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"Die acht Weltwunder" des Maarten van Heemskerck in einer Ausstellung des Kupferstich-Kabinetts in Dresden

"Die acht Weltwunder" des Maarten van Heemskerck in einer Ausstellung des Kupferstich-Kabinetts in Dresden

In seiner Zeit war er für große Gemälde, viele für Kirchen, bekannt. Dafür nannte ihn die Nachwelt den "Raphael de la Hollande". Mit einem grafischen Werk wiederum prägte Maarten van Heemskerck (1498-1574) sogar die neuzeitliche Vorstellungswelt: Die Rede ist von der von Philips Galle 1572 in Kupfer gestochenen Folge der "Acht Weltwunder", die gemeinsam mit mehr als 500 weiteren seiner zeichnerischen und grafischen Arbeiten zum Bestand des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gehört.

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Maarten van Heemskerck. Die acht Weltwunder, 1572. Blatt 1: Die Pyramiden von Ägypten, Kupferstich. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett

Quelle: SKD

Die Folge ist die erste bildliche Darstellung dieser antiken "Wunderwerke" in der Neuzeit, deren Örtlichkeiten freilich van Heemskerck und wohl auch ansonsten kein Westeuropäer bis dahin in Gänze gesehen hatte. Und jenes "Weltwunder", das der Künstler bei einem Romaufenthalt (1532-1535) sah und das in seiner Serie auch weitgehend im zeitgenössisch-realen Zustand als Ruine erfasst ist - das Kolosseum - fiel schon alsbald aus dem "Weltwunder"-Kanon heraus. Die anderen sieben aber, die bis heute als solche genannt werden - die ägyptischen Pyramiden von Gizeh (2500 v.Chr.), die hängenden Gärten von Babylon (800 v.Chr.), der Artemistempel von Ephesos (6. Jh.v.Chr.), der Tempel des Zeus in Olympia (432 v.Chr.), das Mausoleum von Halikarnassos (um 350 v.Chr.), der Koloss von Rhodos (291 v.Chr.) und der Leuchtturm von Pharos (280 v.Chr.) - erscheinen bei van Heemskerck weitgehend geprägt von den architektonischen und künstlerischen Vorstellungen seiner Zeit - der Renaissance.

Manches verrät die Vertrautheit mit der Schatzkunst respektive den Kunstkammern, etwa wenn Pyramiden eher an Obeliske oder ein Mausoleum an Prunkkassetten erinnern, wie sie Ende des 16. Jahrhunderts unter anderem von Wenzel Jamnitzer geschaffen wurden und wie man sie auch im Grünen Gewölbe findet. Die figürlichen Darstellungen dagegen lassen durchaus erkennen, dass der Künstler in Italien von der Kunst Michelangelos beeindruckt wurde.

Was aber brachte van Heemskerck dazu, sich mit dem Thema der "Weltwunder" auseinanderzusetzen, sie bildlich darstellen zu wollen? Es lag dazumal wohl "in der Luft". In Europa war die Zeit der großen Entdeckungen angebrochen, verbunden auch mit einer Ausweitung des Handels und der Gewinnung neuer Reichtümer, besonders bei den Seefahrernationen. Dieser Aufschwung brachte nicht nur Herausforderungen für Wissenschaften wie die Geografie oder Astronomie. Auch das Bild vom Menschen bedurfte neuer Fundierung - natürlich in enger Verbindung mit der Religion, aber unter Überwindung der Scholastik. Der Blick in die Geschichte der Menschheit, besonders die Antike mit ihren großen Projekten, ihren philosophischen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, ihrer Orientierung auf Geist und Körper, wofür auch die in Italien noch auffindbaren Skulpturen sprachen, erhielten neue Aktualität, wobei zugleich das Bestreben war, die Antike zu übertreffen. Es waren die großen "Humanisten", ihres Zeichens Universalgelehrte, darunter Erasmus, Hutten, Melanchthon, die die neue Art des Denkens und Handelns beförderten. Kunst und Künstler - Literatur ebenso wie bildende Kunst - spielten in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Die Spanne reicht von Namen wie Dante bis Cranach und eben van Heemskerck.

Dessen "Acht Weltwunder" kann man derzeit im Sponsel-Raum des Neuen Grünen Gewölbes bewundern. Der Ort ist passend wegen des Studiocharakters der Ausstellung, der traditionellen Verbindung von Kupferstichen und Kunstkammer und der bereits beschriebenen inhaltlichen Berührungspunkte zwischen Kleinarchitekturen der Schatzkunst und dem ins Phantastische gesteigerten Bildprogramm van Heemskercks. Die kleine, aber feine Schau - man sollte Zeit mitbringen zum Entdecken - bindet die "Acht Weltwunder" in Kunst und Literatur der Zeit ein. So findet man hier, ebenfalls aus dem Bestand des Kupferstich-Kabinetts, unter anderem die "Kosmographie" von Sebastian Münster (Basel, 1544), die wie viele andere Werke über die Jahrhunderte die Erzählung über die "Weltwunder" weiter trug.

Zu sehen sind aber auch die wichtigsten späteren Serien zum Thema: jene von Marten de Vos (1532-1603) und von Antonio Tempesta (1550-1630). Zur Verbreitung des bildlichen Kanons trugen aber ebenso Münzen und Medaillen bei, worauf sechs Beispiele aus dem Münzkabinett verweisen, geprägt in der römischen Kaiserzeit. Dabei sind drei Exemplare, die sich unmittelbar den "Weltwundern" widmen - dem Tempel von Ephesos, dem Leuchtturm von Pharos und dem Koloss von Rhodos, wobei letzteres besonders ist. Denn diese Münze wurde in der Zeit der Einweihung des Kolosses geprägt. Wie die "Sieben Weltwunder" bis in unsere Tage wirken, zeigt nicht zuletzt der Trailer zu Sergio Leones Film "Der Koloss von Rhodos" (1961), den man an einer Medienstation vor dem Sponsel-Raum ebenso sehen kann wie an einer weiteren den digitalisierten Bestand der Druckgrafik nach Maarten van Heemskerck im Dresdner Kupferstich-Kabinett.

Diese Erschließung, die Anlass für die Schau zur berühmtesten Druckgrafik-Serie dieses Künstlers ist, ist einem Schweizer Stipendiaten der Gugelmann-Stiftung zu verdanken, mit deren Stipendium dieser hier ein Jahr arbeitete. Dies ist umso sinnvoller gewesen, weil die Werke van Heemskercks wie die manch anderen Künstlers früherer Zeit überwiegend in Klebebänden verankert und damit auf andere Art kaum präsentierbar sind, würde doch heute - anders als im 19. Jahrhundert - im Kupferstich-Kabinett niemand mehr die historischen Klebebände auseinander nehmen.

Bis 16. Januar, täglich 10 bis 18 Uhr (Die geschlossen), Residenzschloss, Neues Grünes Gewölbe, Sponsel-Raum.

www.skd.museum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.10.2012

Lisa Werner-Art

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