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Dresdens Ex-Stadtplanungsamtschef Jörn Walter mahnt bei Hafencity zu mehr Gelassenheit

Dresdens Ex-Stadtplanungsamtschef Jörn Walter mahnt bei Hafencity zu mehr Gelassenheit

Rund vierzehn Jahre nach seinem Wegzug aus Dresden sitzt Jörn Walter in seinem Büro zwischen großen Umzugskisten. Wieder - denn Hamburgs Oberbaudirektor ist erst vor wenigen Wochen mit der kompletten Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) aus der City nach Wilhelmsburg gezogen.

Ein Gespräch über städtebauliche und soziale Aspekte des Bauens, demografischen Wandel, Hamburg und Dresden, die Zukunft der Stadt und die Stadt der Zukunft.

Frage: Deutschland zeigt sich uneinheitlich - Städte wie Hamburg, München, aber auch Dresden werden immer beliebter und wachsen, ländliche Regionen verlieren Einwohner. Woran liegt dieser Trend?

Prof. Jörn Walter: Ich sehe dafür zwei Gründe: Zum einen liegen immer mehr Arbeitsplätze in den Metropolen, vor allem in Zukunftsbranchen wie IT- und Dienstleistungsberufen. Da es anders als früher immer weniger Lebensarbeitsplätze gibt, bietet die Stadt mehr Chancen und Möglichkeiten im Fall eines Jobverlusts. Größere Arbeitsmärkte geben bei der Familienplanung etwas mehr Sicherheit - wer in einer Stadt wohnt, muss beim Arbeitsplatzwechsel nicht per se die Gefahr eines Umzugs eingehen. Das zweite Plus ist, dass große Städte bessere Bildungsangebote mit ihren Ausbildungsstätten, Universitäten und Forschungseinrichtungen bieten - ein maßgebliches Zuzugsargument für die jüngere Bevölkerung.

Hamburg hat das Motto der "wachsenden Stadt". Welche Bedeutung haben da Vorzeigeprojekte wie die laufende Internationale Bauausstellung oder die HafenCity?

Beide erschließen zuvor ungenutzte Potenziale. Im Zuge der IBA sind etwa 1000 neue Wohnungen entstanden und 600 Wohnungen saniert worden - von privaten Bauherrn, die den Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg bisher "übersehen" hatten. Das ging nur durch eine Gesamtstrategie für den Stadtteil, die zugleich auf neue Bildungsangebote, öffentliche Räume wie den neuen Gartenschaupark, soziale Mischung und klimaneutrale Bauweisen setzt. Und auch die HafenCity, mit rund 6000 Wohnungen das größte Wohnungsbauprojekt Hamburgs, verfolgt diese Prinzipien und bietet anders als ihr Ruf nicht nur teure Eigentumswohnungen, sondern Platz für viele Baugemeinschaften und Genossenschaftswohnungen.

Apropos HafenCity: Brauchen selbst Weltstädte Prestigeobjekte wie die Elbphilharmonie?

Zwingend braucht Hamburg die Elbphilharmonie natürlich nicht. Und dennoch ist sie ein kultureller Botschafter, der weit strahlt und zeigt, dass unsere Zeit nicht nur profane kommerzielle Ziele verfolgt. Das macht man natürlich nicht jeden Tag, wie man auch eine Semperoper nicht alle Tage baut. Schon lange vor ihrer Eröffnung ist das Musikangebot in Hamburg zum Beispiel durch die laufenden Elbphilharmoniekonzerte jedenfalls spürbar reicher geworden.

Sie haben neun Jahre in Dresden gearbeitet. Welche Beziehung haben Sie noch zur Stadt?

Ich bin zwar nicht mehr ganz so oft in Dresden wie anfangs, aber alle eineinhalb bis zwei Jahre bin ich schon dort. Inzwischen betrachte ich viel als Außenstehender, denn es tut sich ja immer noch viel.

Wie sehen Sie Ihre Zeit in Dresden heute?

Die Phase kurz nach der Wende waren Jahre der Neuorientierung. Es gab viele Hoffnungen, auch Sorgen - gerade was Stadtplanung und Bauen anging. Zu Recht wurden darum teils heftige Debatten um Gestaltung geführt. Ich finde aber, dass Dresden, sein Charakter und sein Stadtbild im Großen und Ganzen nicht nur intakt geblieben sind, sondern gewonnen haben. Bis auf wenige Ausnahmen halte ich die Neugestaltung städtebaulich für gelungen.

Welche Beispiele fallen Ihnen da besonders ein?

Beispielsweise die Gestaltung der Elbufer mit ihren Neubauten. Markante Gebäude wie Landtag, Synagoge oder das neue Kongresszentrum halten ihrer bedeutenden Umgebung stand. Viele hielten damals die Prager Straße für nicht zu retten - wenn ich sie aber heute an einem sonnigen Tag mit vielen Passanten sehe, scheint die Erhaltung dieses besonderen Ensembles doch gelungen.

Auch in Dresden soll es eine Hafencity geben, über die viel diskutiert wird. Kritiker befürchten ein Nobelviertel...

Diese Diskussion kenne ich nicht in Einzelheiten. Aber anders als derzeit hier in Hamburg ist der Druck auf den Wohnungsmarkt in Dresden immer noch geringer. Insofern kann ich manche Befürchtung verstehen, rate aber zu etwas Gelassenheit.

Was tut Hamburg, um bezahlbaren Wohnraum zu erhalten und neuen zu schaffen?

Wir denken zweigleisig: quantitativ und qualitativ. Quantitativ ist das Ziel, jährlich 6000 neue Wohnungen zu schaffen. Die entstehen als Mix aus Eigentum, freien Mietwohnungen und preisgünstigem Wohnen: ein Drittel der Neuplanungen muss geförderter Wohnungsbau sein. Gleichzeitig schützen wir bestehende Wohnungen vor Preissteigerungen durch Maßnahmen wie soziale Erhaltungsverordnungen. Diese sollen verhindern, dass angesagte Stadtteile ihre alteingesessenen Bewohner verlieren. Die Mischung muss stimmen - auch in neuen Quartieren. Hier wie dort müssen Städte jetzt und in Zukunft stärker Nachbarschaften fördern und Angebote für alle Generationen machen - für junge Ein- bis Zwei-Personen-Haushalte über Familien bis hin zur Seniorenwohnanlage im Stadtteil. Metropolen wie Hamburg haben heute schon mehr als 50 Prozent Singlehaushalte - da müssen Quartiere und Nachbarn mehr und mehr sozialen Halt bieten und das Auffangen, was früher die Großfamilie bot. Dazu gehört auch das Thema Inklusion für ältere Bürger. Das betrifft Altbauten, die umgebaut und barrierefrei gemacht werden müssen etwa durch Aufzüge, aber auch Neubauten, die sich schon heute auf unsere alternde Gesellschaft einstellen müssen.

Haben Sie eine Vision der Stadt der Zukunft?

Zukünftig werden Menschen die Städte sicher anders nutzen. Schon jetzt zeigt sich, dass die neue Generation sich eine Stadt anders aneignet und sich anders in ihr fortbewegt, als dies im 20. Jahrhundert üblich war. Vor allem das eigene Auto hat weniger Stellenwert als noch vor 20 oder 30 Jahren. Dank neuer Medien wie dem Smartphone kann man mit Mietwagen, Car2go, Stadtrad sowie Bus und Bahn viel intelligenter unterwegs sein und leben. Das bringt eine neue Flexibilität. Man muss nicht mehr alles besitzen, sondern kann es je nach Bedarf benutzen.

Christoph Schumann

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