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Dresden: Obermeister in Sorge um sein Handwerk

Dresden: Obermeister in Sorge um sein Handwerk

Den dicken schwarzen Kater zieht es mit Macht in die warme Werkstatt. Vielleicht weiß er aber auch, dass sein kontrastfarbenes Fell im Reich des Gipses für besondere Aufmerksamkeit sorgt.

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Stuckateurmeister Robert Uelze beim Anfertigen einer Silikonform. Er fertigt hauptsächlich Elemente in der Formensprache der Gründerzeit oder des Jugendstiles.

Quelle: Dietrich Flechtner

Von Genia Bleier

Die schlank geformte Katzendame neben anderen Figuren beachtet er nicht. Beide Tiere sind hier mehr eine Randerscheinung. Aber eine nette. Hauptrollen spielen in Robert Uelzes Werkstatt vielmehr Konsolen, Leisten, Profile, Rosetten, Baluster, Säulen. Alles in Weiß. Es sind Arbeiten des Stuckateurmeisters oder seiner Mitarbeiter.

In einem Kleinzschachwitzer Dreiseithof, direkt neben dem Putjatinhaus hat sich Uelze seinen romantischen Wohn- und Arbeitssitz geschaffen. Der langjährige Obermeister im Regierungsbezirk Dresden ist gerade dabei, die Silikonform einer historischen Rosette herzustellen, trägt immer wieder mit einem Löffel die Kunststoffmasse auf. Eine Tätigkeit, die keinen Zeitaufschub duldet. Nur für die Formen kommt Kunststoff zum Einsatz. Sonst hat er hier nichts zu suchen. "Stuck ist immer ein mineralisches Bindemittel, Gips oder Kalk, dem Zuschlagstoffe wie Sande zugesetzt werden", erklärt der Meister. Die Gipsmischung, die er verwendet, bleibt ein Betriebsgeheimnis.

Formen- und Modellbau ist das Spezialgebiet

Das Stuckateurhandwerk gab es schon in der Antike. Als Ursprung werden spezielle Mörtelschichten angesehen, die die Wände geglättet haben für eine nachfolgende Bemalung. Der Beruf umfasst auch heute noch Putz- und Trockenbauarbeiten, Fassadengestaltung und die Dekoration von Innenräumen durch den Stuckmodelleur. Auch der Marmorist - anfertigen von Stuckmarmor - gehört dazu. Uelzes Spezialgebiet ist das Entwerfen von Modellen und die Herstellung der entsprechenden Formen. Er fertigt hauptsächlich in der Formensprache der Gründerzeit und des Jugendstils. Historische Stilelemente werden bewahrt und in eine neue Komposition überführt. Das Duplikat eines alten Stuckteils würde den gängigen Qualitätsansprüchen nicht mehr entsprechen, erklärt der Meister. Das Originalstück müsste ausgebaut werden und sei dann oft verzogen und unbrauchbar.

Die Uelze Stuck- und Putzrestaurierung GmbH hat in der Branche einen ausgezeichneten Namen und ist europaweit gefragt. Stuckteile für historische Gebäude werden aus Klein-zschachwitz vor allem in die deutschsprachigen Länder versandt. In Sachsen tragen weit über 100 Villen die Stuck-Handschrift des Unternehmens, darunter die Grützner-Villa in Dresden. Im Residenzschloss wurden Gewölbedecken angefertigt, für das Kronentor des Zwingers Figuren aus Gips. In Bayern ist Uelze gegenwärtig an der Rekonstruktion barocker Kirchen beteiligt. Und was wäre der Ballsaal des Königshofes (ehemals Strehlener Hof) ohne seine Säulen. Auch sie stammen aus der Werkstatt Uelze, wieder gewonnen aus 16 Tonnen Gips anhand zweier handtellergroßer originaler Teile und zweier Postkarten. Die Kunst aber bestand darin, die Säulen maßstabsgetreu zu verkleinern, weil der gesamte Saal heute etwas niedriger ist.

Ende des Jahres begeht die Firma ihr 25-jähriges Bestehen. Zuvor, im Oktober, lädt der Obermeister wieder zum jährlichen Stuckateurtreffen in seinen Hof. "Eine tolle Sache", findet er. Da tauschen sich auch Handwerker aus, die den Beruf schon Anfang der 1950-er Jahre ergriffen haben und längst nicht mehr in Dresden leben. Er habe ursprünglich Werkzeugmacher in der früheren Dresdner Gold- und Silberschmiede gelernt, berichtet Uelze. Die Ornamentik, mit der er es zu tun hatte, sei ähnlich gewesen, aber für seinen Geschmack viel zu klein. So machte er beim Architekturmodellbau eine Umschulung zum Werkstattstuckateur. Sein Credo: Traditionelle Formen und Techniken bewahren, aber auch innovativ sein und in die Zukunft schauen.

Kritik: Sachsen verjagt seine Lehrlinge

Heute fürchtet der Obermeister um den Fortbestand des alten Handwerks, ausgerechnet im kunsthistorisch reichen Sachsen. Bis 2003 wurden in seiner Firma auch Lehrlinge ausgebildet. Doch damit ist lange Schluss. Grund sei der Zwang im Freistaat zur überbetrieblichen Ausbildung in Zentren. "Der Lehrling ist weniger als ein Drittel seiner Lehrzeit im Lehrbetrieb. Es kann keine Bindung entstehen. Das kann sich auch finanziell niemand leisten", so Uelze. "Auf diese Weise stirbt das Handwerk in Sachsen", ärgert er sich. Sein Sohn - jetzt zwölf Jahre alt und schon sehr interessiert - soll mal in Augsburg in die Lehre gehen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.02.2012

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