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Dresdens Frauen rüsten auf

Kriminalität: Sicherheitsempfinden sinkt rapide Dresdens Frauen rüsten auf

Bei Pfefferspray, Elektroschockern und Schreckschusspistolen steigt der Umsatz. Dass das Sicherheitsempfinden der Dresdner Frauen gesunken ist, belegt auch die extrem gestiegene Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen. DNN sprach mit Polizei, Staatsanwaltschaft und Kommunalpolitikern über die Sicherheitslage.

Anne Dittrich (21) ist eine der Frauen, die bei Jörg Eckstein in Pieschen einen Selbstverteidigungskurs belegt

Quelle: Boris Roessler/dpa

Dresden.  Werner Reinhold König betreibt seit 1993 ein kleines Waffengeschäft auf der Radeberger Straße. Eigentlich verkauft der Rentner nur noch nebenberuflich Jagdwaffen und Zubehör. Doch seit Mitte des letzten Jahres stehen Frauen allen Alters bei ihm Schlange. „Manchmal kommen über 30 Kundinnen am Tag und erkundigen sich nach Abwehrmitteln, so der 67-Jährige. Vor allem Pfefferspray ist gefragt.

Laut Verband der Deutschen Büchsenmacher (VDB) sei der Absatz des Reizgases seit August 2015 rasant gestiegen. „Die Verkaufszahlen haben sich deutschlandweit, auch in Dresden, mehr als verdoppelt“, erklärt VDB-Geschäftsführer Ingo Meinhard. Um absolute Zahlen für die Jahre 2014 und 2015 zu ermitteln, gab der Verband jüngst eine Studie beim größten Deutschen Marktforschungsinstitut GfK in Auftrag. „Wir hoffen so, einen detaillierten Überblick über Verkaufszahlen und Verkaufsorte zu bekommen“, erklärt Meinhard.

 Auch bei Schreckschusspistolen und Elektroschockern steigt der Umsatz, das berichtet Werner Reinhold König. „Viele Frauen erkundigen sich nach Alternativen zum Pfefferspray. Aber ich rate prinzipiell von Elektroschockern und Co. ab. Diese Geräte sind gefährlich und können Frauen in Notsituationen oft mehr schaden als helfen“, so der Waffenverkäufer. Doch da in nahezu allen Dresdner Waffengeschäften Ende des letzten Jahres Pfefferspray so gut wie ausverkauft war, stieg folglich der Absatz von anderen, frei erhältlichen Abwehrmitteln wie Elektroschockern oder Schreckschusspistolen.

„Wenn man sich unsicher fühlt und es kein Reizgas gibt, greift man halt zu Alternativen“, so VDB-Geschäftsführer Meinhard. Was viele nicht wissen: Schreckschusspistolen dürfen zwar legal erworben werden, doch zum Mitführen und Benutzen bedarf es dem sogenannten kleinen Waffenschein. Dieser kann bei der Stadt beantragt werden. Laut Ordnungsamt ist die Zahl der kleinen Waffenscheine seit 2013 um 30 Prozent gestiegen, im Vergleich zum Vorjahr jedoch nur gering. Im Dezember 2015 gab es in Dresden davon etwa 900.

Selbstverteidigungskurse sind gefragt

Dass das Sicherheitsempfinden der Dresdner Frauen gesunken ist, belegen auch die Zahlen der Selbstverteidigungskurse. „Die Teilnehmerzahl hat sich seit August des letzten Jahres verdoppelt“, berichtet Jörg Eckstein. Er ist seit 1995 Kampfsporttrainer und betreibt das Nugmui-Studio in Pieschen. Er bietet seinen Kundinnen einen Selbstverteidigungskurs an, der jeweils über zwei Monate geht.

 „Wir planen demnächst einen zweiten Kurs zu etablieren, um die Nachfrage abzudecken. Einen derartigen Ansturm habe ich in meinen 20 Jahren als Trainer noch nie erlebt“, so der Kampfsportlehrer. Er unterrichtet die Frauen nicht nur in Kampftechniken und Gefahrenabwehr, sondern erteilt auch Ratschläge, um gefährliche Situationen grundsätzlich zu vermeiden. „Es geht dabei um vorsorgliches Verhalten und frühes Erkennen spezieller Angriffe gegen Frauen“, so Eckstein. Sollte es doch zu einem Angriff kommen, können sich Frauen mit erlernten Techniken gegen konkrete Aktionen der Angreifer wie Treten, Festhalten oder Heranziehen wehren.

Abwehrmittel aus Waffengeschäften hält der Kampflehrer prinzipiell für unnötig. „Pfefferspray gibt zwar ein Gefühl der Sicherheit, doch ob es im Notfall wirklich hilft, ist fraglich“, so der Experte. Er trainiert mit den Frauen auch die Abwehr mit Hilfe alltäglicher Gegenstände wie Kugelschreiber, Schlüssel oder Regenschirme. Absolute Sicherheit kann er nicht garantieren. „Viele Frauen überschätzen nach Selbstverteidigungskursen auch ihre Kräfte. Deshalb spielt die psychologische Komponente in meinen Kursen eine große Rolle“, so Eckstein.

Das sagen Behörden und Politik

Ob das offensichtlich geringere Sicherheitsgefühl der Dresdner Frauen begründet ist, oder ob es sich schlicht um Panikmache handelt, lässt sich nach Angaben der Behörden nur sehr schwer feststellen. Polizei und Staatsanwaltschaft können derzeit keine Auskunft geben, ob sich die Übergriffe auf Frauen im öffentlichen Bereich seit August 2015 erhöht haben. „Die offizielle Kriminalstatistik für 2015 erscheint frühestens Ende des ersten Quartals 2016“, erklärt Polizeisprecherin Jana Ulbricht. Selbst dann sei es laut den Beamten nur sehr schwer möglich, aus konkreten Tatbeständen Übergriffe jeglicher Art auf Frauen herauszufiltern.

Auch Oberstaatsanwalt Lorenz Haase bestätigt das: „Man müsste jedes Strafverfahren einzeln überprüfen, ob es sich um den konkreten Tatbestand eines Übergriffes in der Öffentlichkeit auf eine Frau handelt“, Das sei laut dem Oberstaatsanwalt zwar nicht unmöglich, aber „unverhältnismäßig aufwendig“. „Dresden ist noch immer eine der sichersten Städte Deutschlands. Daran hat sich auch in den letzten Monaten nichts geändert“, führt Haase fort.

Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) kann das gesunkene Sicherheitsempfinden zwar verstehen, warnt aber ebenfalls vor Panikmache. „Wenn in so kurzer Zeit solch drastischen Veränderungen geschehen, wie beispielsweise die Verdoppelung der Ausländerquote innerhalb weniger Monate, verunsichert das die Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass automatisch die Kriminalität steigt“, so Hilbert.

Christian Avenarius, Vorsitzender der Dresdner SPD-Fraktion, teilt diese Ansicht. „Anscheinend geht der Sinn für die Realität verloren. Taten durch Ausländer oder Asylbewerber werden leider anders beurteilt und führen zu einer falschen Wahrnehmung der Realität. Die Sicherheitslage in der Stadt ist unverändert sehr gut“, so der Oberstaatsanwalt.

Mit dem Aufrüsten der Dresdner Frauen durch Pfefferspray und Co. haben Politiker und Behörden indes keine Probleme. „Solange die Menschen respektieren, dass das Gewaltmonopol bei Polizei und Ordnungsamt liegt, kann sich natürlich jeder mit frei erhältlichen Mitteln eindecken, um sein persönliches Sicherheitsempfinden zu erhöhen, erklärt Christian Hartmann.

 

Selbstverteidigungskurse für Frauen

Folgende Kampfschulen bieten Selbstverteidigungskurse speziell für Frauen an:

Kampfsportschule Nug Mui, Kleiststr. 10b, 01129 Dresden, Tel.: 0351 / 472 20 35; E-Mail: info@nugmui.de; Internet: www.nugmui.de

Kampfsportschule Schule Krav Maga, Freiberger Straße 69–71, 01159 Dresden, Tel: 0351 / 3286162; E-Mail: b.schumann@fudomyoo.de; www.kravmaga-dresden.com

Street Defence Dresden, Am Schießhaus 19, 01067 Dresden, Tel: 0173 - 7 33 85 60; E-Mail: info@die-selbstverteidigung.de; Internet: www.die-selbstverteidigung.de

Taekwondo - Allkampf - Sport - Gemeinschaft Dresden e.V., Sorbenstraße 5, 01237 Dresden, Tel: 0351/ 485 214 93; E-Mail: info@sport-baldauf.de; www.tasg-dresden.de

Von Sebastian Burkhardt

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