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Direktor des Universitätsklinikums in Aleppo ermordet - Arzt war zwei Jahre in Dresden tätig

Direktor des Universitätsklinikums in Aleppo ermordet - Arzt war zwei Jahre in Dresden tätig

Wie nah muss der Tod sein, dass er fassbar wird? Wie grausam ein entfernter Krieg, bevor er in Europa gegenwärtig ist? Wann werden Namen zu Menschen, ferne Schicksale zum persönlichen Leid? Mahmoud Tassabehji ist tot.

"Er arbeitete für die ganze Welt"

Sein lebloser Körper ist laut DNN-Informationen am Freitag nach sechs Wochen Geiselhaft im Norden von Aleppo gefunden worden. Syrische Sicherheitskräfte sollen die Leiche des Klinikdirektors entdeckt haben, niedergestreckt mit einem Kopfschuss. "Der Tod kommt zu uns allen", sagt Muhammad Jalkhi, Facharzt für Hals-Nasen- und Ohrenheilkunde (HNO) am Dresdner Universitätsklinikum. "Doch warum so früh, und warum auf diese Art?"

Doktorvater und Freund

Jalkhi hat bei Direktor Tassabehji in Aleppo seine ersten medizinischen Gehversuche unternommen, hat sich eingearbeitet in die Kompliziertheiten des menschlichen Körpers, in die Komplexitäten des Hals-Nasen-Ohrenbereichs. "Er half mir nach Deutschland zu kommen", erzählt der Arzt. "Ohne ihn wäre ich nicht hier." Mahmoud Tassabehji war sein Doktorvater und sein Freund. "Ich finde keine Worte, für das was geschehen ist", erklärt Jalkhi in seinem Dresdner Behandlungszimmer. "Er war wie ein Bruder für mich, wie auch für meine Kollegen." Wie zur Erinnerung wedelt er mit einem Blatt Papier, dem Auszug der Doktorarbeit des syrischen Direktors, einer bedeutenden Publikation. Verfasst 1998 mit dem damaligen Direktor der Dresdner HNO-Uniklinik Karl-Bernd Hüttenbrink.

Professor Hüttenbrink leitet heute die HNO-Uniklinik Köln. Nicht einmal 24 Stunden hat es gedauert, bis die Nachricht von Aleppo nach Köln vordrang. Verschickt über die digitalen Datenleitungen, welche die grausamen Meldungen über den syrischen Krieg in der ganzen Welt verteilen. "Es tut mir leid Ihnen zu sagen, dass Dr. Tassabehji Mahmoud der HNO Chefarzt in Aleppo Universitätklinik letzte Woche getötet wurde", schreibt einer seiner Landsleute und ehemaligen Kollegen an den Kölner Professor. "Heute habe ich es erfahren und schreibe Ihnen, weil ich weiß, dass Sie sich Sorgen machen". Versendet wurde die Mail mitten in der Nacht, um 03.13 Ortszeit. Elf Stunden früher, um 17 Uhr, vermeldet der regimetreue Nachrichtensender "Top News-Nasser Kandil" den Tod des Klinikdirektors aus Aleppo auf seiner Webseite. Nur wenige Zeilen lang ist die englischsprachige Nachricht unter der Rubrik "Top News." Dort titelt die Webseite "Direktor found dead". Tassabehji soll vor sechs Wochen vor seinem Haus von "Banden, der sogenannten freien syrischen Armee" gekidnappt worden sein. Sicherheitskräfte der syrischen Regierung hätten die Leiche des Direktors nahe des Restaurant der Zitadelle von Aleppo gefunden.

Umstände des Todes unklar

Auf dem der Regierung nahestehenden Blog "Democratic-Syria" ist ebenfalls von "Terroristen der freien syrischen Armee" die Rede. Die Autoren des Blogs sprechen von einer "Methode" die Intelligenz der Völker zu töten, die unterworfen werden sollen. Im gleichen Atemzug nennen sie die Ermordung von Ahlam Imad, der Professorin für Petrochemie an der Baath-Universität der syrischen Stadt Homs im Juni 2011, den Tod des Nuklearwissenschaftlers Aws Abdul Karim Khalil, der im September 2011 in Homs Opfer eines Anschlag geworden sein soll, sowie die Ermordung des Wissenschaftlers Nabil Zogheib und seiner Familie am 21. Juli diesen Jahres in Damaskus.

Der Dresdner Arzt Jalkhi hält von den Schuldzuweisungen nicht viel: "Es ist falsch, was "Democratic-Syria" und "Top News-Nasser Kandil" geschrieben haben. Sie lügen. Wir wissen nicht, wer Tassabehji getötet hat. Es ist nichts bewiesen. Auf diesen Webseiten steht nur Propaganda." Er traut den Nachrichten nicht über den Weg. "Die Wahrheit ist in unserem Land zurzeit nur schwer zu bekommen." Sowohl die regierungstreuen als auch die oppositionellen Truppen instrumentalisierten die Öffentlichkeit für ihre Zwecke. "Es wird Zeit, dass der Krieg vorbei ist. Wir brauchen Demokratie und Frieden in dem Land, das 7000 Jahre alt ist."

Die Umstände des Todes des Uniklinikdirektors bleiben verschwommen und im Dunkeln. Es kursieren Gerüchte, dass Tassabehji die Rebellen medizinisch verpflegen sollte, dass diese ein Lösegeld gefordert hätten und auch sonst an dem Geld des angesehenen Arztes interessiert gewesen seien. Doch nichts ist wirklich klar.

Klar ist nur, dass der ehemalige Arzt des Dresdner Uniklinikums eine Frau und zwei Kinder hinterlässt. "Es ist ein Schock zu hören, dass unser Freund Doktor Mahmoud Tassabehji getötet worden ist", schreibt der Kölner Professor Hüttenbrink zurück nach Syrien und nach Dresden. "Unser Mitgefühl ist bei seiner Familie und seinen vielen Freunden, die ich bei meinem Besuch in Aleppo vor vielen Jahren kennen lernen konnte. Ich hoffe, dass nicht noch mehr Leid über die Mitarbeiter der HNO-Universitätsklinik in Aleppo gekommen ist."

Kollegen sind geschockt

"Unfassbar" ist das Geschehene auch für Professor Thomas Zahnert, heutiger Chef der Dresdner HNO-Uniklinik, der Tassabehji persönlich mit ausgebildet hat. Er würdigt die Verdienste des verstorbenen Arztes: "Doktor Tassabehji war nicht nur ein intelligenter und sehr fleißiger, sondern auch sehr umsichtiger Mitarbeiter, der sich extrem kollegial verhalten hat", erklärt Zahnert. "Nach seiner Zeit als Gastarzt und seiner Rückkehr 1998 hatten wir große Lust mit ihm zu kooperieren." Tassabehji sei es zu verdanken, dass in den vergangenen Jahren ein reger wissenschaftlicher Austausch zwischen den Unikliniken in Dresden und Aleppo stattfand. "Vor über 400 jungen syrischen Ärzten hielten wir in Aleppo Vorträge, gaben OP-Kurse und operierten live".

"Wir sind total geschockt", sagt auch Bettina Hauswald, Fachärztin an der Dresdner Uniklinik, die mit Tassabehji damals intensiv zusammengearbeitet hat. "Da vergisst man ,30 Jahre Allergie', wenn man weiß, dass ein Mensch nicht mehr leben darf." Hauswald feiert am kommenden Mittwoch mit ihrer Abteilung das 30-jährige Jubiläum, das nach der traurigen Nachricht in den Hintergrund rückt. Nach seinem Tod, hat Hauswald die Publikation des Arztes wieder herausgekramt und in Kopie als Gedenken an ihre Kollegen verteilt.

Mahmoud Tassabehji kam 1996 als Gastarzt und Doktorand von Aleppo nach Dresden. "Er hat in dieser Zeit sehr anspruchsvolle Chirurgie gelernt und einen Ausbildungsstand erreicht, der einem deutschen Oberarzt entsprechen würde", erinnert sich HNO-Klinikdirektor Zahnert. Vor zwei Jahren hat er seinen Kollegen das letzte Mal in Dresden gesehen. "Doktor Tassabehji arbeitete nicht für sich und seine Karriere", sagt Jalkhi. "Er arbeitete für die ganze Welt."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.10.2012

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