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Die Schweine mit den lockigen Borsten

Michael Günther züchtet seltene Wollschweine Die Schweine mit den lockigen Borsten

Michael Günther aus Marsdorf im Dresdner Norden nennt sieben Wollschweine sein Eigen. Anders als ihre Artgenossen verfügen sie über lockige Borsten und Unterwolle. Gleichwohl grunzen sie genauso freudig wie herkömmliche Hausschweine, als ihnen der Züchter ein paar Hände voll Eicheln ins Gehege wirft.

Die dreijährige Zuchtsau Marlies bringt jedes Jahr Junge zur Welt. Als sie selbst noch ein Ferkel war, wäre sie um ein Haar von einem Kolkraben gefressen worden.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Zuchteber Bruno, die beiden Sauen Marlies und Martha und ihre vier Ferkel rüsseln im Schlamm und klauben jede einzelne Eichel wieder heraus, um sich an ihnen gütlich zu tun. "Wollschweine haben eine noch feinere Nase als Hunde", erklärt Michael Günther. Sie könnten sogar riechen, ob die Eicheln gut sind und schmecken.

Seit sieben Jahren hält der Züchter Wollschweine hinter seinem Haus, das inmitten des Landschaftsschutzgebietes Moritzburger Kleinkuppenlandschaft liegt. Seine Brötchen verdient der 48-jährige Meister als Installateur und Heizungsbauer in einem Ein-Mann-Unternehmen.

Michael Günther weiß, was er an seinen Tieren hat: "Wollschweine sind anspruchslos, umgänglich und wegen ihrer dichten Behaarung und der dicken Speckschicht kälteresistent", sagt er. Bruno und seine Familie haben jedes Jahr 2500 Quadratmeter Fläche zur Verfügung - mit schönen Schlammsuhlen und mehreren Hütten, in die sie sich bei Bedarf zurückziehen können. Dort bringen Marlies und Martha auch ihre Jungen zur Welt, die wie die Frischlinge vom Wildschwein gestreift sind. "Wollschweine halten ihre Behausungen sauber - dort, wo sie fressen und schlafen, scheiden sie keinen Kot aus", berichtet Michael Günther. Er setzt seine Wollschweine jedes Jahr samt Hütten um, damit sie wieder frisches Gras zur Verfügung haben. Platz genug hat er: Immerhin ist das Areal hinterm Haus etwa einen Hektar groß. Wollschweine seien in der Lage, die Wiese binnen einer Woche umzupflügen, weiß er.

Weil Wollschweine so robust sind, können sie das gesamte Jahr über im Freien leben, wenn ihnen wie bei Günthers ein Unterstand und eine Schlammsuhle zur Verfügung stehen. "Allerdings schwitzen die Tiere nicht, sie brauchen die Suhle, um im Sommer ihre Temperatur zu regulieren", erklärt der Züchter.

Wollschweine kommen in drei verschiedenen Farbschlägen vor: Es gibt Großrahmige Blonde, Rote Mangalica und schwalbenbäuchige Wollschweine. Günthers Tiere verfügen über einen Schwalbenbauch - oben schwarz, unten weiß. Wie alle Wollschweine sind sie gutmütig und zutraulich: "In der warmen Jahreszeit legen sie sich auf die Seite, schnaufen vor sich hin und lassen sich stundenlang kraulen", erzählt der 48-Jährige.

Den zweijährigen Bruno hat Michael Günther aus Bayern nach Sachsen geholt. Marlies und Martha sind Schwestern und stammen aus der Uckermark. Martha ist die Chefin, obwohl sie etwas zierlicher aussieht. "Und Marlies habe ich Marlies genannt, weil sie leider ihren Schwanz ,ließ'", erzählt der Züchter. Kolkraben seien über das Weibchen hergefallen, als es noch ein Ferkel war, hätten aber nur den Schwanz erwischt. Immer wieder würden bis zu einer Woche alte Ferkel von diesen Raben gefressen. "Wenn eine Sau ,ferkelt', sind sie sofort da", berichtet Michael Günther. Drei Monate, drei Wochen und drei Tage dauert es, bis trächtige Sauen ihre Jungen zur Welt bringen. "Zum Schluss streifen ihre Bäuche fast die Erde, so dass sie wie Hängebauchschweine aussehen", sagt der Züchter.

Die vier Ferkel von Marlies und Martha - eine Sau und drei Eberchen - sind jetzt ein halbes Jahr alt. In einem Jahr will sie Michael Günther verkaufen. 400 bis 500 Euro bekommt er im Schnitt für ein Tier. Vor allem das kleine Weibchen hält der Züchter für zu schade zum Schlachten. "Sie könnte eine schöne Zuchtsau abgeben", blickt er schon mal voraus.

Doch auch Wollschweine sind letzten Ende Schlachttiere und zum Verspeisen da. Michael Günther selbst behält jedes Jahr ein Jungtier für den Eigenbedarf. Er lässt es vom Fleischer schlachten, portionieren und zu Wurst, Sülze, Speck und Schinken verarbeiten. "Das Fleisch von Wollschweinen ist mehr marmoriert, dunkler und auch gesünder, denn es hat wesentlich weniger Cholesterin", erklärt Michael Günther. Und es schmecke wunderbar.

Bis es ans Schlachten geht, können Günthers Wollschweine jedoch ein geruhsames Leben auf dem Land führen. Vier Tonnen Rüben, Äpfel in rauen Mengen, Gerste und Heu hat der Züchter vor Wintereinbruch besorgt. Und natürlich gibt er ihnen hin und wieder auch leckere Eicheln und Walnüsse.

Dass diese Tiere nur selten gehalten werden und immer noch vom Aussterben bedroht sind, hat mit den sich im Laufe der Jahre verändernden Essgewohnheiten zu tun. Ihre Blütezeit erlebten die vor allem auf dem Balkan beheimateten Wollschweine im 19. Jahrhundert. Bis in die 1950er Jahre hinein waren sie als Speckschweine weit verbreitet. Weil die Menschen jedoch immer mehr mageres Fleisch bevorzugten, wurden sie fast ausgerottet. 1993 habe es in Ungarn weniger als 200 Exemplare gegeben, sagt Michael Günther. Seit einigen Jahren stehen Wollschweine deshalb auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH). Seit 2010 gibt es ein Zuchtbuch in Deutschland. Dabei handelt es sich um ein vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördertes Projekt. Die Tiere von 120 Züchtern sind darin verzeichnet. Auch die Marsdorfer Wollschweine von Michael Günther.

Katrin Richter

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