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Dresdner Flüchtlinge warten auf ihre Familien

Gespräch Dresdner Flüchtlinge warten auf ihre Familien

Nachdenklich sitzt Mohammed Rifae in der geräumigen Küche der Flüchtlingsunterkunft in Trachau. Obwohl er äußerlich einen gefassten Eindruck macht, plagen den 45-Jährigen große Sorgen.

Sind aus Syrien vor dem Krieg geflüchtet und müssen jetzt sehen, wie es weitergeht - in Dresden oder anderswo: Mohammed Rifae (l.) und Shauki Abdalmajid.

Quelle: Carola Fritzsche

Dresden. Mohammed Rifae und Shauki Abdalmajid sind aus Syrien vor dem Krieg geflüchtet. Jetzt möchten sie in Deutschland schnell Fuß fassen. Nachdenklich sitzt Mohammed Rifae in der geräumigen Küche der Flüchtlingsunterkunft in Trachau. Obwohl er äußerlich einen gefassten Eindruck macht, plagen den 45-Jährigen große Sorgen.

"Meine Frau und meine drei Kinder treffen in ein paar Tagen in Dresden ein. Ich bin zwar sehr glücklich darüber, aber ich habe keine Wohnung und weiß nicht, wo wir hin sollen", sagt Rifae auf Englisch. Das Sozialamt sage immer nur, dass dies geklärt werde, wenn sie da sind. "Ich möchte es aber jetzt wissen", ärgert er sich über die Ungewissheit.

Bisher hat sich der 45-Jährige mit zwei Männern ein etwa 15 Quadratmeter großes Zimmer geteilt. In einem weiteren Raum der Wohnung sind ebenfalls drei Flüchtlinge untergebracht, die wie er aus Syrien oder dem Irak kommen. Verlassen muss er die Unterkunft aber nicht nur, weil seine Familie eintrifft. Als anerkannter Asylbewerber wird er einem Hartz-IV-Empfänger gleichgestellt und muss sich selbst eine Wohnung suchen.

Zumindest um die Anreise seiner Lieben braucht sich Mohammed Rifae keine Gedanken zu machen. Weil er bereits als Flüchtling akzeptiert ist und drei Jahre in Deutschland bleiben darf, erhielten auch seine Frau und seine minderjährigen Kinder Visa und können jetzt mit dem Flugzeug nach Dresden kommen.

Etwas schwieriger ist die Lage bei Mohammed Rifae's 19-jähriger Tochter. "Sie darf nicht mitkommen, weil sie volljährig ist. Das ist schlimm, denn sie hat kein Geld und ist noch nicht verheiratet", erklärt der 45-Jährige. Ein Nachzug sei hier nach Paragraf 36 Absatz zwei des Aufenthaltsgesetzes nur zur Vermeidung einer außergewöhnlichen Härte möglich. Diese müsse in einem Visumverfahren nachgewiesen werden, informiert der Pressesprecher der Stadt Dresden, Kai Schulz.

Genau wie seine Frau und die anderen Kinder lebt Rifae's Tochter bisher in Dubai. Ohne Geld kann man dort aber nicht lange bestehen, weil die reichen Golfstaaten kein Asyl gewähren. Sie machen es für Ausländer sehr schwierig, ohne ein Arbeitsverhältnis im Land zu bleiben. "Ich habe in Dubai einige Zeit in einem Laden gearbeitet. Als ich meine Arbeit verlor, musste ich eine Entscheidung treffen", sagt der Geschäftsmann. Er sei zunächst nach Damaskus zurückgekehrt, konnte dort aber nicht bleiben, weil es zu gefährlich war und ohnehin sein Wohnhaus und seine vier Geschäfte, in denen er mit seinem Vater und seinen Brüdern 25 Jahre lang Kleidung und Accessoires verkauft hatte, zerstört waren. "Als letzter Ausweg ist dann nur noch die Flucht geblieben", sagt Rifae.

Und die hatte es in sich. Erst beim 15. Mal gelang die Überfahrt von der Türkei in Richtung Griechenland. "Wir mussten immer wieder abbrechen. Entweder war das Meer zu rau oder die Polizei war im Anmarsch", erinnert sich Rifae. Als es schließlich klappte, war es trotzdem kein Selbstläufer.

"Es bestand eigentlich ständig die Gefahr, dass wir ertrinken. Außerdem war das Wasser im Januar sehr kalt. Wir waren froh, als wir endlich in Kos waren", so Rifae. Die Fahrt mit dem Boot war am Ende nicht nur gefährlich, sondern auch der teuerste Teil der "Reise". Reichlich 2000 Euro musste er dafür hinlegen. Nachdem er anschließend in einem engen Lieferwagen zwischen gestapelten Kisten nach Deutschland gelangte, kam er über die Stationen Karlsruhe, Chemnitz und Kamenz im April nach Dresden.

Eine Alternative zu dieser mühsamen Flucht gab es nicht. Schuld daran ist EU-Richtlinie 2001/51/EG. Die besagt, dass Fluggesellschaften dafür haften, wenn Passagiere wegen fehlender Papiere im Gastland abgewiesen werden. Ein derartiges Risiko möchte niemand eingehen, obwohl die Richtlinie eigentlich nur für illegale Einwanderer und nicht für Asylbewerber gedacht ist.

"Ich hatte keine Chance, einfach per Flugzeug nach Deutschland zu kommen. Niemand stellt einem ein Visum aus", sagt Mohammed Rifae.

Er ist froh, dass er es nach den Strapazen endlich geschafft hat. "Ich möchte allen Menschen danken, die mir geholfen haben." Der 45-Jährige hofft nun, dass er schnell eine Arbeit findet. "Ich will niemandem auf der Tasche liegen. Bisher ist aber vor allem die Sprache ein großes Problem."

Ähnlich geht es seinem Mitbewohner Shauki Abdalmajid (54) aus Alkamshli im Nordwesten von Syrien. "Ich habe bereits einen von Saxonia Systems organisierten Deutschkurs besucht, aber das reicht noch nicht", sagt Abdalmajid, der in seiner Heimat 28 Jahre als Bioingenieur gearbeitet hat.

Umso mehr freut er sich, wenn er und andere Flüchtlinge regelmäßig von den Mitgliedern der nahe gelegenen Freien Evangelischen Gemeinde eingeladen werden, um im Gemeindehaus Deutsch zu üben. "Das ist eine gute Gelegenheit. Denn nur durch Übung kann man eine Sprache erlernen", sagt der 54-Jährige. Wie wichtig Deutschkenntnisse im Alltag sind, hat er bereits in der Ausländerbehörde oder im Jobcenter gemerkt.

"Niemand übersetzt dort. Die Mitarbeiter sagen: 'Only Deutsch'." Von Freunden und Bekannten wisse er, dass dies in München oder Dortmund anders sei. Wenn seine Frau und seine drei Kinder, die noch in Syrien sind, nachkommen dürfen, will er Dresden verlassen. "Ich möchte zu meinem Cousin nach Münster ziehen. Hier gibt es mir zu viele Menschen, die Asylbewerber nicht mögen."

Stephan Hönigschmid

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