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Dresdens Uniklinik-Chef Michael Albrecht fordert Reform des Organvergabe-Systems

Dresdens Uniklinik-Chef Michael Albrecht fordert Reform des Organvergabe-Systems

Göttingen, Regensburg, München und jetzt Leipzig - die anhaltenden Organspende-Skandale bei haben das Vertrauen vieler Menschen erschüttert und die Spendenbereitschaft enorm sinken lassen.

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Quelle: PR

Der Medizinischen Direktor des Dresdner Uniklinikums und Vorsitzende des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands plädiert im DNN-Interview nun für Änderungen im Vergabesystem.

Die Manipulationen von Organspenden häufen sich bundesweit. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Motivation der Ärzte für Fälschungen bei der Organvergabe?

Wir müssen uns fragen, warum das eigentlich passiert ist. Dabei kommt ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten in Frage. Das reicht von persönlicher Vorteilnahme bis zu altruistischen Motiven.

Also doch: Ärzte manipulieren, um finanzielle Vorteile zu haben?

Ich behaupte, dass die Motivation aus persönlicher Vorteilsnahme nur einen ganz geringen Anteil der Ärzte betrifft. Wie hoch dieser wirklich ist, werden die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft und der Ärztekammer ergeben. Es muss dabei jedoch nicht nur um Geld gehen, auch persönliche Reputation und Karrierechancen spielen eine Rolle.

Unter vorgehaltener Hand heißt es am Leipziger Uniklinikum, die suspendierten Ärzte hätten mehr Geld für die Forschung generieren wollen. Können Sie sich das vorstellen?

Manipulationen aus wissenschaftlichen Gründen entsprechen dem Wunsch nach einer höheren Reputation, persönliche Belange stehen also im Vordergrund. Hier gibt es nur einen einzigen Weg: Die Flucht nach vorn und akribische Aufklärung.

Wie steht es um die Organspende am Dresdner Uniklinikum?

Wir haben uns auf Nierentransplantationen spezialisiert. Mit etwas 70 Transplantationen im Jahr spielen wir in Sachsen eine wichtige Versorger-Rolle, unsere Langzeitergebnisse sind exzellent. Um Diabetiker von der Zufuhr von Insulin zu befreien, transplantieren wir zudem Inselzellen. Weil es sich dabei jedoch nicht um komplette Organe handelt, fallen diese Operationen nicht unter das Transplantationsgesetz. Nach den aktuellen Skandalen haben wir eine interne Prüfung durch unabhängige Prüfer angesetzt. Unsere Transplantationskonferenzen finden jetzt im Beisein von Justiziaren statt, jedes Dokument landet persönlich auf meinem Tisch.

Viele Ärzte in Deutschland beklagen, dass nur Patienten Organe bekommen, die bereits auf der Intensivstation liegen. Diese seien oft schon so schwach, dass sie die Operation langfristig nicht überleben.

Ja, diese Stimmen gibt es. Manche Ärzte haben den Eindruck, dass Menschen, die auf der Dringlichkeitsliste oben stehen, mit Spenderorganen nicht mehr geholfen werden kann. Nehmen wir folgendes Beispiel: Menschen mit Nierenversagen stehen oft auf den vordersten Plätzen der Lebertransplantationsliste. In der Regel haben diese Patienten jedoch so einen fortgeschrittenen Krankheitsverlauf, dass sie die Transplantation nur schwer länger überleben. Viel größer wären die Chancen, wenn das neue Organ vor dem Nierenversagen verpflanzt würde. Hier sind wir bei den altruistischen Motiven. Wir dürfen nicht vergessen: Die Mediziner verwalten einen Mangel. Wir haben viel, viel zu wenig Organe. Es ist wie auf der Titanic. Wir haben weniger Rettungsboote als Mitfahrer an Bord. Dort gab es jedoch die klare Regel: Frauen und Kinder zuerst. Bei der Organspende fehlt der deutliche Konsens, wer genau von Spenderorganen profitieren darf und soll.

Haben die Mängel des Organvergabe-Systems die Manipulationen begünstigt?

Wie gesagt: Wir verwalten einen Mangel. Die Vorfälle bringen ans Licht, dass das historisch gewachsene Organspendesystem unter dem Druck, einen Mangel zu verwalten, intransparent geworden ist. Wir müssen uns jetzt kritisch fragen: Sind die Richtlinien zeitgemäß? Die Organspende-klassifikation mit den Schwerstkranken an der Spitze der Warteliste jedenfalls ist überholt.

Sie plädieren also für eine Reform des Organspende-Vergabesystems?

Ja. Wir haben gemerkt, dass es in diesem System möglich ist, zu manipulieren. Also muss das System verändert werden, um künftige Fälschungen zu vermeiden. Das Vergabesystem muss auf den Prüfstand. Das geschieht jedoch nicht durch markige Sprüche, die derzeit bundesweit zu hören sind.

Wie sieht Lösung aus?

Beim Thema Organspende handelt es sich um schwere medizinische und auch ethische Fragen. Niemand kann hier eine einfache Lösung aus dem Hut zaubern. Wir brauchen Experten, die akribisch prüfen, hinterfragen und untermauern. Was spricht dagegen auch internationale Spezialisten ins Boot zu holen. Wir in Deutschland sind ja nicht die einzigen, die Organe transplantieren. Wir können uns im Ausland Rat holen. Fest steht, dass sowohl die Kriterien der Warteliste, die Prioritäten-Liste als auch die Indikationen auf den Prüfstand müssen. Die Experten müssen neu überlegen, welche Patienten Spenderorgane bekommen dürfen. Dazu muss auch die Frage gestellt werden, inwieweit es sinnvoll ist, einem Patienten mit Tumoren und Metastasen ein Spenderorgan einzupflanzen.

CSU-Politiker Johannes Singhammer hatte gefordert, Bonuszahlungen an Chirurgen zu verbieten. Kann damit der Missbrauch unterbunden werden?

Boni-Zahlungen für Chirurgen sind grundsätzlich nicht zu empfehlen, aber auch nicht die Regel. Natürlich gibt es Anreizsysteme und Verträge, die an Leistungen gebunden sind. Diese Anreize sind jedoch meistens an ein Bündel von Zielen gekoppelt, wie Qualität, interdisziplinäre Zusammenarbeit, Einhaltung von Budget-Vorgaben und wissenschaftlichen Publikationen.

Sollen Transplantation-Zentren zusammengelegt werden?

Den Mangel an Organen und die Manipulationen beseitigen wir nicht, indem wir einfach die Transplantationszentren zusammenlegen. Das Problem liegt viel tiefer. In erster Linie müssen wir vom Bedarf ausgehen. Wer ist auf eine Transplantation angewiesen und wie lässt sich die niedrige Anzahl der Spenderorgane flächendeckend gerecht verteilen - das sind die dringenden Fragen. Grundsätzlich gilt: Nicht die Zahl der Transplantationszentren ist entscheidend, sondern die regionale Verteilung und Versorgung. In Sachsen sind wir mit einem Zentrum für 4,2 Millionen Einwohner eher unterversorgt. Zudem sollte es eine Mindestzahl an Transplantationen geben, die an einem Zentrum durchgeführt werden müssen, um die Qualität zu gewährleisten. Oberstes Ziel sollte weiterhin sein, die Anzahl der Spenderorgane zu steigern. Das dürfte jedoch angesichts der aktuellen Entwicklungen schwer fallen.

Könnten diese ganzen Probleme und der Mangel an Spenderorganen durch eine Widerspruchslösung bei der Organspende vermieden werden?

Die neuen Regeln sind nicht ausreichend, mir persönlich wäre eine Widerspruchslösung lieber gewesen. Allerdings hat der neue Beschluss, bei dem die Krankenkassen ihre Versicherten um ein "Ja" zur Organspende bitten, noch keine Zeit gehabt, seine Wirkung zu entfalten. Jetzt haben wir das Problem, dass die Spendenbereitschaft bundesweit eingebrochen ist, zudem befürchte ich, dass wir bei den Überprüfungen noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen sind. Doch wir werden alles tun, dass zerstörte Vertrauen wieder herzustellen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.02.2013

Katrin Tominski

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