Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Dresdner Alkoholforscher schlägt Alarm - 100 Kinder pro Jahr mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus

Dresdner Alkoholforscher schlägt Alarm - 100 Kinder pro Jahr mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus

Die Zahlen steigen immer weiter: Insgesamt 26.349 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren wurden in Deutschland im Jahr 2011 aufgrund akuten Alkoholmissbrauchs stationär in einem Krankenhaus behandelt.

Das sind laut den aktuellen Berechnungen des statistischen Bundesamtes 354 mehr Jugendliche als im Vorjahr. Auch in Dresden bewegen sich die Zahlen auf hohem Niveau. Knapp 600 Kinder und Jugendliche wurden in den vergangenen fünf Jahren in die Krankenhäuser der Stadt eingeliefert - das sind zwei Prozent aller in Dresden lebenden Jugendlichen.

"Diese Entwicklung ist alarmierend", erklärt Ulrich Zimmermann, stellvertretender Institutsdirektor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Dresdner Uniklinikum. Der Blick aus seinem Büro führt auf die Wiese vor dem Haus 25 des Uniklinikums. Ein Kinderbild ziert die Wand. Nichts deutet hin auf Vergiftung, Sucht und Verfall. "Alkohol wird oft nicht als Problem wahrgenommen, weil er auch soziale Instanz ist", erklärt der Mediziner und Wissenschaftler. Zimmermann gilt bundesweit als ausgewiesener Experte in Sachen Alkoholabhängigkeit. Er forscht zu Alkohol, Sucht, Ursachen und Entwicklungsstörungen - insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Nach Abschluss einer Studie über Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen hat er eine ungeheure Vermutung: Kinder und Jugendliche, die einmal wegen einer Alkoholvergiftung in das Krankenhaus eingeliefert worden sind, haben ein höheres Risiko, an Alkoholsucht zu erkranken.

Alkoholismus ist kein Problem am Rande der Gesellschaft. Die Sucht bewegt sich in der Mitte von Familien, Büros, Dörfern und Vereinen. Vielerorts unbemerkt, unangesprochen oder toleriert. Allein 1,6 Millionen Menschen gelten in Deutschland als alkoholabhängig, in Sachsen etwa 65000. Die Dunkelziffern sind nach Meinung vieler Experten jedoch viel höher. Etwa 80000 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland an Alkohol und seinen Folgen.

Die Grundlage für die Sucht wird oft in der Jugend gelegt, weiß Zimmermann. "Die Jugend- und Früherwachsenenzeit ist eine ganz entscheidende Phase", erklärt der Experte. In einer wissenschaftlichen Studie hat er nachgewiesen, dass die Hälfte der befragten Jugendlichen, die in Dresden wegen einer Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus mussten, mindestens ein Kriterium für eine Alkoholsucht erfüllen. Insgesamt 13 Prozent der in einer Stichprobe befragten Dresdner erfüllten sogar drei Kriterien oder mehr und galten somit als alkoholabhängig. Alarmierende Erkenntnisse.

Nun möchte Zimmermann ein Stück weiter gehen. Zusammen mit Medizinern aus Rostock, München, Freiburg und Lörrach will er herausfinden, inwieweit Jugendliche "Komatrinker" gefährdet sind, später alkoholsüchtig zu werden. In der von ihm koordinierten und vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Studie werden Kinder und Jugendliche, die wegen einer Alkoholvergiftung stationär eingeliefert wurden, sechs Monate später wieder untersucht. Zudem befragen die Experten junge Erwachsene, deren Alkoholvergiftung bereits fünf bis zehn Jahre zurückliegt, wie sich ihr Leben seither entwickelt hat und ob es zu Suchtproblemen kam. Damit wollen sie herausfinden, woran man im Krankenhaus feststellen kann, ob eine Alkoholvergiftung nur ein "Ausrutscher" war oder ein Alarmzeichen für Sucht- oder andere Entwicklungsgefährdungen darstellt. Dieses Wissen kann genutzt werden, um die Betroffenen individueller als bisher zu beraten. Im Sommer werden erste Ergebnisse erwartet. Diese sollen auch in Präventionsprogramme der Stadt Dresden einfließen.

Doch was rät man ratlosen und sorgenden Eltern, wenn die Kinder über die Stränge schlagen? "Es ist gut, offen und authentisch zu sein", erklärt Zimmermann. "Eine ehrliche Rückmeldung über die eigene Sorge ist besser als der pädagogische Zeigefinger." Wichtig sei ein vertrauensvollen Verhältnis. Jugendliche sollten sich bewusst sein, dass ein Alkoholrausch sie nicht zum Helden macht, sondern im Gegenteil sogar zum Verlust sozialer Anerkennung führt. "Oft blamiert man sich bis auf die Knochen", resümiert Zimmermann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.04.2013

Katrin Tominski

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.