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Drei Tage kein Hunger, kein Durst, kein Schmerz: Drogenbanden züchten Crystal in Geheimlaboren

Drei Tage kein Hunger, kein Durst, kein Schmerz: Drogenbanden züchten Crystal in Geheimlaboren

Vietnamesische Rauschgiftbanden überschwemmen etwa seit dem Jahr 2009 von Tschechien aus Ostsachsen immer mehr mit "Crystal". Die Synthetikdroge frisst sich aber zunehmend weiter westlich in den Freistaat hinein und streckt seine Fänge nun auch in die Nachbarländer aus.

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Von der Polizei sichergestelltes Crystal: Die Synthetikdroge ist meist trübweiß, wird von den Produzenten aber manchmal auch bunt eingefärbt.

Quelle: dpa

Das geht aus übereinstimmenden Informationen von Drogenfahndern des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen, des Zolls und der Polizeidirektion (PD) Dresden hervor.

Wurden die euphorisierenden, aber letztlich sehr tückischen Kristalle, die das Zentrale Nervensystem angreifen, demnach bis 2007/08 vor allem in eher kleinen Mengen in Hinterzimmern und Bädern von Privatwohnungen von Tschechen und Sachsen synthetisiert, haben mittlerweile vietnamesische Drogenringe in Tschechien die Crystal-Produktion und den Vertrieb übernommen. Sie erzeugen das Rauschgift nach Meinung der Ermittler nun in wachsenden Mengen und Qualitäten in professionellen Geheim-Laboren im Nachbarland und verticken es vorzugsweise in rund 50 Asia-Märkten entlang der tschechisch-deutschen Grenze.

Dagegen gibt es in der "Feinverteilung" an die Süchtigen in Sachsen bisher erst wenige bandenmäßige Strukturen: Crystal-Konsumenten in Ostsachsen holen sich die Drogen in kleinen und mittleren Mengen meist selbst in den Asia-Märkten direkt hinter der Grenze. Oft legen ganze Freundeskreise ein paar Hundert Euro zusammen, einer zieht ein Los und schmuggelt die Kristalle dann per Fahrrad, S-Bahn, Auto oder zu Fuß über die grüne Grenze.

Drogenkristalle in Ü-Eiern

Dabei sind die Laien-Schmuggler sehr einfallsreich: Da man bei Tagesdosen um die 0,2 Gramm keine auffälligen Großportionen des hochwirksamen Rauschgifts verstecken muss, füllen sie das Crystal in Überraschungseier, Radlenker, Brötchen, Limo-Flaschen, Socken, Asthma-Spraydosen, Hamburger oder transportieren es schlicht im Bauchnabel - und kommen mit den so eingeführten Drogen oft wochenlang hin.

"An einer offenen Grenze wie zwischen Deutschland und Tschechien kann keiner diese Mengen an Drogentourismus kontrollieren", räumt Zollamtmann Toralf Look ein, Vizechef der gemeinsamen Ermittlungsgruppe "Rauschgift" von LKA und Zoll. "Man kann ja nicht jeden Radler abfangen und von ihm fordern, sein Fahrrad auseinanderzubauen."

Polizei vermutet hohe Dunkelziffer

Auch Kriminalhauptkommissar Holger Klemm, der in der PD Dresden das zuständige Kommissariat 22 leitet, ist von einer hohen Dunkelziffer überzeugt. "Wenn wir im Jahr etwa ein halbes Kilo Crystal in der Stadt sicherstellen, können Sie getrost davon ausgehen, dass das nur zehn bis 15 Prozent der Umlaufmenge waren", schätzt er.

Doch obgleich sich der "Einzelhandel" mit Crystal in Sachsen bisher noch kaum professionalisiert hat: Erste gewerbsmäßige Tendenzen haben die Ermittler bereits festgestellt. So fiel die Gruppe "Rauschgift" ein Schreiner aus Bautzen auf, der in seiner Firma 0 Euro Umsatz machte - und doch in Saus und Braus lebte, mit teuren BMWs und Motorrädern umherfuhr, eine Jacht besaß... Wie sich herausstellte, war der Mann Kopf einer Bande, die sich auf den Weitervertrieb von Crystal aus Tschechien spezialisiert hatte. "Bei der Durchsuchung haben wir beim ihm auf einem Tisch eben mal 18.000 Euro Bargeld liegen gesehen - der hat vom Crystal-Schmuggel gut leben können", berichtet der 1. Kriminalhauptkommissar Harald Schwab vom LKA, der die gemeinsame Ermittlungsgruppe leitet.

Ein Mavi für ein Gramm Crystal

"Je weiter westlich man kommt, um so professioneller werden die Vertriebsstrukturen", sagt Schwab. Bei den erzielbaren Gewinnspannen ist das kein Wunder: Die liegen in Dresden bei etwa 100 Prozent, in Leipzig bereits bei über 200 Prozent. Und dann spielt auch Beschaffungskriminalität eine ernste Rolle: In der Messestadt gilt in der Szene der Umtauschkurs: Für ein geklautes Navigationsgerät oder ein hochwertiges Fahrrad gibt es ein Gramm Crystal.

Diesen ganzen Sumpf auszutrocknen, davon ist die Polizei allerdings weit entfernt. Die Spezialisten der PD Dresden zum Beispiel nehmen nach Tipps oder Zufallsfunden bei Autokontrollen immer wieder mal Kuriere oder kleinere Crystal-Lager hoch, für größere eigene Ermittlungsinitiativen aber fehlt das Personal. Darum kümmert sich wiederum die LKA-Zoll-Gruppe, aber auch der sind ab einem bestimmten Punkt die Hände gebunden: Weil jenseits der Grenze gelegen, können sie nicht eben mal die Asia-Märkte ausheben, die ihnen als Crystal-Umschlagplätze bekannt sind.

Hinzu kommt: Selbst wenn die Polizisten in Uniform oder die verdeckten Ermittler in Zivil einen Schmuggler auf frischer Tat schnappen, kann die Festnahme zum gefährliches Spiel werden. Denn die Erwischten wehren sich nicht nur aus Angst vor Strafe wie wild, viele von ihnen haben selbst etwas von dem Zeugs eingeworfen. Oft braucht es dann vier bis fünf Polizisten, um einen Mann in den Griff zu bekommen. "Crystal zu nehmen, bedeutet zwei bis drei Tage lang: kein Hunger, kein Durst, kein Schmerz", weiß Schwab. "Die Leute sind dann enorm aggressiv".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.03.2013

Heiko Weckbrodt

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