenbetrag handeln.

Und was soll dieses Leistungszentrum in Dresden bearbeiten?

Das Thema soll "More than Moore"* sein. Wir wollen in mehr Intelligenz für Chips investieren, in Halbleiter, die mehr als nur rechnen können, sondern zum Beispiel auch Sensoren, Aktuatoren und andere Zusatzfunktionen haben. Davon erhoffen wir uns nicht nur einen Schub für die Halbleiterforschung, sondern auch für die internationale Ausstrahlung des Mikroelektronikstandortes Dresden - und letztlich neue Investoren und Arbeitsplätze.

Wie sind Sie mit den Fraunhofer-Instituten in Dresden und Sachsen zufrieden? Stehen da manche wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit auf der Kippe? In den 1990ern hatte man den Eindruck, dass Fraunhofer die ostdeutschen Institute eher betreibt, um "guten Willen" zu beweisen...

Einen Unterschied zwischen Ost und West gibt es in der Fraunhofer-Gesellschaft nicht mehr. In der Wirtschaftlichkeit liegt der Osten sogar vorne: In den Instituten in den Alten Bundesländern liegt der Anteil der Wirtschaftserträge an den Institutshaushalten durchschnittlich bei 35,5 Prozent - in den Neuen Bundesländern dagegen bei 40,9 Prozent, in Dresden sogar bei 41,3 Prozent.

Vom Verkehrsinstitut IVI hier in Dresden war einmal zu hören, dass die Zukunft des Hauses wegen mangelnder Erträge zeitweilig auf der Kippe gestanden haben soll...

Die Krise ist vorbei. Das IVI hat sich unter seinem Leiter Matthias Klingner ganz hervorragend entwickelt. Deshalb haben wir eben bei Fraunhofer beschlossen, es zu einem selbstständigen Institut aufzuwerten.

Nicht ganz so gut lief es ja für das Nanoelektronikzentrum CNT, das zu einer Abteilung des Photonikinstituts IPMS herabgestuft wurde...

Das CNT war auf Betreiben eines Wirtschaftspartners, nämlich Qimonda, erst entstanden. Der ist uns bekanntlich abhanden gekommen. Aber im IPMS hat sich das CNT sehr gut konsolidiert, das neue Konzept überzeugt uns.

Auch das ASSID war ja mal, wenn man so will, eine Qimonda-Einrichtung. Es könnte schwierig sein, mit 3D-Chipintegration und Chip-Montage als Profil jetzt noch in Dresden genug Wirtschaftspartner zu finden.

Das ASSID ist mit ein, zwei Wirtschaftspartnern gestartet, jetzt hat es 17. Der Wirtschaftsertragsanteil liegt um die 20 Prozent.

Nicht gerade berauschend, oder?

Das ASSID ist ja noch im Aufbau und wird in diesem Jahr evaluiert, ob es als Institutsteil des IZM fortgesetzt wird.

Das Dresdner Organikelektronikzentrum Comedd hat vor kurzem recht überraschend seinen Chef verloren, weil Professor Karl Leo nach Arabien will. Steht zur Debatte, das Comedd wieder zu einer Abteilung im Photonikinstitut IPMS abzustufen?

Wir haben eine Strategiekommission eingesetzt, die die künftige Ausrichtung klären soll. Was man wohl sagen muss, ist, dass sich die Wachstumserwartungen an die organische Elektronik in der Wirtschaft nicht ganz erfüllt haben. Das starke Fachwissen und die Kapazitäten am Comedd wollen wir aber auf jeden Fall erhalten. Ob wir das Geschäftsmodell ändern, das Zentrum wirklich zurück ins IPMS integrieren oder sich eine starke Führungspersönlichkeit findet, die das Comedd eigenständig in eine neue Richtung führt, wird sich zeigen.

Fraunhofer hat in den vergangenen Jahren viele Einrichtungen außerhalb Deutschlands gegründet. Werden Sie diese internationale Expansion fortsetzen?

Wir werden weiter international agieren, uns aber künftig stärker auf ausgewählte Länder fokussieren, von deren Exzellenzwissen wir profitieren können oder wo die deutsche Wirtschaft Marktpotenziale sieht, also zum Beispiel die USA, China oder Brasilien.

(* Benannt nach dem "Mooreschen Gesetz" von Intel-Mitgründer Gordon Moore, das letztlich immer mehr Transistoren pro Chip Jahr für Jahr voraussagt. "More than Moore" ist ein noch junger Slogan und besagt, dass Computerchips auch leistungsfähiger gemacht werden können, indem man ganz andere Funktionen integriert wie etwa Sensoren, mehr spezialisierte Rechenkerne, Mini-Kompasse, Funkempfänger etc wie in den iPhone-Chips.)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.09.2013

Heiko Weckbrodt

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