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Dresden-Gorbitz: Momentaufnahme aus dem Stadtteil, in dem viele Dresdner Asylbewerber ein Zuhause finden

Dresden-Gorbitz: Momentaufnahme aus dem Stadtteil, in dem viele Dresdner Asylbewerber ein Zuhause finden

Anfang Februar leben in Dresden 2061 Asylbewerber. Die Mehrzahl wohnt dezentral in so genannten Gewährleistungswohnungen. Die sind ungleich über das Stadtgebiet verteilt.

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Symbolfoto

Quelle: dpa

Während die Statistik für Klotzsche und Loschwitz keine einzige für Asylbewerber angemietete Wohnung ausweist, gibt es per 7. Januar in Gorbitz 732 Plätze – so viel wie in keinem anderen Ortsamtsbereich.

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Seidel besucht Wohnung für Asylbewerber

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Die Wohnungen befinden sich „dort, wo ohnehin die sozialen Brennpunkte sind“, weiß Wolfgang Müller vom Quartiersmanagement Gorbitz. Dort gibt es eine Asylsprechstunde. DNN-Redakteurin Catrin Steinbach hat sich dazu gesetzt.

Der 53-jährige Jörg Rohleder ist schwerbehindert und langzeitarbeitslos, wohnt an der Harthaer Straße in einem der sozialen Problemviertel von Gorbitz und ist so einiges gewöhnt. Seit einiger Zeit hat er Marokkaner als Nachbarn. „Das gab ganz schön Krach am Anfang“, erzählt er. „Die waren immer nachts  aktiv, an Schlaf war da nicht zu den-ken. Einmal gab es auch eine Auseinandersetzung, wo ich die Polizei holen musste. Irgendwie haben die sich da in die Haare gekriegt. Einer hat sogar geblutet.“

Mittlerweile habe sich die Situation beruhigt. „Es hieß mal, ich soll Störprotokolle schreiben. Aber das ist doch Quatsch. Ich finde, man muss versuchen, das mit den Leuten selbst zu klären. Ich möchte gern, dass es harmoniert.“ Mittlerweile grüße man sich gegenseitig freundlich. „Sie haben auch schon ein Paket für mich angenommen“, erzählt er.

Rohleder möchte mit den jungen Männern gern näher ins Gespräch kommen, hat nach eigener Aussage begonnen, ein bisschen Englisch zu lernen. Aber noch ist die Sprachbarriere groß. Deshalb hat er jetzt die Asylsprechstunde, die das Quartiersmanagement Gorbitz anbietet, aufgesucht. Er hofft darauf, dass er hier jemanden findet, der ihm bei der Kontaktaufnahme hilft. Auch von seinem Geschirr könne er etwas abgeben, sagt er. „Ich brauche nicht mehr so viel, muss ja keine Kompanie beköstigen.“

Munkhjargal Flad arbeitet beim Sächsischen Umschulungs- und Fortbildungswerk Dresden e.V.. Sie ist Sozialbetreuerin und als wir sie treffen für 160 Asylbewerber zuständig. Sie kennt die Wohngruppe mit den Marokkanern, von denen Jörg Rohleder spricht, und sagt zu, ihn das nächste Mal mitzunehmen.

„Es gibt immer wieder Meldungen, dass Asylbewerber nachts zu laut sind“, weiß Munkhjargal Flad. „Jeder bekommt von uns die wichtigsten Punkte der Hausordnung in einer für ihn verständlichen Sprache. Man muss sich aber vor Augen halten, dass die Menschen aus anderen Kulturkreisen kommen und sich erst an das Leben hier gewöhnen müssen. Es dauert einfach seine Zeit, bis sie verstehen, wie die Deutschen ticken, wie etwas funktioniert und bis sie ihr Verhalten anpassen“, so die Erfahrung von Frau Flad. Hinzu komme, dass die Asylbewerber keinen geregelten Tagesablauf haben, nicht arbeiten gehen und sich nicht aus einem bestimmten Gebiet heraus bewegen dürfen. „Sobald sie in die Schule gehen oder eine Arbeitsgelegenheit über das Sozialamt bekommen, ist meist sofort eine Änderung zu spüren“, so die Sozialarbeiterin.

Immer wieder erlebt sie verärgerte und auch verängstigte Einwohner, die in jedem Asylbewerber einen potenziellen Straftäter vermuten. Und immer wieder erlebt sie auch Neid. „Die kriegen es doch vorne und hinten reingesteckt“,  heiße es, wenn Wohnungen für Asylbewerber vorbereitet werden. „Meist sind das Wohnungen, die aufgrund ihres schlechten Zustandes vorher unvermietbar waren. In denen wird das Allernötigste gemacht, damit man dort überhaupt wieder wohnen kann“, argumentiert Munkhjargal Flad. Bett, Tisch, Stuhl, Schrank – viel mehr Ausstattung ist da nicht. Auch kein Teppich, keine Vorhänge – nichts, was wenigstens ein bisschen die Geräusche dämmen könnte, die eben beim Wohnen entstehen.

Wenn junge Asylbewerberinnen, die im Erdgeschoss wohnen, Zeitungen an die Fenster kleben, um sich wenigstens etwas vor neugierigen Blicken zu schützen, sorgt das garantiert für böses Blut in der Nachbarschaft. Und auch dass gefühlt alle Asylbewerber ein schickes Smartphone besitzen. „Die sind heute kein Luxusgut mehr. In Indien haben die Leute in Bruchbuden gelebt, wussten kaum was sie den nächsten Tag essen, aber hatten ein Handy“, so die Erfahrung von Julia Leuterer, eine junge Dresdnerin, die ehrenamtlich bei der Betreuung von Asylbewerbern hilft.

„Gebrauchte Smartphones gibt es heute schon für relativ wenig Geld. Telefoniert wird über prepaid. Für die Asylbewerber ist ein Mobiltelefon die einzige Möglichkeit, Verbindung zu Angehörigen zu halten“, ergänzt Munkhjargal Flad. Sie erzählt, dass es wie in jeder Wohngemeinschaft auch bei den Asylbewerbern immer wieder zu Auseinandersetzungen kommt. „Die Menschen leben auf sehr engem Raum für eine unbestimmte Zeit zusammen, haben keine Privatsphäre. Sie müssen sich arrangieren, auch wenn sie miteinander überhaupt nicht klar kommen“, so die Sozialarbeiterin. Nicht nur einmal waren völlig entnervte Menschen bei ihr. „Der eine fand in der Wohnung einfach keinen Schlaf, weil immer einer seiner Mitbewohner aktiv war. Für den anderen war es unerträglich, dass sich die anderen nicht am Saubermachen beteiligen.“

Catrin Steinbach

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